Wegen Bürokratie: Hohe Hürden für Schweizer Firmen

Die EU kritisiert die flankierenden Massnahmen der Schweiz als diskriminierend - dabei kämpfen auch Schweizer Firmen bei Aufträgen im Ausland mit allerlei Hindernissen.

Barbara Inglin
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Wenn Mitarbeiter ins Ausland entsendet werden gibt e bürokratische Hürden.Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Wenn Mitarbeiter ins Ausland entsendet werden gibt e bürokratische Hürden.Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Will eine deutsche Firma einen Arbeiter für einen kurzen Auftrag in die Schweiz schicken, muss sie dies acht Tage im Voraus anmelden. So wollen es die flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit. Das sei diskriminierend, schimpft die EU, und fordert im Rahmen der Verhandlungen um ein neues Rahmenabkommen eine Anpassung.

Allerdings: Auch Schweizer Unternehmen, die einen Mitarbeiter in ein EU-Land schicken wollen, haben mit Hindernissen zu kämpfen. "Wenn sie Protektionismus in Reinform erleben wollen, versuchen sie einmal als KMU in Deutschland oder Frankreich einen Auftrag auszuführen", sagt Marcel Schweizer, Präsident des Gewerbeverbandes Basel-Stadt. Entsprechende Anfragen lehne er jeweils ab, so der Inhaber einer Gartenbaufirma in Riehen. Aufwand und Ertrag stünden in keinem Verhältnis.

Tatsächlich hält sich die Zahl der sogenannten Entsandten aus der Schweiz in Grenzen. Im Jahr 2016 haben Schweizer Firmen 11'727 Personen für befristete Aufträge in EU-Länder geschickt. Zum Vergleich: In der gleichen Zeit waren in der Schweiz 104'295 Entsandte aus der EU tätig. Noch grösser ist das Ungleichgewicht nur in Deutschland und Belgien.

Der Hauptgrund für die Differenz liegt auf der Hand: Schweizer Firmen sind wegen der deutlich höheren Löhne im Ausland oft nicht konkurrenzfähig. Behaupten können sich jene, die mit Spezialprodukten oder -dienstleistungen eine ganz spezifische Nische bedienen. Für grössere Firmen, die regelmässig in denselben Ländern aktiv sind, fallen zudem die bürokratischen Hürden weniger ins Gewicht. Sie engagieren Spezialisten, die sich im jeweiligen Verwaltungsdschungel auskennen.

Kleinere und mittlere Unternehmen hingegen, die nur gelegentlich mit der Thematik konfrontiert sind, haben das Nachsehen - auch wenn sie, trotz höherer Löhne immer wieder gefragt wären. Wer ein Ferienhaus im nahen Ausland besitzt oder dort den Ruhestand geniesst, greift gerne auf seine Schweizer Handwerker des Vertrauens zurück. Für einen halb-, ein-, oder zweitägigen Arbeitseinsatz lohne sich der administrative Hürdenlauf aber schlicht nicht, heisst es beim Schweizerischen Gewerbeverband. Dies bestätigt auch Marcel Schweizer. Er kenne keine einzige Firma aus Basel, die noch im Ausland tätig sei.

Nicht abschrecken lässt sich die Stahl- und Metallbaufirma Ernst Fischer AG mit Sitz in Romanshorn TG. Immer wieder entsendet die Firma Mitarbeiter nach Deutschland. «Die Verfahren sind zwar schon sehr aufwendig. Die Kunden sollen davon aber nichts spüren», sagt Mitinhaberin und SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr. Unter anderem müsse für die geleisteten Arbeitsstunden in die deutsche Urlaubskasse einbezahlt werden. Das Geld könne erst nach 90 Tagen zurückgefordert werden, und zwar nur vom Mitarbeitenden. Dieser müsse das Geld wiederum dem Arbeitgeber abliefern, damit er es mit dem Lohn korrekt verbuchen kann.

Nicht einfacher ist es in Frankreich. Das Land verlange viel umfangreichere Unterlagen und habe deutlich strengere Regeln für entsandte Arbeitnehmer installiert als die Schweiz, sagt David Equey, Leiter des Rechtsdienstes beim Verband der Waadtländer Unternehmen.

«Faktisch sind das protektionistische Massnahmen, die viele Schweizer Firmen davon abschrecken, sich überhaupt in Frankreich um Aufträge zu bemühen.» Zudem seien die Kontrollen zur Bekämpfung des Lohndumpings drastisch. Und: «Die Behörden können Baustellen umgehend blockieren, falls sie einen Regelverstoss feststellen.» Equey ist überzeugt: Die EU schiesst sich wegen der Acht-Tage-Regel auf die Schweiz ein, um sie politisch unter Druck zu setzen. «Dabei ist unsere Praxis viel liberaler als jene unserer Nachbarländer.»

Ebenfalls schwierig wird es in Italien. Wer einen Arbeiter ins südliche Nachbarland schicken will, muss sich durch einen Dschungel an Gesetzen, Verordnungen und Instanzen kämpfen. "Jede Gemeinde ist anders strukturiert. Ein Verfahren ist in Mailand anders geregelt als in Como oder im Südtirol", sagt Cristina Resmi, Direktorin des Tessiner Verbandes der Bauvereinigungen . "Jede Maschine und jeder Schraubenzieher, der zum Einsatz kommt, muss aufgeführt werden in einer Liste, welche die Zollbeamten kontrollieren."

"Schweizer Firmen scheinen bei der Erfüllung von Aufträgen in EU-Ländern benachteiligt", schreibt der Schweizerische Gewerbeverband vor diesem Hintergrund. Und fordert gleich lange Spiesse für alle.

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