Medizinstudium

Kampf gegen Ärztemangel: Den Studenten fehlen Patienten und Leichen

Engpass bei Patienten und Leichen:  Während die Zahl der Studenten steigt, verkürzt sich die Aufenthaltsdauer der Patienten im Spital.

Engpass bei Patienten und Leichen: Während die Zahl der Studenten steigt, verkürzt sich die Aufenthaltsdauer der Patienten im Spital.

100 Millionen Franken will der Bundesrat in die Ausbildung von Ärzten stecken. Das hat er diesen Juni versprochen. Und auf einmal wollen alle Universitäten mitmachen und neuerdings Ärzte ausbilden – dabei mangelt es an klinischen Ausbildungsplätzen.

100 Millionen Franken will der Bundesrat in die Ausbildung von Ärzten stecken. Das hat er diesen Juni versprochen. Und auf einmal wollen alle Universitäten mitmachen. Nebst den fünf bisherigen Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich haben nun auch Lugano, Luzern, St. Gallen und die ETH Interesse angemeldet, eine medizinische Fakultät aufzubauen. Zudem will Freiburg seinen Bachelor-Studiengang mit einem Master ergänzen.

Überreaktion auf Ärztemangel?

Ob und wie die 100 Millionen Franken dereinst verteilt werden, ist noch unklar. Erstens muss das Parlament die Ausgaben noch absegnen. Zweitens finden Gespräche zwischen den Kantonen erst statt. Und dort rumort es bereits. Denn der Bundesrat hat vom früheren Rektor der Universität Basel, Antonio Loprieno, einen Bericht erstellen lassen, um herauszufinden, welche Massnahmen am effizientesten sind, um mehr Ärzte auszubilden. Loprieno empfiehlt die ETH als neue Ausbildungsstätte. Das stösst den Kantonen sauer auf.

Dabei ist der Handlungsbedarf unbestritten: Jeder dritte Arzt besitzt einen ausländischen Pass. Die Schweiz muss mehr eigene Ärzte ausbilden. Und die medizinischen Fakultäten stossen an Grenzen: In den letzten Jahren schufen sie mehr als 240 Studienplätze. Jetzt sei die kritische Grenze erreicht, geben Bern, Basel und Zürich an: Ohne grössere Investitionen in die Infrastruktur könnten keine zusätzlichen Ärzte ausgebildet werden. In dieser Hinsicht ist das Engagement von Lugano, Luzern, St. Gallen und auch der ETH begrüssenswert.

Doch aus Sicht verschiedener Experten löst es das grundlegende Problem nicht: Patientenschützerin und GLP-Nationalrätin Margrit Kessler sagt, es mangle an «klinischen Ausbildungsplätzen». Die praktische Arbeit im Spital, die Arbeit mit Patienten, sei das «Nadelöhr» des Studiums.

Denn: «Man kann nur eine begrenzte Zahl Studenten auf Patienten loslassen.» Loprieno pflichtet bei: «Was fehlt, sind Patientenbetten.» Deshalb sei es auch wenig sinnvoll, überall neue Strukturen aufzubauen. Vielmehr brauche es eine Koordination zwischen den Spitälern. «Die klinische Ausbildung kann ausgebaut werden, ohne eigens dafür neue Fakultäten aufzubauen», sagt er.

Berner Studis im Churer Spital

Bereits heute fahren Zürcher Medizinstudenten nach Baden, Winterthur oder St. Gallen für ihre klinische Ausbildung. Studenten in Bern begeben sich nicht nur in umliegende Kantone, sondern bis nach Chur oder Schaffhausen. Die Unispitäler haben zu wenig Plätze für die Ausbildung. Jürg Hodler, der ärztliche Direktor des Universitätsspitals Zürich, erklärt, je nach Fach gebe es Unterschiede: «Die Bildgebung in der Radiologie können Studenten auch in Gruppen üben. Erfahrungen in innerer Medizin oder Chirurgie muss hingegen jeder Student 1:1 mit einem Patienten machen können.»

Das Dilemma: Während die Zahl der Studenten steigt, verkürzt sich die Aufenthaltsdauer der Patienten im Spital. Hodler stellt deshalb einen zunehmenden Engpass bei Patienten und Leichen fest. Für den Leichenmangel habe man heute bereits Alternativen gefunden: Medizinstudenten üben in Simulationszentren. Dort lernen sie Venen stechen, Katheter legen oder Flüssigkeit aus dem Wirbelsäulenkanal zu entnehmen. Hodler sagt: «Die Leichen fehlen vor allem für chirurgische Übungen.»

Damit die Studenten auch künftig den Umgang mit Patienten lernen können, müssten auch kleinere Spitäler in die Ausbildung einbezogen werden, so Hodler. Doch dazu sei die Struktur des Studiums und die Finanzierung der klinischen Ausbildungsplätze zu überdenken. «Unsere Mittel für die Ausbildung werden immer knapper.» Wie die 100 Millionen Franken dereinst eingesetzt werden, ist heute aber noch unklar.

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