Céline Amaudruz

«KMU werden dank Vaterschaftsurlaub attraktiver» – warum die SVP-Vizepräsidentin gegen ihre Partei antritt

Céline Amaudruz sieht den Vaterschaftsurlaub als Investition in die Zukunft.

Céline Amaudruz sieht den Vaterschaftsurlaub als Investition in die Zukunft.

Gemeinsam mit Politikern aus allen anderen Parteien setzte sich die Genferin Céline Amaudruz heute vor den Medien für den bezahlten Vaterschaftsurlaub ein. Im Interview spricht sie über die Gründe.

Frau Amaudruz, die SVP Schweiz spricht sich gegen den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub aus. Sie haben sich heute trotzdem vor den Medien für ein Ja eingesetzt. Weshalb?

Céline Amaudruz: Ich habe mich immer für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern eingesetzt. Heute tue ich dies für die Gleichstellung der Männer: Die Väter haben heute nicht die Möglichkeit, nach der Geburt in der Nähe ihres Kindes zu sein – es sei denn, sie beziehen Ferientage oder unbezahlten Urlaub. Der bezahlte Vaterschaftsurlaub ist in meinen Augen eine Investition in die Zukunft unseres Landes.

Ist er nicht zu teuer für die Wirtschaft? KMU beklagen, dass der Ausfall der Väter während zwei Wochen nur schwer verkraftbar sei.

Natürlich kostet der Vaterschaftsurlaub etwas. Aber für mich ist er finanziell gesehen eine sinnvolle Investition und keine Auslage. In der Schweiz waren die Unternehmen immer in der Lage, die Abwesenheiten der Männer aufgrund von Militärdienst oder Zivilschutz zu bewältigen. Somit wird auch der Vaterschaftsurlaub organisatorisch ohne grössere Probleme möglich sein. Für die KMU bedeutet der bezahlte Vaterschaftsurlaub, dass sie als Arbeitgeber wieder attraktiver werden. Denn die grossen, multinational tätigen Konzerne gewähren schon heute grosszügige Vaterschaftsurlaube, ebenso die öffentlichen Verwaltungen. Die Finanzierung über die Erwerbsersatzordnung (EO) ist für die Wirtschaft verkraftbar – trotz der Coronakrise.

Mehrere SVP-Kantonalparteien in der Romandie haben die Ja-Parole zum Vaterschaftsurlaub beschlossen. Weshalb ticken die Welschen SVPler anders als die Deutschschweizer?

Möglicherweise haben wir in der Romandie eine etwas städtischer geprägte Sichtweise auf gesellschaftspolitische Fragen. Die SVP in der Romandie scheint mir in der Gesellschaftspolitik eher auf der Höhe der Zeit zu sein. Aber es gibt auch in der Deutschschweiz vereinzelte SVP-Exponenten und -Exponentinnen, die den Vaterschaftsurlaub befürworten.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie von der Parteilinie abweichen. Sie tun dies etwa bei der Lohngleichheit oder der Krippenfinanzierung regelmässig. Fühlen Sie sich manchmal allein im Parteileitungsausschuss, dem Sie als SVP-Vizepräsidentin angehören?

Nein, ich fühle mich nicht allein, ich fühle mich frei, in einzelnen Fragen eine andere Position zu vertreten. Und Freiheit ist ja ein wichtiger Wert für die SVP. Bei den für unsere Partei zentralen Themen – Nein zur EU, Souveränität, Unabhängigkeit, Personenfreizügigkeit – stehe ich zu 100 Prozent hinter der Parteilinie. In einzelnen Themen weiche ich davon ab. Damit bin ich aber nicht die einzige in der Parteileitung. Es ist wichtig, seinen eigenen Werten treu zu bleiben und diese innerhalb der Partei zu vertreten. Damit hat niemand ein Problem.

Eine breite Allianz von SVP bis Grünen warb am Donnerstag für ein Ja.

Eine breite Allianz von SVP bis Grünen warb am Donnerstag für ein Ja.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Ich setze mich für die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen ein und dazu gehört für mich auch die Lohngleichheit. Ich weiss nicht, ob mich das zu einer Feministin macht.

Aber ich sehe keinen Grund, mein Engagement für diese Werte unter irgendeinen Oberbegriff zu stellen.

Marco Chiesa soll neuer SVP-Parteipräsident werden. Im Nationalrat sagte er Ja zum Vaterschaftsurlaub und er will mehr staatliche Unterstützung für die familienergänzende Betreuung. Macht die SVP mit Chiesa an der Spitze zukünftig eine fortschrittlichere Gesellschaftspolitik?

Ich hoffe es. Marco Chiesa hat als Vertreter der lateinischen Schweiz eine andere Sensibilität für gesellschaftspolitische Themen. Ich hoffe, Chiesa gelingt es, einzelne Mitglieder unserer Partei von seinen Positionen zu überzeugen. Wir werden sehen. Klar ist: Weder Chiesa noch ich werden unsere Haltung ändern. Gleichzeitig müssen wir respektieren, dass es bei gesellschaftspolitischen Fragen auch andere Haltungen gibt in der Partei.

Bei den Wahlen 2019 gehörte die SVP zu den Verlierern. War die konservative Gesellschaftspolitik ein Grund dafür?

Es ist nicht an mir, hier auf die Schnelle eine Analyse zu machen. Nicht nur die SVP, auch die anderen bürgerlichen Parteien haben verloren. Ich denke nicht, dass die Gesellschaftspolitik ausschlaggebend war. Viel wichtiger war die Klimafrage, die im Wahlkampf dominiert hat. Aber die SVP bleibt mit grossem Abstand die stärkste Partei der Schweiz. Bei unseren zentralen Themen sind wir uns treu geblieben und dafür schätzt uns die Bevölkerung. In der Klimafrage wird sich beim Referendum zum CO2-Gesetz zeigen, was die Stimmbürger von der grünen Politik der steigenden Strom- und Benzinpreise hält. Hier werden Marco Chiesa und ich zusammen mit der SVP für ein Nein kämpfen.

Meistgesehen

Artboard 1