Jagd

Keine Milde für den Wolf: «Geschützte Tiere könnten so abgeschossen werden, einfach weil sie da sind»

Für den Wolf wird es in der Schweiz ungemütlicher. Imago

Für den Wolf wird es in der Schweiz ungemütlicher. Imago

Der Nationalrat lockert den Schutz des Wolfes noch weiter als der Ständerat — die Gegner sprechen von einem «Abschussgesetz».

Zum ersten Mal wagte sich der Wolf Mitte der 1990er-Jahre wieder in die Schweiz. In jenes Land, in dem er – wie in weiten Teilen Europas – im 19. Jahrhundert ausgerottet worden war. Inzwischen leben hierzulande wieder 40 bis 50 Tiere. Für den Bündner CVP-Ständerat Stefan Engler ist das Zusammenleben von Wolf und Bergbevölkerung dadurch aus den Fugen geraten.

Per Vorstoss forderte er vor fünf Jahren eine Möglichkeit für die Kantone, die geschützten Wolfsbestände regulieren zu können. Heute können die Kantone mit einer Bewilligung des Bundes einzelne Tiere abschiessen, wenn diese erhebliche Schäden anrichten. Mit der Stossrichtung des Vorstosses hätte der WWF Schweiz noch leben können.

Die Gesetzesvorlage, die der Nationalrat gestern beriet, hat laut Projektleiterin Océane Dayer aber nichts mehr mit dem ursprünglichen Anliegen gemein. Vielmehr handle es sich um ein eigentliches «Abschussgesetz», das den Schutz gefährdeter Tierarten aushöhle.

Arrogante Städter

Gemäss dem Vorschlag des Bundesrates sollen die Kantone für den Abschuss von geschützten Tieren nicht mehr auf die Zustimmung des Bundes angewiesen sein. Zudem sollen sie keine konkreten Schäden mehr nachweisen müssen. Abschüsse wären bereits möglich, wenn ein grosser Schaden oder eine konkrete Gefährdung von Menschen droht, aber noch nicht eingetreten ist.

Die Zutaten für eine emotionale Debatte waren gegeben. Nachdem Umweltministerin Simonetta Sommaruga eine Weile zugehört hatte, sagte sie: «Dazu, wie wir mit der Natur umgehen, gibt es innerhalb unseres Landes sehr unterschiedliche Sichtweisen.» Es war eine verniedlichende Umschreibung der teilweise heftigen Voten.

Da stürmte der Berner SVP-Präsident Albert Rösti in den Saal, um dem Zürcher Grünen-Politiker Bastien Girod Arroganz vorzuwerfen, nachdem dieser mehr Faszination für den Wolf gefordert hatte. Rösti wollte vom «aus der Stadt kommenden» Girod wissen, ob er schon einmal in die Augen eines Schafbauern geblickt habe, der seine Tiere «zerfetzt, mit abgerissenen Beinen» vorgefunden habe.

Die Anhänger des geltenden Artenschutzes wiederum argumentierten, die Lockerung stehe in keinem Verhältnis zum Ausmass der Schäden. Die durchschnittlich etwas über 200 Wolfsrisse pro Jahr seien nun wirklich nicht so schlimm, sagte die Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni. Über 90 Prozent der Risse bei Nutztieren fielen ohne Herdenschutz an. Ein solcher Herdenschutz bringe zwar einen Mehraufwand für die Schafhalter mit sich, diese würden dafür aber vom Bund entschädigt, so Semadeni. Es gebe Alpen, die sich nicht schützen liessen, tönte es von der anderen Seite. Dass unvereinbare Ansichten aufeinanderprallten, lässt sich mit zwei Voten illustrieren.

«Der Wolf ist da, ob Sie wollen oder nicht», sagte Semadeni. «Für mich gibt es in der kleinräumigen Schweiz kein Zusammenleben von Wolf, Nutztieren und der Bergbevölkerung», sagte der Walliser SVP-Nationalrat Franz Ruppen. Die Oberhand behielt das Lager von Ruppen, das gegenüber den Beschlüssen des Ständerats zusätzliche Lockerungen durchbrachte: Die vermuteten Schäden müssen nicht zwingend «gross» sein, damit eine Regulierung möglich ist. Es müssen auch keine zumutbaren Herdenschutzmassnahmen umgesetzt sein, bevor ein Abschuss möglich ist. «Geschützte Tiere könnten so abgeschossen werden, einfach weil sie da sind», sagt Océane Dayer vom WWF.

Luchs verschont

Neben dem bereits heute regulierbaren Steinbock und dem Wolf nahm der Nationalrat zudem den Biber ins Visier. Die Biberpopulation ist in den vergangenen Jahren gewachsen, derzeit leben etwa 3000 Tiere in der Schweiz. Anders als der Ständerat will der Nationalrat dagegen die ungefähr 230 Luchse nicht zur Regulierung freigeben.

Allerdings sieht das Gesetz vor, dass der Bundesrat in Eigenregie weitere geschützte Tierarten als regulierbar bezeichnen kann. Ob der WWF und andere Naturschutzorganisationen wie angedroht das Referendum ergreifen werden, entscheidet sich erst nach Abschluss der Beratungen im Parlament.

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