«Ich bin aber kein Zauberer, der die Klasse verändert»

Schulsozialarbeit wirkt. Davon ist der Murianer Schulsozialarbeiter Martin Schneider überzeugt. Aber zaubern kann auch er nicht.

Drucken
Teilen
psychologe.jpg

psychologe.jpg

Aargauer Zeitung

Eddy Schambron

Zur Person

Martin Schneider ist 32-jährig und wohnt mit seiner Familie in Besenbüren. Er ist seit zweieinhalb Jahren Schulsozialarbeiter in Muri. In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich Tennis und fährt gerne Vespa.

Das Besprechungszimmer von Martin Schneider ist spärlich möbliert. Um ein kleines Tischchen gruppieren sich ein Sofa und drei Stühle. Hier geschieht ein grosser Teil der Arbeit des Schulsozialarbeiters in Form von Gesprächen.

Immer wieder Schlagzeilen über Mobbing von Schülerinnen und Schülern. Einzelfälle oder ein generelles Problem?
Martin Schneider: Mobbing ist eine generelle Problematik, wir haben viel damit zu tun. Allerdings gilt es zu unterscheiden zwischen normalen Hänseleien und wirklichem Mobbing. Das ist nicht immer ganz einfach.

Gibt es Massnahmen gegen Mobbing, die greifen?
Schneider: Mobbing soll man offen ansprechen, aus dem Versteckten holen und die Vorgänge den Schülerinnen und Schülern bewusst machen. Ich arbeite jetzt seit zweieinhalb Jahren in Muri und habe das Gefühl, die Fälle von Mobbing seien etwas weniger geworden. Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie sich aussprechen können, sich eine professionelle Person darum kümmert und dass ich der Schweigepflicht unterstehe.

Was ist der Hintergrund von Mobbing?
Schneider: Beim Mobbing gibt es immer ein Opfer und eine Täterschaft. Das Opfer ist oft ein sehr zurückhaltender, ruhiger Schüler, der Täter oder die Täterin meist selbstsicher gegen aussen, ein Leader in der Klasse. Manchmal geht es einfach darum, herauszufinden, wie weit man gehen kann. Wichtiger aber sind mir die Neutralen, sie sind nämlich in der Überzahl. Sie getrauen sich oft nicht, bei offensichtlichem Mobbing einzuschreiten, aus Angst, selber «dranzukommen». Wenn sich die Neutralen aber zusammenschliessen, hat der Täter wenig Spiel. Die neutralen Schülerinnen und Schüler können die Dynamik in einer Klasse wesentlich beeinflussen.

Aber Mobbing findet nicht nur während der Schulzeit statt?
Schneider: Nein. Da läuft im Internet viel mehr ab. In den Communities wie Netlog, MSN oder Facebook ist «dissen» (jemanden schlechtmachen, fertigmachen) gang und gäbe. Das geht bis zu perfiden Verleumdungen und kann verheerende Folgen haben. Direkt Einfluss nehmen kann hier die Schulsozialarbeit nicht, man kann nur Gesprächsbereitschaft signalisieren. Die Eltern sollen die Internetnutzung der Kinder kontrollieren und regeln, nicht als Polizisten, sondern als Begleiter.

Erleben heute Schülerinnen und Schüler mehr Druck als früher?
Schneider: So allgemein ist das schwer zu sagen. Sicher ist, dass der Lehrstellendruck enorm ist und dass Jugendliche oft mit knallharten Absagen von Arbeitgebern konfrontiert sind. Diese Situation kann sich auf dem Schulhausplatz oder im Schulzimmer negativ auswirken. Wenn sich einer als Verlierer sieht und trotzdem als cooler Typ gelten will, kann das mit Aggressionen und Gewalt einhergehen. Das drückt sich aber nicht in Mobbing aus.

Amokläufe oder Suizide von Schülern schrecken mit einer gewissen Regelmässigkeit die Bevölkerung auf. Hat das mit Leistungsdruck zu tun?
Schneider: Ich glaube nicht, dass suizidale Handlungen unter Jugendlichen zugenommen haben. Kommt es aber dazu, dürfte meistens eine Kombination von Problemen dazu führen: Leistungsschwäche in der Schule, Konflikt im Elternhaus. Wenn dann noch das enorm wichtige kollegiale Umfeld nicht funktioniert, kann es zu einer Kurzschlusshandlung kommen. Gerade die Wertschätzung, die Anerkennung durch Gleichaltrige ist für Jugendliche von zentraler Bedeutung. Das zeigt sich auch bei der Mobbing-Problematik: Ein Schüler, die von Mitschülern gestützt wird, ist nicht so einfach zu mobben. Er wird von seinem Kollegenkreis gestärkt und verteidigt.

Was kann Schulsozialarbeit konkret bewirken?
Schneider: Schulsozialarbeiter haben eine andere Rolle als Lehrpersonen oder Eltern. Wir sind nur Ansprechpersonen, haben keine Sanktionsmöglichkeiten und unterstehen der Schweigepflicht. Wer zum Schulsozialarbeiter kommt, tut dies freiwillig. Er weiss, dass hier Lösungen für sein Anliegen gesucht werden. Auch für Lehrpersonen, Eltern und Schulleitungen ist der Schulsozialarbeiter Ansprechperson bei Schwierigkeiten, nicht nur in beratendem Sinne, sondern auch unterstützend.

Und für die Eltern?
Schneider: Auch für Eltern ist der Schulsozialarbeiter eine unkomplizierte Anlaufstelle. Überhaupt muss betont werden, dass Schulsozialarbeit ein sehr niederschwelliges Angebot ist. Wenn ich keine Besprechungen habe, dann ist meine Tür offen. Ich bin fast immer ganz einfach erreichbar. Während der Pausen bin ich oft auf den Pausenplätzen, mitten unter den Schülern und Schülerinnen.

Wo liegen die Grenzen?
Schneider: Wir bieten keine Therapien an. Komplexe Fälle müssen wir weitergeben, oft begleite ich Jugendliche dabei. Ich arbeite sehr gut mit Fachstellen zusammen, etwa mit der Jugend-, der Ehe- und der Familienberatung des Bezirks Muri, mit dem Schulpsychologischen Dienst oder mit den Sozialen Diensten.

Wie wird Ihre Arbeit wahrgenommen?
Schneider: Ich habe das Gefühl, viel Vertrauen zu geniessen. Ich gehöre für viele wie selbstverständlich auf den Pausenplatz, werde spontan kontaktiert. Aber es gibt natürlich auch welche, die nichts mit mir zu tun haben wollen. Das gilt es zu respektieren. Ähnlich ist es bei den Lehrpersonen. Der überwiegende Teil weiss meine Arbeit sehr zu schätzen. Anerkennung erhalte ich auch vom Gemeinderat und vom Stellenleiter Soziale Dienste. Wie anders wäre sonst zu erklären, dass der Gemeinderat innert kurzer Zeit mein anfängliches Pensum von 70 auf 90 Prozent aufgestockt hat und nun zusätzlich eine Praktikumsstelle geschaffen hat. Aus vielen umliegenden Gemeinden wird die Schulsozialarbeit in Muri sehr interessiert verfolgt. Ich bin aber kein Zauberer, der die Klasse verändert. Das Zusammenspiel aller bringt den Erfolg.

Gibt es so etwas wie eine Erfolgskontrolle?
Schneider: Nicht im Sinne einer Statistik, mehr in Form von einem Feedback. Ich weiss, dass Behördenmitglieder gerne Zahlen sehen, aber im sozialen Bereich ist die Wirksamkeit von Arbeit nur bedingt in Franken und Rappen aufzuzeigen. Pro Tag führe ich etwa sechs Einzelgespräche, dazu kommen Unterrichtslektionen an der Unterstufe, der Mittelstufe, vereinzelt an der Oberstufe. Das sind spielerische Lektionen, wie man miteinander umgehen sollte. Diese Lektionen sind als Prävention oder zur Vertrauensbildung gedacht.

Wo suchen Sie als Sozialarbeiter Unterstützung, wenn Sie sie brauchen?
Schneider: Mein Vorgesetzter ist ebenfalls Sozialarbeiter, es macht deshalb auch Sinn, dass ich den Sozialen Diensten unterstellt bin. Wir sprechen die gleiche Fachsprache. Ausserdem findet alle sechs Wochen ein Austausch unter den Freiämter Schulsozialarbeitern statt.

Ist Schulsozialarbeit in Muri anders als beispielsweise in einer grossen Stadt?
Schneider: Das glaube ich kaum. Klar gibt es in Zürich Schulhäuser, in denen mehr Kinder mit Migrationshintergrund zur Schule gehen und andere Konflikte mit sich bringen. Aber das Freiamt ist auch nicht heile Welt. Die Städte sind nah. Abgesehen davon ist, wie bereits erwähnt, das Internet an keinen Ort gebunden.

Wird Schulsozialarbeit bald überall zum Angebot gehören?
Schneider: Davon bin ich überzeugt. Ich spüre das Bedürfnis auch an kleineren Schulen, wenn sie mich punktuell im Auftragsverhältnis zuziehen. Wir können wertvolle Dienste in der Prävention, aber auch bei konkreten Konflikten leisten. Damit leisten wir auch einen Beitrag für ein partnerschaftliches und gutes Schulklima.

Aktuelle Nachrichten