Es fängt schon mit einem Feuer an: Dani (Céline Rey), ein frecher Teenie, zündet die Grillstelle an. Wenn sie nämlich schon einmal in Sektor 1, dem Paradies auf der Welt von in fünfzig Jahren, sein darf, dann will sie das auch ausnützen.

Leider gerät sie damit ins Visier des stets peinlich auf Ordnung und Disziplin bedachten Segway-Fahrers Bastian Blumer (Simon Engeli). Der toleriert es nicht, dass ausserhalb der Öffnungszeiten an der Grillstelle gespielt wird. Und so wird Danis Vater Giorgio (Luigi Prezioso) zu acht Stunden Arbeitsdienst verdonnert; während sie und ihre schwangere Mutter Rosa (Maria Augusta Balla) gezwungen werden, die zahlreichen Regeln, die «draussen» gelten, auswendig zu lernen.

Anfang vom Ende

Es ist der neuste Streich des Kollektivs Karl's kühne Gassenschau: «Sektor 1». Ein Tag in diesem Paradies mit Barfuss-Plausch und Skifahren, ist wahrhaftig eine kleine Auszeit vom öden, konformistischen Leben in der Aussenwelt, in der Umweltverschmutzung das grösste Übel ist: Hier ist alles einfacher, denn Aufzieh-Enten quaken nicht, und Badminton macht mehr Spass, wenn der Ball nicht runterfallen kann, weil er auf einer Stange befestigt ist. Deshalb ist ein Mini-Urlaub in Sektor 1 das Nonplusultra für die Erdenbewohner der Zukunft.

Doch mit dem Regelverstoss ihrer Tochter beginnt der Abstieg der Familie Moretti, deren Ökobilanz doch eigentlich so vielversprechend gewesen war. Und Giorgio, der stets darauf bedacht war, ein gewissenhaftes Leben zu führen, muss mit den Schwerverbrechern Rico (Daniel Bill), Rony (Thomas Hostettler), Jamie (Theresa Davi), Ida (Brigitt Maag), Jüge (Paul Weilenmann), Yolanda (Nicole Steiner) und Detlef Schröder (Guido Frank) den Sektor 1 sauber halten.

Das heisst: Imaginären Schmutz aus dem Teich fischen, glänzenden Äpfel an einen mobilen Baum hängen. Im Sektor 1 verkommt der Mensch zum Sisyphus der Moderne, Frau Krähenbühl (ebenfalls Nicole Steiner) in ihrem metallenen Turm ist die Wächterin über die Ordnung.

Die Gruppe, die hier ein tristes Dasein fristet, ist in den Augen der neuen Ordnung ein Haufen Schwerverbrecher: Leute, die die Sonne auf der Haut und den Wind in Haaren spüren wollten. Oder Detlef Schröder, der dafür sitzt, dass er herumexperimentiert hat; das passt denen, die hier das Sagen haben, nämlich nicht.

Denn eine perfekte Welt lässt sich nicht optimieren. Und deshalb müssen Leute wie Schröder aussortiert werden. Er steht für das, was in einer sauber geregelten Welt das Gefährlichste ist: selbstständig Denken. Bezeichnend deshalb auch das Mantra in der Welt der Zukunft: «Die Gemeinschaft steht über dem Individuum».

Wer das nicht versteht, dem wird das Gehirn gewaschen. Singen ist für die Sträflinge verboten, wer sich widersetzt, wird mit einem passabene-Gerät ins «Time-Out» versetzt und abtransportiert. Und wenn der Abfall, den die Menschen ins Weltall geschickt haben, wieder auf die Erde niederprasselt wie eine der zehn Landplagen Gottes, dann heisst es für die Öko-Sünder: Eliminieren, so schnell wie möglich.

Zeter und Mordio

Und das geschieht jeweils unter gehörigem Lärm und mit grossem Knall. So ganz ohne etwas in die Luft zu sprengen geht es bei Karl’s kühne Gassenschau einfach nicht: Da müssen Stichflammen her, alles verschlingende Wasserstrudel und grosse Maschinen (Regie: Paul Weilenmann und Brigitt Maag, Bühne: Markus Heller); und da müssen rockige Aufständischen-Gesänge angeklungen werden, wenn die Bad Boys in verdrecktem Berndeutsch gegen die Ungerechtigkeiten ansingen (Musikalische Leitung: Neil Filby). Und das Finale der Show ist ein Spektakel für sich.

Auch wenn von einem Happy End nicht die Rede sein kann: Viel wichtiger als das Drama und als die Anprangerung des Konsumverhaltens, die ebenfalls vorhanden, ja bezeichnend für die Arbeit von Karl’s kühne Gassenschau sind, ist in «Sektor 1» eine Erkenntnis: Überregulierung, Kontrollwahn und das Streben nach Einheitlichkeit und Perfektionismus sind gewiss nicht die Lösung. Und nur weil jemand Motorrad fährt, hat er noch immer eine Daseinsberechtigung.

«Sektor 1» ist nichts Geringeres als eine Ode an die Freiheit: Indem Underdogs, blitzgescheite Weltverbesserer, verschrobene Gedichteschreiber und wissbegierige Lebenshungrige sich nicht unterkriegen lassen, beweisen sie, dass auch Individuen, ihre Träume und ihre Leidenschaften zählen. Und indem sie am Ende gewinnen, entlarven sie hierarchische Strukturen, unberechtigten Machtanspruch und die Unfähigkeit, zu fühlen, als das, was sie sind: ein Haufen Müll.

Nächste Aufführungen

Sektor 1 von Karl's kühne Gassenschau. 16.6. bis 15.10. immer Di-Sa, 20.15 Uhr.

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