Grosse Städte klar in linker Hand

Die Entwicklung setzte in den neunziger Jahren ein und akzentuiert sich

Francesco Benini
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Der Sozialdemokrat Elmar Ledergerber betrieb als Zürcher Stadtrat und Stadtpräsident von 1998 bis 2009 eine wirtschaftsfreundliche Politik. Zürich erlebte einen gewaltigen Aufschwung.

Der Sozialdemokrat Elmar Ledergerber betrieb als Zürcher Stadtrat und Stadtpräsident von 1998 bis 2009 eine wirtschaftsfreundliche Politik. Zürich erlebte einen gewaltigen Aufschwung.

Alfred Borter / LTA

Naturgegeben ist es nicht, dass die grossen Schweizer Städte von der SP und den Grünen regiert werden. In den achtziger Jahren waren fast überall die Bürgerlichen an der Macht. 1990 kippte der Zürcher Stadtrat nach links, das gleiche geschah dann in Genf, Lausanne, Bern. Im baselstädtischen Regierungsrat stellen Sozialdemokraten und Grüne seit 2005 die Mehrheit.

Umschwung dank wirtschaftsfreundlicher Haltung

Der Trend hat sich in den vergangenen zehn Jahren verschärft. In den Stadtzürcher Wahlen von 2018 errangen linke Politiker sechs von neun Sitzen im Stadtrat, zudem gewann die Linke eine klare Mehrheit im Parlament. Im Grossen Rat von Basel-Stadt sind die Mehrheitsverhältnisse aber weniger eindeutig; hier kommt den Grünliberalen die Rolle des Züngleins an der Waage zu.

Warum ist die Linke in den Städten so erfolgreich? Warum spricht man nicht mehr von den «A-Städten» – in denen viele Arme, Auszubildende, Alte und Asylsuchende wohnten, derweil Besserverdiener aufs Land zogen?

Die Linken in den Städten waren vom Moment an erfolgreich, da sie ihre wirtschaftsfeindliche Haltung aufgaben und einen pragmatischen Kurs einschlugen. In Zürich legte der Stadtrat in den neunziger Jahren eine Bau- und Zonenordnung auf, die grosse Bauprojekte ermöglichte, statt sie zu verhindern. Stadtpräsident Elmar Ledergerber verkündete den Bau 10 000 neuer Wohnungen – auch grosser Wohnungen, die für gute Steuerzahler attraktiv sind. In Basel legte der Regierungsrat den Pharmaunternehmen Novartis und Roche keine Steine in den Weg, als sie sich beide anschickten, ihre Hauptsitze mit riesigen Bauten zu erneuern.

Nach den sechziger Jahren kam es in vielen Schweizer Städten zu einer Deindustrialisierung. Arbeitsplätze fielen weg, und die leeren Industriehallen gaben ein tristes Bild ab. Dann zog aber neues Leben in sie ein. Lofts wurden erstellt, Ateliers für Kulturschaffende, Kunstgalerien – und Geschäftsräume für Start-up-Unternehmen. Die sogenannte vierten industriellen Revolution, die Digitalisierung, brachte viele Arbeitsplätze in die Städte zurück.

Die Bürgerlichen haben bisher kein Gegenrezept gefunden

Es zogen Menschen in die Städte, denen familienergänzende Betreuungsangebote wichtig sind, Velowege, ein reiches kulturelles Angebot. So entstand eine neue städtische Identität. Gegen sie scheinen die bürgerlichen Parteien nicht anzukommen. Sie wehren sich vergeblich gegen die Aufhebung von Auto-Parkplätzen und gegen den subventionierten Wohnungsbau, mit dessen Hilfe sich linke Parteien eine Wählerklientel gesichert haben.

Francesco Benini