Interview

Gymilehrer-Präsident über die Herausforderungen des neuen Schuljahrs: «Der Normalfall ist noch weit weg»

Lucius Hartmann ist Präsident des Gymnasiallehrervereins.

Lucius Hartmann ist Präsident des Gymnasiallehrervereins.

Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung sei eine Herausforderung, sagt Lucius Hartmann, Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und -lehrer. Er kritisiert, gewisse Kantone informierten zu kurzfristig über die Vorgaben.

Was sind die Herausforderungen für die Schulen und Lehrer?

Lucius Hartmann: Corona wirft einen Schatten auf das neue Schuljahr. Wir müssen in Szenarien denken und verschiedene Varianten vorbereiten, falls es zum Beispiel wieder zum Fernunterricht kommt. Eine zweite Herausforderung ist die Ungewissheit, was die konkreten Vorgaben sind. Gewisse Kantone informieren spät.

Zu kurzfristig?

Ja, Zürich zum Beispiel informiert knapp eine Woche vor Schulstart, in Bern ist gar nur ein Wochenende dazwischen. Dabei können neue Massnahmen dazu führen, dass die Lehrpersonen umplanen müssen. Und es gibt noch eine weitere Herausforderung: Durch den Fernunterricht hat sich die Schere zwischen guten und schlechten Schülern vergrössert. Wir müssen das nun irgendwie ausgleichen, gleichzeitig müssen wir mit dem Schulstoff vorwärts machen.

Hätten Sie sich bei der Maskenpflicht eine einheitlichere Lösung gewünscht?

Eine gesamtschweizerische Lösung ist nicht sinnvoll. Die Situation in den Kantonen ist sehr unterschiedlich: Die epidemiologische Lage ist verschieden, aber auch die Infrastruktur. Je nach Grösse der Zimmer und der Klassen können die Abstände eingehalten werden. Bei uns in Wetzikon beispielsweise ist das mit bis zu 26 Schülern nur in einzelnen Zimmern möglich.

Falls die Fallzahlen steigen würden: Was wären die Massnahmen, die aus Ihrer Sicht sinnvoll wären?

Im Zentrum stehen alle Massnahmen, die die Gesundheit schützen und den Präsenzunterricht ermöglichen. Daher kann auch die Maskenpflicht sinnvoll sein – trotz der Nachteile, die diese mit sich bringt. Möglich wäre bei steigenden Fallzahlen auch die Bildung von «Infektionsgemeinschaften» durch feste Sitzordnung oder die Einteilung der Schüler in fixe Gruppen. Und die Schulen sollten ihre Infrastrukturen gut nutzen: Eine grosse Klasse könnte man beispielsweise in der Aula oder in einer Turnhalle unterrichten.

Ist eine Rückkehr zum Halb- oder Fernunterricht denkbar?

Das wäre die schlechtere Variante. Wir haben gesehen, dass das nicht optimal funktioniert. Sollte dies tatsächlich wieder nötig werden, müsste man erstens schauen, dass die neuen Klassen und die Abschlussklassen zumindest teilweise Präsenzunterricht haben. Zweitens bräuchte es eine gewisse Vorlaufzeit. Ein solcher Entscheid dürfte nicht wieder so kurzfristig fallen wie im März.

Wie sollen Schulen mit Lehrpersonen umgehen, die zur Risikogruppe zählen?

Die Arbeitgeber sind in der Pflicht. Bisher machen diese Lehrpersonen weiterhin Fernunterricht, mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt.

Verschärft die Coronakrise den Lehrermangel?

Das ist schwierig abzuschätzen. In der letzten Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, dass viele Arbeitslose mit Lehrerdiplom aus der Privatwirtschaft zurück in den Lehrerberuf kommen. Das könnte auf unserer Stufe zum Teil zur Entlastung beitragen.

Manche befürchten, im Herbst würden viele Lehrpersonen ausfallen, weil sie wegen einer Erkältung zuhause bleiben müssen.

Das wird ein Problem sein. Wir sollten uns darauf einstellen, dass Lehrpersonen und auch Schüler deswegen zuhause bleiben. Wir müssen daher Flexibilität zeigen und als Lehrpersonen bereit sein, relativ kurzfristig auf Fernunterricht zu wechseln. Der Vorteil ist, dass wir die Erfahrungen aus dem Lockdown mitnehmen können – wir sind hier einen Schritt weiter als vor der Krise. Klar ist aber auch: Der Normalfall, den wir uns gewohnt sind, ist noch weit weg.

Autor

Maja Briner

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