Asylwesen
Knatsch um Asylunterkunft: Sind die Uetendorfer toleranter als die Bettwiler?

Das 6000-Seelen Dorf Uetendorf bei Thun in Bern nimmt freiwillig 100 Asylbewerber auf. Dafür wird wie schon vor 3 Jahren eine Sanitätsstelle mitten im Dorfzentrum umfunktioniert. Von der Bevölkerung gibt es keinen Widerstand.

Daniel Meyer
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Die Asylunterkunft in Uetendorf wirft kaum Wellen

Die Asylunterkunft in Uetendorf wirft kaum Wellen

Patric Spahni
Bereits vor drei Jahren wurde die Anlage während 14 Monaten von 100 Asylbewerbern bewohnt

Bereits vor drei Jahren wurde die Anlage während 14 Monaten von 100 Asylbewerbern bewohnt

Patric Spahni

Die Meldung scheint im Hinblick auf die Geschehnisse in Bettwil schier unglaublich: Eine Schweizer Gemeinde nimmt freiwillig Asylsuchende auf? Der Uetendorfer Gemeindeschreiber Kurt Spöri bestätigt: «Es gab keinerlei Druck von Bund oder Kanton. Das war unsere Entscheidung.» Mindestens ebenso erstaunlich ist das Tempo, das die Berner dabei vorlegen: Vor drei Wochen - Mitte November - kam die Anfrage vom Kanton, und in einer Woche - am 15. Dezember - ziehen die ersten Asylbewerber ein. «Das ist sportlich», so Spöri.

Nur ein Anwohner wollte genauere Informationen

Letzte Woche wurden als erstes die Anwohner in einem Brief über die Pläne der Gemeinde informiert. Die Reaktion: Ein Anwohner verlangten genauere Angaben über Anzahl, Herkunft und Dauer der Unterbringung. Ablehnende Haltung gegenüber den Asylsuchenden, wie in Bettwil, gab es nicht.

Auch die Gemeindeverantwortlichen selbst reagierten nur mit zwei Bedingungen:

• Maximale Dauer von sechs Monaten: Dazu ist zu sagen, dass die Eigentümer - die Betreiber des Altersheims Turmhuus, unter dem die Anlage liegt - die Sanitätsstelle zu einer Tiefgarage umbauen wollen. Pläne dafür existieren bereits. Zudem läuft der Vertrag zur Nutzung am 30. Juni 2012 aus.

• Ein Sicherheitsdispositiv, welches diesen Namen verdient. Hierfür wurde eine 24-Stunden-Hotline eingerichtet. Diese steht besorgten Dorfbewohnern zur Verfügung, die Auffälligkeiten sofort melden können. Die Hotline wie auch die ganze Anlage wird von der Asylkoordination Thun betrieben. Zudem sind die Kantonspolizei Bern und die Securitas ins Sicherheitsdispositiv eingebunden.

Anlage wurde schon einmal umfunktioniert

Dieses Eilzugstempo sei aber nur möglich, weil die Anlage auf Stand-by gehalten wurde, als sie vor drei Jahren schon einmal während 14 Monaten als Unterkunft für rund 100 Asylsuchende diente. Im Jahr 2008 wurden Osteuropäer - Ukrainer und Georgier - der Gemeinde vom Bund zugewiesen. Wie sich später herausstellte, waren diese Asylsuchenden jedoch im Vorneherein organisiert, sodass bereits eine Stunde nach Ankunft in der Asylunterkunft bereits Fahrzeuge warteten, um auf Diebestour zu gehen. «Doch die Polizei verhaftete diese Leute, anschliessend wurden sie ausgeschafft.»

Abgesehen von diesen Startschwierigkeiten verhielten sich die nachfolgenden Asylsuchenden aus Somalia, Afghanistan und dem Irak mustergültig. «Der Aufenthalt dieser Leute verlief ruhig». Spöri sieht dafür zwei Gründe: Grösstenteils kamen diese Leute als Ehepaare oder in Familien, was die kriminelle Energie beträchtlich mindert. Dazu komme, dass Uetendorf eine Agglomerationsgemeinde sei.

Die Leute wohnten zwar hier, arbeiteten Tagsüber aber in Bern oder Thun. Ein Dorfleben im klassischen Sinne Tagsüber findet nicht statt - was wiederum das Konfliktpotential reduziert. Dies, obwohl sich die Anlage mitten im Dorfzentrum befindet. Trotzdem gibt Spöri zu, dass der Aufenthalt der Flüchtlinge nicht ganz ohne Probleme ablief. So wurde zu Beginn eine Massierung bei Laden-Diebstählen festgestellt. «Dies war aber in einem nicht gravierenden Masse».

Kanton gab der Gemeinde sogar einen Korb

Im Jahre 2010, nachdem die Anlage wieder leer stand, fragte die Gemeinde den Kanton (Migrationsdienst) sogar an, ob er noch Asylbewerber unterzubringen habe, was aber nicht der Fall war. «Damals war es eine komplett andere Situation», so Spöri. Damals wie heute wurden und werden kaum Alternativen diskutiert. Es gehe darum, dem Kanton zu helfen, wenn man könne: «Wir sind uns bewusst, dass wir in dieser Angelegenheit dem Kanton mit einem verhältnismässig geringen Aufwand helfen können, also tun wir es.» Der Kanton stehe ja zwischen dem Bund und den Gemeinden und sei für beide der Sündenbock.

Verständnis für Bettwiler

Doch hat er durchaus Verständnis für die Reaktionen in Bettwil: «Doch werden die Ängste auch geschürt von Leuten mit Interessen oder von den Medien. Je mehr man etwas liest, desto eher glaubt man es auch. Ich kann gut verstehen, wenn die Leute verunsichert sind.»

Erstaunlich ist ebenso die Zusammensetzung im Gemeinderat von Uetendorf. Dieser besteht aus 9 Personen: 4 SVP, 3 SP, 1 BDP und 1 EVP. Obwohl der rechte Flügel klar die Mehrheit hat, hat dieser nicht interveniert. Der Beschluss wurde einstimmig gefällt.

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