KOMMENTAR
Die Fussball-EM ist ein Sinnbild für den Aufbruch Europas

Sie hätte nicht stattfinden sollen, nun zieht sie Millionen in ihren Bann. Die EM steht für den Aufschwung des Kontinents nach der Pandemie. Der Mut der Organisatoren wird belohnt. Trotz deren Fehlern.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Man trifft sich wieder und feiert. Bis die Schweizer Fussballer gegen Spanien ihre Penaltys versieben. Szene aus der Berner Altstadt.

Man trifft sich wieder und feiert. Bis die Schweizer Fussballer gegen Spanien ihre Penaltys versieben. Szene aus der Berner Altstadt.

Claudio De Capitani / freshfocus

Ende Januar sagte der Gesundheits­experte der SPD, Karl Lauterbach, voraus, dass die Fussball-EM «komplett abgesagt» werde. Die Entwicklung der Corona-Pandemie verunmögliche eine Austragung des Turniers.

Der deutsche Politiker hat sich getäuscht, und mit ihm andere. Die Europameisterschaft geht nun in ihre letzte Woche. Sie ist bisher ein durchschlagender Erfolg.

Viele legten es den Funktionären der Uefa als Sturheit aus, dass sie an der Austragung in mehreren Ländern festhielt. Der frühere Uefa-Präsident Michel Platini hatte es so geplant, weil er damit den 60.Geburtstag des Turniers begehen wollte.

Die Pandemie war kein grosses Problem. Abgesehen von Russland

Ökologisch ist es natürlich ein Unsinn, wenn sich die Fans vier Wochen lang kreuz und quer durch den Kontinent bewegen. Hinzu kommen die erhöhten Risiken neuer Ansteckungsherde. Im März vermeldeten Zeitungen, dass die ganze EM darum in England stattfinde. Oder im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Beides stellte sich als falsch heraus.

Dank den Schutzkonzepten kam es auch bei Spielstätten in elf verschiedenen Ländern nicht zu sogenannten Superspreader-Events. Die unrühmliche Ausnahme ist Sankt Petersburg. Die Stadt rückte erst im Frühling nach, weil Dublin verzichtete. In Russland kommt das Impfprogramm nicht vom Fleck. Präsident Putin macht bei der Eindämmung der Pandemie einen jämmerlichen Job. Die Uefa hätte hier früh intervenieren sollen. Weil sie es nicht tat, steckten sich Tausende finnischer Fans in Russland mit dem Coronavirus an.

Davon abgesehen, fiel die gute Stimmung in den halbvollen Stadien auf. Fussball ohne Zuschauer hat etwas Karges, Steriles, Freudloses. Zur guten Atmosphäre trugt die Spielweise der Mannschaften bei. Die Zeiten, in denen sich viele Teams einbunkerten und auf einen Torerfolg bei einem Konterangriff hofften, sind vorbei. Es wird mehrheitlich offensiv gespielt, es fallen viele Tore. Die Zahl der langweiligen Begegnungen sinkt.

Hinzu kamen unerwartete Begebenheiten, die Millionen Menschen auf der ganzen Welt berührten. Ein Fussballer sackt zusammen, seine Mitspieler reagieren mit rührender Anteilnahme, im ganzen Stadion liegen sich die Besucher betroffen in den Armen. Der Spieler, dessen Herz nicht mehr schlug, hat sich erholt. Fussballfans sind grölende Dumpfbacken? Das Klischee hat sich an jenem Nachmittag in Kopenhagen nicht bestätigt.

Die Zuversicht im Süden wächst

Die Fernsehstationen verzeichnen europaweit sehr hohe Einschaltquoten. Die EM wurde zum Sinnbild eines Kontinents, der die harte Zeit der Pandemie hinter sich lässt. In Europa zieht die Konjunktur an, der Tourismus erholt sich, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Und den Menschen ist es wieder erlaubt, auf den Strassen zu feiern. Was manche mit einer überdrehten Ausgelassenheit tun – sie haben offenbar Nachholbedarf.

Dass die Zuversicht gerade in hart getroffenen Ländern Südeuropas wächst, hat auch mit dem Wiederaufbau-Fonds der EU zu tun. Dass man Schulden vergemeinschaftet, lehnten die reichen Länder im Norden bisher zu Recht ab. Aber besondere Zeiten erfordern besondere Massnahmen. Wenn die Milliarden richtig ausgegeben werden, für die Infrastruktur, für Bildungsprojekte, für die Digitalisierung, dann bietet sich dem Süden Europas nun eine grosse Chance. Es ist Aufgabe der Politiker in den Empfängerländern und auch in Brüssel darüber zu wachen, dass die zugeteilten Mittel nicht in dunklen Kanälen versickern oder für Projekte verschleudert werden, die keinen langfristigen Nutzen erbringen.

Die Fussball-EM hat den Menschen nach einer langen Zeit der Einschränkungen gezeigt, dass grosse Veranstaltungen wieder möglich sind. Das Leben kehrt zur Normalität zurück. Die Uefa ist belohnt worden für ihren Mut und die Beharrlichkeit. Noch schöner wäre das Turnier freilich gewesen, hätten die Schweizer den Halbfinal erreicht. Die Spanier hatten etwas dagegen. Und der Schiedsrichter.