Das Fazit ist unmissverständlich: Die offizielle Schweiz wusste bereits Anfang der 1980er-Jahre von Unregelmässigkeiten bei Adoptionen von Babys aus Sri Lanka. So berichtete beispielsweise der Botschafter in Colombo, Claude Ochsenbein, nach eigenen Nachforschungen im Frühling 1982 nach Bern von «luschen Schleppern» und «Haien im Milieu». Das zeigt ein bislang unveröffentlichter Bericht des Kantons St.Gallen zuhanden der Eidgenossenschaft über Akten im St.Galler Staatsarchiv über die inzwischen verstorbene Adoptions-Vermittlerin Alice Honegger.

«Wir sind dankbar für den Bericht», kommentiert Sarah Ramani Ineichen. Die Präsidentin von «Back to the Roots», einer Interessengemeinschaft von Adoptierten aus Sri Lanka in der Schweiz, ergänzt: «Dieser erste Bericht eines Kantons ist ein erster wichtiger Schritt in der vollständigen Aufarbeitung der irregulären Adoptionspraktiken aus Sri Lanka und anderen Ländern in die Schweiz.» Dankbar ist Ineichen auch für die neue Offenheit in Bundesbern: «Die Schweiz zeigt sich als erstes europäisches Land bereit, sich offen und kritisch mit den vergangenen Geschehnissen auseinanderzusetzen.» Es sei nun aber «absolut zentral», dass adoptierte Personen aus Sri Lanka «mit am Tisch sitzen und die weitere Aufarbeitung des Skandals mitgestalten können».

Und wie reagieren Betroffene auf die Recherche? «Das dauert meist ein oder zwei Wochen, bis sie sich bei uns melden», sagt Sarah Ineichen. «Gerade für Adoptierte, die in den Medien zum ersten Mal von diesen illegalen Machenschaften lesen, ist es schwierig, mit diesen neuen Infos umzugehen.» Ziel ihres Vereins sei es aber, Betroffenen in diesem Prozess beizustehen.

Betroffen zeigt sich auch Rebecca Ruiz. Geht doch der St.Galler Bericht zurück auf einen im Frühling überwiesenen Vorstoss der Waadtländer SP-Nationalrätin. «Ab jetzt kann sich der Bund nicht mehr hinter den damals für das Adoptionswesen verantwortlichen Kantonen verstecken.» Das sei «ein erster, aber sehr wichtiger Schritt» auf dem Weg dazu, dass die Eidgenossenschaft aktiv werden könne und müsse. Mit konkreten Forderungen an den Bund – etwa nach finanzieller Unterstützung oder gar einer Wiedergutmachung – will sich Ruiz derzeit jedoch nicht aus dem Fenster lehnen. «Wichtig ist, dass diese dunkle Seite der jüngeren Schweizer Geschichte nun vollständig ausgeleuchtet wird.»

Übrige Kantone gefordert

Anders Sarah Ineichen. Die Präsidentin von «Back to the roots» sieht durchaus akuten Handlungsbedarf: «Es braucht nun sofortige und direkte Unterstützung für jene adoptierten Personen, welche sich im Zuge der Enthüllungen auf die Suche nach ihren familiären und emotionalen Wurzeln gemacht haben und machen.» Laut ihrer Erfahrung bräuchten Betroffene nun psychologische Hilfe und Unterstützung, damit die Adoptierten, ihr Umfeld und die Adoptiveltern mit den Folgen des Traumas und der sehr ungewissen und sehr schwierigen Wiedervereinigung mit ihren Geburtsfamilien umgehen können. Eine «rasche Soforthilfe» sei durchaus angezeigt, allein schon weil dem Vorwurf des Kinderhandels, der auf schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen hinweise, durch die Kantone – und wie nun eben bewiesen auch durch den Bund – jahrelang nicht nachgegangen worden sei. Die übrigen Kantone haben – analog St.Gallen – noch eineinhalb Jahre Zeit, sich beim Bund zu ihrem Umgang mit Adoptionen aus Sri Lanka zu melden.