Grosse Unterschiede
Ob es eine IV-Rente gibt oder nicht, hängt auch vom Wohnkanton ab

Eigentlich hat der Bund geregelt, wann jemand eine IV-Rente erhält. Eine Studie zeigt aber, wie unterschiedlich die Praxis in den Kantonen ist. In Genf ist die Chance auf eine Rente viel grösser als in Uri.

Lucien Fluri
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Eingliedern kommt vor Rente: Das ist das Prinzip der IV. Doch es wird in den Kantonen sehr unterschiedlich gehandhabt.

Eingliedern kommt vor Rente: Das ist das Prinzip der IV. Doch es wird in den Kantonen sehr unterschiedlich gehandhabt.

Bild: Severin Bigler

Hier dürfte es eigentlich keine grossen Unterschiede geben: Ob jemand in Aarau, Altdorf oder Appenzell wohnt, sollte keinen Einfluss darauf haben, ob er eine IV-Rente erhält oder nicht. Schliesslich ist die Invalidenversicherung schweizweit einheitlich geregelt. Doch tatsächlich macht es einen grossen Unterschied, in welchem Kanton jemand eine Rente beantragt. Dies zeigt eine neue Studie der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse.

Die Unterschiede sind gar frappant: Von zehn Personen, die sich bei der IV anmelden, erhält im Kanton Uri schliesslich nur eine die Rente zugesprochen. In Genf dagegen sind es zwei von zehn. Klar ist zwar, dass sich die Zahlen nicht eins zu eins vergleichen lassen. Denn je nach Kanton ist die Wirtschaft anders strukturiert; die Arbeitslosen- oder Ausländerquote ist unterschiedlich hoch, ebenso der Bildungsgrad der Bevölkerung.

Tessin und Romandie sind grosszügiger

Alleine mit diesen Faktoren lassen sich die Unterschiede jedoch nicht erklären, denn dafür sind die Abweichungen zu gross. Konkret heisst dies: Die Kantone entscheiden auch anders. «Die Kultur ist von Kanton zu Kanton verschieden», sagt Studienautor Jérôme Cosandey. Einerseits haben die kantonalen IV-Stellen und die Gerichte einen Ermessensspielraum bei der Frage, ob jemand eine Rente erhält. Und diesen nutzen sie. Andererseits haben die IV-Stellen unterschiedliche (und unterschiedlich erfolgreiche) Eingliederungsstrategien.

Grundsätzlich zeigt sich: Im Tessin und in der Romandie erhält man eher eine Rente. Die Quote zwischen der Zahl der IV-Anmeldungen und gesprochenen Renten liegt in der lateinischen Schweiz um «mindestens 27 Prozent» höher als in der Deutschschweiz. Im Kanton Genf sind es gar 41 Prozent. Dies schlägt sich auch in den Kosten nieder: Avenir Suisse hat ausgerechnet, was die im Zeitraum zwischen 2010 und 2015 beschlossenen Massnahmen und Rentenentscheide (bis zum AHV-Eintritt der Betroffenen) jeden arbeitstätigen Kantonsbewohner kosten: Im Kanton Jura sind es 722 Franken, in Appenzell Innerrhoden 187 Franken. Auch hier sind die Zahlen in der Romandie höher, während insbesondere die Zentralschweiz zurückhaltender Geld ausgibt.

«Das Gebot der Rechtsgleichheit wird verletzt»

Für Avenir Suisse werfen die grossen Abweichungen zwischen den Kantonen rechtliche und ethische Fragen auf. Dass eine Person in der Romandie eher eine IV-Rente erhalte als anderswo, verletze «das Gebot der Rechtsgleichheit». Als Konsequenz fordert das liberale Forschungsinstitut, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen die Gründe genauer erforscht. Es gebe beispielsweise zu wenige Daten, welche Eingliederungsmassnahmen bei den psychischen Erkrankungen erfolgversprechend seien und welche nicht, sagt Studienautor Cosandey. Und dies sei besonders wichtig, denn so Cosandey:

«Wer das Wort IV-Rente hört, denkt oft an eine Person im Rollstuhl. Die weitaus häufigste Ursache für eine Rente sind jedoch psychische Krankheiten.»

Gerade in diesem Bereich ist absehbar, dass die Menge der Gesuche nach der Coronapandemie zunehmen werde. Die Zahl der Personen, die an Symptomen einer schweren Depression leiden, ist in den letzten Monaten deutlich gestiegen.

Grosse Unterschiede auch bei den Eingliederungsmassnahmen

Grundsätzlich gilt in der Schweiz: «Eingliederung vor Rente». Die IV-Stellen versuchen, Personen falls möglich in den Arbeitsmarkt einzugliedern; sei es mit einer Umschulung oder anderen Hilfsangeboten. Doch auch bei diesen Massnahmen hat die Studie grosse Unterschiede festgestellt. «Einige Kantone finanzieren wenige, aber teurere Massnahmen. Andere viele Massnahmen, die weniger kosten», sagt Cosandey. Die Ausgaben betragen je nach Kanton zwischen 20'000 und 70'000 Franken pro Massnahmenbezüger.

Kantone wie Solothurn oder das Wallis setzen dabei viel stärker auf Eingliederungsmassnahmen als andere. Weil aber dann am Ende die Massnahme nicht erfolgreich ist und trotzdem oft eine Rente gesprochen wird, müssen sich diese Kantone die Frage gefallen lassen, ob sie nicht unnötig Eingliederungsmassnahmen einsetzten. Andere Kantone würden ihre Eingliederungsprogramme «trotz geringer Erfolgsaussichten zu lange aufrechterhalten», schreibt Avenir Suisse. Die Denkfabrik fordert deshalb ein Kostendach für Massnahmen – abhängig von der Zahl der Fälle. So soll das System effizienter, der Einsatz der Massnahmen geplanter werden.

Sparpotenzial ist da, aber auch teure Massnahmen können sich lohnen

«Offensichtlich gelingt gewissen Kantonen die Wiedereingliederung besser», sagt Cosandey. Diese Erkenntnis müsse stärker genutzt werden. Der föderalistische Wettbewerb unter den Kantonen biete eine gute Grundlage, um herauszufinden, welche Massnahmen am besten wirkten.

Zwar sei letztlich auch ein Einsparpotenzial vorhanden. Darum gehe es nicht in erster Linie, sagt Cosandey. Gerade bei den jüngeren Bezügern sowie bei den 40- bis 49-Jährigen seien die Kosten einer IV-Rente bis zur Pensionierung so hoch, dass auch teure Eingliederungsmassnahmen gerechtfertigt seien. «Wir wollen die Leute nicht berenten, sondern am Arbeitsleben so gut wie möglich teilhaben lassen», sagt Cosandey.