Glaube

Hoffnung in der Krise: Haben die Kirchen während Corona die Chance genutzt, wieder mehr Menschen an sich zu binden?

Damit der Kirchenbesuch trotz Coronavirus wieder möglich wird: Die Schweizer Bischofskonferenz hat ein Schutzkonzept für Gottesdienste erlassen. (Symbolbild)

Damit der Kirchenbesuch trotz Coronavirus wieder möglich wird: Die Schweizer Bischofskonferenz hat ein Schutzkonzept für Gottesdienste erlassen. (Symbolbild)

Rechtzeitig zu Pfingsten dürfen die Kirchen ihre Tore wieder öffnen. Für sie hätte die Coronakrise zur grossen Chance werden können, die Gesellschaft wieder von ihrer Wichtigkeit zu überzeugen. Doch wurde sie genutzt?

Seit Mitte März ist das Land im Ausnahmezustand, und alle reden mit, die Behörden, der Bundesrat, die Medizinerinnen, die Bürger. Doch ausgerechnet die Institution Kirche, die sich über Jahrhunderte als die einzige Sinnstifterin und das Sprachrohr Gottes begriff, blieb bisher inmitten der Coronakrise seltsam still. Das wenige, das es von ganz oben an die Öffentlichkeit geschafft hat, sind ein paar sonderbare Einschätzungen aus dem Bistum Chur, dass geweihtes Wasser von Coronaviren verschont bleibt, und ein Appell vom Basler Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, der Staat solle die Kirchen vorzeitig vom Versammlungsverbot befreien.

Zumindest das ist der Kirche nun gelungen: Ab 28. Mai sind sämtliche Gottesdienste und Feiern aller Religionen wieder erlaubt. Die Glaubensgemeinschaften haben eine Woche Zeit, um Schutzkonzepte zu erarbeiten und die Nachverfolgung von Infektionsketten sicherzustellen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat ein Rahmenschutzkonzept erstellt.

Eine national koordinierte, gut kommunizierte Hilfestellung der Schweizer Kirchen in der Coronakrise hingegen bleibt bis heute aus. Das liegt teilweise an den föderalistischen Strukturen der Kirchen in der Schweiz, an alten, mit wenig finanziellen Mitteln schlecht gepflegten Kommunikationsstrategien und an unterschiedlichsten politischen Ausrichtungen. Und es liegt daran, dass die Kirchen in der Schweiz keinerlei Identifikationsfigur vorzuweisen haben, bei welcher die Menschen wissen: Das ist nun der Kirchenkopf für diese Krise – im Unterschied zu einem Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit, der sich innert ein paar Tagen ins nationale Gedächtnis der Öffentlichkeit gebrannt hat.

Livestream-Gottesdienste wie hier in der Fraumünsterkirche in Zürich waren gefragt. Aber sind die Menschen auch gläubiger geworden?

Livestream-Gottesdienste wie hier in der Fraumünsterkirche in Zürich waren gefragt. Aber sind die Menschen auch gläubiger geworden?

Kirchenleitung hat versagt, doch die Basis war innovativ

«Einen Mister Corona der Kirchen können wir nun mal nicht liefern», sagt Simon Spengler, Kommunikationsverantwortlicher Katholische Kirche im Kanton Zürich. «Die Kirchenleitung hat versagt. Man hört und sieht kaum etwas. Dabei hätte diese Krise ein grosser Moment für die hiesigen Kirchen werden können.»

Laut Spengler hat die Kirche die Chance verpasst, sich in diesem Ausnahmezustand selbst neu zu erfinden. Das liege vor allem an der geistigen Unbeweglichkeit vieler Führungspersonen. Man sei darauf fixiert, Altbewährtes zu reproduzieren, statt Neues hervorzubringen. «Manchen im System kam Corona gerade recht, um diese Reformen, die dringend nötig wären, weiter hinauszuschieben», sagt auch Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz. «Ich befürchte, dass man die Coronakrise instrumentalisiert, um die nötigen Reformen nicht angehen zu müssen.»

Derweil stampften die zahlreichen Kirchgemeinden in diesem Land viele innovative Projekte aus dem Boden – in Rekordzeit. Oft seien diese Impulse von Frauen und Jungen an der Basis gekommen, sagt Spengler. Corona war eine Chance für innovative, junge Leute, sich in den Kirchgemeinden in den Vordergrund zu spielen – auch, weil durch Corona ein Digitalisierungsschub durch die Gesellschaft ging und plötzlich Fähigkeiten gefragt sind, die davor niemanden zu interessieren schienen. Neue Ideen, wie man die Gläubigen erreicht, Onlineberatung, Gottesdienste, die gestreamt werden, Zoom- Meetings.

Neben der Kirche im Kanton Zürich, die die ökumenische Aktion «Wenn Beten allein nicht reicht» mitlancierte, riefen beispielsweise die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn den «Mobilen Boten» ins Leben, eine Onlineplattform, welche die Unterstützungsangebote der Kirchgemeinden bündelt. Innerhalb von zwei Wochen haben auf www.mobileboten.ch mehr als 150 Kirchgemeinden ihre Hilfsangebote zur Unterstützung von gefährdeten Menschen aufgeschaltet. Das Kloster Einsiedeln streamte die Gottesdienste im Netz. Die Karfreitagsliturgie zählte 11000 Aufrufe – ein Rekord. Das Portal Seelsorge.net hatte im April fast 50 Prozent mehr Anfragen als der übliche Monatsdurchschnitt.

«Allerdings hat man auch an vielen Orten einfach versucht, die alten Formen mit neuen Mitteln zu transportieren», sagt Simon Spengler. Und das funktioniere nun mal nicht mehr:

Und wenn an die hundert Frauen, die für die Frauenordination protestieren wollten, nun über Skype protestieren, bleibt die Kirche leider erst recht im Dorf. Die Kirche könne an der Basis noch so innovativ sein – «von Oben werden die Bemühungen nicht genügend unterstützt», sagt Spengler. Und so ändere sich auch nicht viel, wenn es um die nationale und internationale Strahlkraft der Kirchen jenseits von Missbrauchsvorwürfen und Finanzskandalen geht.

Die alte Volksweisheit, die sich nicht bestätigt hat

So stark die konkreten Hilfsangebote an der Basis während der Krise auch beansprucht werden: Die meisten angefragten kirchlichen Institutionen sind, sowohl auf katholischer wie auch auf reformierter Seite, zurückhaltend, wenn es um die Frage geht, inwieweit die Menschen wieder zurück zum Glauben finden oder wieder vermehrt Gottesdienste aufsuchen.

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz schreibt auf Anfrage, die Coronakrise habe die alte Volksweisheit, dass Not beten lehrt, nicht bestätigt. «Die Pandemie änderte nichts an der verbreiteten individuellen Sicht auf Religions- und Glaubensfragen. Möglicherweise haben die Menschen die kirchlichen Medienangebote stärker wahrgenommen, weil sie in den letzten Wochen mehr Zeit hatten und über weniger Alternativen verfügten. Daraus sollten aber kein wachsendes Interesse und erst recht keine verstärkte Bindung an die Kirchen abgeleitet werden.»

Helfen ja, aber nicht um jeden Preis

«Man löst Probleme immer nur in derjenigen Kultur, die einem zur Verfügung steht», sagt Arnd Bünker, Institutsleiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI). Das führe zu unterschiedlichen Reaktionsmustern. «Die Herausforderung besteht nun darin, die Grundanliegen von Kirche unter veränderten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Will heissen: Nähe zu den Menschen aufbauen und den Glauben in schwierigen Lebenssituationen stärken.» Die Schweizer Gesellschaft habe die Coronakrise hervorragend gemeistert. Das sei ein Zeichen dafür, dass sie sehr gut funktioniert. «Aber es wird auch sichtbar, dass die Kirchen nicht mehr automatisch als zentrale Akteure der Gesellschaft gesehen werden, an die man als Erstes denkt, wenn es um Fragen der ganzen Gesellschaft geht», sagt Bünker.

Er geht jedoch davon aus, dass gerade die niederschwelligen Angebote an der Basis wie Seelsorge oder Telefonketten die Menschen erreicht haben. Die Kirche habe zwar nicht an vorderster Front mitgespielt, doch sich als verlässliche In­stanz bewiesen. «Und ehrlicherweise: Ich bin froh, hat sich die Kirche nicht auf Menschen in Not gestürzt, um Profit aus der Not zu ziehen.» Helfen ja, aber nicht um jeden Preis.

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