Kommentar
Filz, Filz, Filz! Ja – und trotzdem ist SP-Levrat der richtige Mann als Post-Präsident

Dass SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga den früheren SP-Präsidenten zum obersten Pöstler befördert, hat einen schalen Beigeschmack. Falsch ist die Wahl deswegen aber nicht, nein: sie ist sogar schlau.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Die Zeit der Parteipolitik ist bei den Bundesbetrieben noch nicht vorbei. SP-Bundesrat Moritz Leuenberger hievte Parteifreund Ulrich Gygi einst auf den Chefsessel der SBB, CVP-Bundesrätin Doris Leuthard machte Parteifreund Urs Schwaller zum Post-Präsidenten, und nun ist die Reihe an SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die Parteifreund Christian Levrat, den früheren SP-Präsidenten, zu Schwallers Nachfolger kürt.

Die Reaktion kommt stets per Express: Filz, Filz, Filz! Und sie ist nachvollziehbar. Bei den Staatsbetrieben, die allesamt vor gewaltigen Herausforderungen stehen, kann das Parteibuch nicht massgebend sein für die Besetzung der obersten Posten. Entscheidend sind Fachkompetenz, Führungserfahrung und politische Sensibilität.

Nun ist Christian Levrat aber das falsche Beispiel, um sich darüber aufzuregen. Denn Levrat ist einer der besten Post-Kenner im Land. Seit über 20 Jahren befasst er sich mit dem Unternehmen, als junger Post-Gewerkschafter agierte er immer kämpferisch - und zugleich kompromissbereit. In jene Zeit fällt der grösste Post-Umbau der Geschichte mit der Schliessung von über 1000 Filialen. Das ging zwar mit einigem Getöse über die Bühne, aber letztlich bot Levrat Hand zu diesem Wandel.

Auch im Parlament war Noch-Ständerat Levrat, der im September zurücktreten wird, der dossierfeste Post-Spezialist, unter anderem als Präsident der beiden wichtigen Verkehrs- und Wirtschaftskommissionen. Er fiel dabei weniger als SP-Ideologe denn als Fachmann auf.

Parallelen zu Benedikt Weibel bei den SBB

Levrats Wahl ist aus liberaler Sicht sogar clever. In seiner neuen Rolle kommt er gar nicht umhin, gemeinsam mit dem Ex-McKinsey-Mann Roberto Cirillo, dem Post-Konzernchef, das Unternehmen zu modernisieren. Die Post, der drittgrösste Arbeitgeber der Schweiz, muss angesichts sinkender Briefmengen und Margendruck im Paketgeschäft die Digitalisierung vorantreiben und schlanker werden. Das weiss Levrat ganz genau. Er wird unbequeme Entscheidungen treffen und verantworten müssen. Entscheide, gegen die seine Ex-Kollegen von der Postgewerkschaft protestieren werden.

Levrat hat durch seine Vernetzung und seine soziale Ader die Glaubwürdigkeit, das Personal mitzunehmen. Linke können Reformen bisweilen besser umsetzen als Bürgerliche, weil die Basis und die Gewerkschaften eher mitziehen. Man kennt das aus der Politik: Die Sozialdemokraten Gerhard Schröder in Deutschland und Tony Blair in Grossbritannien führten neoliberale Reformen des Arbeitsmarkts durch, zu denen rechte Premiers kaum den Mut gehabt hätten. Und es gibt auch ein näher liegendes Beispiel für dieses Phänomen: Unter dem SBB-Chef Benedikt Weibel, einem volksnahen SP-Mitglied, wurden die Bundesbahnen entstaubt, modernisiert und 10'000 Stellen abgebaut - ohne nennenswerte Streiks.

Zweifel bleiben bei Levrat indes, ob er bezüglich Digitalisierung das nötige Knowhow mitbringt. Das muss er erst noch beweisen. Mit dem mantraartigen Betonen des Service public allein wird sich die Post nicht in die Zukunft retten können, zumal die frühere Cash-Cow Postfinance am Schlingern ist und wohl bald in die roten Zahlen rutscht. Kein anderer Bundesbetrieb steht vor so grossen Problemen wie die Post. Ihr Geschäftsmodell ist fundamental infrage gestellt.

Der erste Test wird für Levrat schon bald kommen: Als Post-Präsident muss er sich für die Privatisierung der Postfinance einsetzen, die seine Partei bekämpft. Dann wird sich erstmals zeigen, wie gut er den Rollenwechsel schafft.