Gesundheitspolitik
Herr Berset, warum müssen die Spezialärzte für die Hausärzte bluten?

Verbesserte Technik erfordere eine Anpassung der Tarife, sagt der Gesundheitsminister Alain Berset. Daher werden die Spezialärzte künftig 200 Millionen weniger verdienen. Und wir Versicherer müssen auch unseren Anteil dazu bezahlen.

Rinaldo Tibolla und Manuel Bühlmann
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Sie haben nun die konkreten Änderungen bei Tarmed offengelegt. Warum trifft es nun vor allem Radiologen, Pathologen und Augenärzte? Sind diese zu gut bezahlt?

Alain Berset: Das Ärzte-Tarifsystem Tarmed wurde 2004 eingeführt und basiert auf Daten der Neunzigerjahre. In den letzten Jahren hat sich aber in der Medizinaltechnik sehr vieles verändert. Die Apparaturen sind besser und leistungsfähiger geworden. Früher dauerte es beinahe eine Stunde, bis ein Augenarzt einen Grauen Star operiert hatte. Heute wird dieser Eingriff in etwa zehn Minuten vollzogen. So konnten gewisse Spezialisten ihr Volumen im Vergleich zu den anderen Ärzten enorm vergrössern. Deshalb setzen wir in erster Linie bei ihnen an.

Spezialärzte werden die finanziellen Einbussen kaum kampflos hinnehmen. Wie wollen Sie diese von der Änderung überzeugen?

Die Hausärzte haben die Initiative «Ja zur Hausarztmedizin» mit mehr als 200'000 Unterschriften eingereicht. Zum gleichen Thema überwies das Parlament eine Motion. Es gibt also einen klaren politischen Willen, dass etwas gegen den gravierender werdenden Mangel an Hausärzten unternommen werden muss. Die Meinung, dass dafür eine finanzielle Besserstellung nötig ist, teilen viele.

Gab es denn keine andere Lösung, etwa die Millionen-Einbussen auf mehreren Schultern zu verteilen?

Wir verteilen sie auf mehrere Schultern und kürzen die Entschädigungen dort, wo sie aufgrund des technischen Fortschrittes gerechtfertigt sind. So können wir die Hausarztmedizin aufwerten, ohne die Prämienzahlenden zusätzlich zu belasten. Der Bundesrat hat von Anfang an klar gesagt, dass die Verbesserung des Hausärzte-Einkommens kostenneutral erfolgen muss.

Die Verordnung ist nur als Übergangslösung gedacht. Warum?

An sich sind die Tarifpartner dafür zuständig, den Ärztetarif Tarmed zu revidieren. Wir haben sie mehrfach dazu aufgefordert und auch die Fristen verlängert. Aber sie konnten sich nicht auf eine kostenneutrale Änderung des Systems einigen. Damit eine Blockade überwunden werden kann, hat das Parlament dem Bundesrat über eine parlamentarische Initiative die subsidiäre Kompetenz zugesprochen, den Tarmed zu überarbeiten. Genau dies tun wir nun.

Wieso ist es der richtige Moment?

Die technischen Leistungen haben viel stärker zugenommen als die ärztlichen Leistungen – also etwa das Abhören und Abtasten des Körpers. Dieses Ungleichgewicht wollen wir ausgleichen. Zudem werden wir im nächsten Jahr über den Gegenvorschlag zur Hausärzteinitiative abstimmen. Zu unserem Masterplan «Hausarztmedizin und medizinische Grundversorgung» gehört auch, dass neben der Stärkung des Hausarztberufes auch das Tarifsystem überarbeitet werden soll. Wir gehen davon aus, dass sich die Tarifpartner bis Ende 2015 auf eine neue Struktur einigen.

Im Hinblick auf diese Totalrevision wollen Sie also dem menschlichen Handwerk mehr Gewicht verleihen.

Es ist unbestritten, dass das heutige Tarifsystem revidiert werden muss. Die Vergütung der ärztlichen Leistungen ist gegenüber derjenigen für die Infrastruktur ins Hintertreffen geraten. Darüber waren sich die Tarifpartner eigentlich immer einig. Nur haben sie sich bisher auf keine Lösung einigen können, die eine finanzielle Besserstellung der Hausärzte bringt, ohne dass dafür die Prämienzahler mehr zahlen müssen.

Mit Ihrem Vorschlag greifen Sie aber für die Totalrevision vor ...

Wir planen bloss einen begrenzten Eingriff ins Tarifsystem, den wir sorgfältig geprüft haben. In einem Tarifsystem muss der technische Fortschritt einfach berücksichtigt werden. Das Beispiel mit dem Grauen Star ist vielleicht etwas extrem, zeigt aber die grossen Veränderungen auf. Unser Vorschlag bedeutet für die Spezialisten, dass sie vier bis sieben Prozent weniger Einnahmen aus der Grundversicherung haben werden – das scheint uns vertretbar. Es ist nun an den Tarifpartnern, eine Totalrevision zu erarbeiten. Das Ziel der Kostenneutralität muss aber auch für sie gelten.

Sie preisen die Umstellung zwar als kostenneutral an. Für die Prämienzahler mag das zutreffen, für mich als Hausarztpatient wird es aber dennoch teurer ...

Das kann ich nicht abstreiten. Wir rechnen etwa mit zehn Franken mehr pro Besuch, die man selber bezahlen muss, bis die Jahresfranchise erreicht ist.

Bringt dieser Entscheid nun schon mehr junge Mediziner zum Hausarztberuf?

Eine finanzielle Besserstellung ist ein wichtiger Schritt. Im Rahmen des Masterplans setzen wir auch bei der Aus- und Weiterbildung an. Zudem werden die Analysen im Praxislabor besser abgegolten.

Ernst Gähler, Vizepräsident der Ärztevereinigung FMH, spricht davon, dass auch Spezialärzte unterfinanziert sind. Was unternehmen Sie dagegen?

Das stimmt. Daher erfolgen die Kürzungen bei den technischen Leistungen in denjenigen Bereichen, in denen die Spezialisten gut gestellt sind. Wir haben daher Spezialisten in Betracht gezogen, bei welchen die technischen Leistungen viel stärker gewachsen sind als die intellektuellen.

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