M. Cordeiro / F. Wüthrich

Am Sonntag entscheidet Burgdorfs Stimmvolk über den Teilverkauf der Localnet an die BKW. Dabei winken der Stadt 39 Millionen Franken. Worum geht es bei diesem Geschäft: Um die Zukunft der Localnet oder um die Stadtfinanzen?

Christoph Wyss: Wir sind froh, dass das Stimmvolk über das Geschäft entscheidet. Unser Hauptanliegen ist es der Localnet eine Strategie zurecht zu legen.

Peter Gfeller: Auch uns geht es um die Zukunft der Localnet. Allerdings finden wir es riskant, die Localnet in die Hände eines Grosskonzerns zu übergeben. Die BKW zu 21 Prozent der deutschen E.on und diese wiederum gehört zu 66 Prozent amerikanischen Investment- und Finanzgesellschaften. Wir wollen die Localnet nicht dem globalisierten Markt übergeben. Das könnte für das Burgdorfer Unternehmen fatale Folgen haben.

Mit dem Teilverkauf an die BKW soll also die Zukunft der Localnet gesichert werden?

Wyss: Eine Partnerschaft mit der BKW würde die Localnet für die Zukunft stärken. Bekanntlich droht der Strom allmählich Mangelware zu werden. Daher macht es Sinn, die Stromversorgerin Localnet an die Stromproduzentin BKW zu binden. Es ist kaum denkbar, dass die BKW plötzlich eigene Firmen in Sachen Stromzufuhr im Stich lässt. Ausserdem beziehen wir bereits jetzt 95 Prozent des Stroms von der BKW. Dass sie uns auch künftig beliefert, dazu ist sie allerdings nicht verpflichtet.

Aber das liesse sich doch auch vertraglich regeln?

Wyss: Natürlich bestünde diese Möglichkeit. Allerdings glaube ich, dass in Krisenzeiten eine finanzielle Bindung besser hält.

Gfeller: Man muss auch die Kehrseite sehen. So schafft sich die BKW ein Monopol, weshalb die Localnet den Strom nicht mehr frei einkaufen könnte.

Wyss: Das stimmt so nicht. In den Verträgen steht zumindest nirgends geschrieben, dass sich die Localnet verpflichtet, den Strom zu jedem Preis bei der BKW zu beziehen. Bis jetzt offerierte die BKW schlicht die besten Preise.

Also behält die Localnet die Wahlfreiheit?

Wyss: Genau genommen hat die BKW ein «Strom-Vorlieferrecht». Kann sie beim Preis aber nicht mithalten, kann die Localnet ein besseres Angeboten auf dem freien Markt annehmen.

Gfeller: Das steht im Vertrag aber nirgends explizit. Der BKW geht es einzig um die Sicherung des eigenen Stromabsatzes. Sie wird sich als stärkere Partnerin durchsetzen und die Localnet abhängig machen.

Wechseln wir den Blickwinkel. Welche Bedeutung hat das Geschäft für die Bevölkerung?

Gfeller: Mit dem Teilverkauf ginge die Kundennähe und der Service Public des regionalen Anbieters von Wasser, Strom, Gas und Kommunikation verloren.

Wyss: Das Geschäft bietet Burgdorf und der Localnet die Gelegenheit, sich eine Strategie für die künftige Stromversorgung zurecht zu legen. Ausserdem tun sich für die Localnet neue Geschäftsfelder auf: Ein weiteres Plus ist, dass die BKW in der Schweiz bei der Vermarktung von Ökostrom führend ist.

Es ist nicht das erste mal, dass die Localnet verkauft werden soll. Weshalb sollte es diesmal klappen?

Gfeller: Zum Glück haben wir die Localnet nicht schon früher verkauft! Seit der Gründung der Aktiengesellschaft generierte die Localnet rund acht Millionen mehr Umsatz und schuf 20 neue Arbeitsplätze. 2008 hat sie der Stadt sogar 2,7 Millionen Franken Konzessionsgebühren und Dividenden abgeliefert, also so viele wie noch nie. Weshalb sollte man ein so kleines, aber feines Unternehmen jetzt verkaufen? Das macht doch keinen Sinn.

Wyss: Es gilt eines zu unterscheiden: Im Jahr 2000 ging es darum, entweder die ehemaligen IBB total zu verkaufen, oder sie unangetastet zu belassen. 2007 wäre es der grösste Fehler gewesen, den Verkauf auf dem politischen Weg durchzusetzen. Da ging Thun mit schlechtem Beispiel voran: Man wollte die lokale Energieversorgerin verkaufen um Schulden abzubauen. Bei der Localnet aber sind die Motive grundverschieden: Hier geht es um die Strategie. Der Verwaltungsrat und die Localnet-Geschäftsleitung sind der Meinung, dass der Zeitpunkt nicht besser sein könnte. Ein Vergleich mit Thun lasse ich deshalb nicht gelten.

Gfeller: Von wegen. In Thun war von einer industriellen Zusammenarbeit die Rede, bei uns spricht man von industrieller Partnerschaft. Wo ist da der Unterschied? Für mich sind die Geschäfte identisch und für Burgdorf deshalb ebenso falsch. Ausserdem kaufen in Deutschland und der Schweiz die Gemeinden ihre Energie- und Wasserwerke von den Grosskonzernen teuer wieder zurück, weil die Bürger dem globalen Investment-Filz nicht mehr trauen und selber über die Grundversorgung wachen wollen.

Wyss: Wir verkaufen ja unser Werk nicht! Wir gehen mit der BKW eine Partnerschaft ein, binden sie in die Verantwortung ein, damit auch in zehn Jahren noch Strom fliesst. Damit steht uns auch der Weg offen für Ökostrom. Ausserdem: Wenn wir 49 Prozent der Aktien verkaufen, wechseln wir doch nicht gleich die Firma aus. Zu 51 Prozent hat immer noch Burgdorf das sagen. Über die Localnet sind Sie, Herr Gfeller, zwar des Lobes voll. Aufgrund ihrer Befürchtungen tönt es für mich so, als würden Sie Localnet-Fachkräfte dennoch anzweifeln.

Ohne BKW ist also die Zukunft der Localnet ungewiss?

Gfeller: Die Localnet verfügt bereits über zahlreiche Partnerschaften, beispielsweise mit Besonet. Diese haben bestens funktioniert, ohne dass wir dafür eine einzige Aktie verkaufen mussten. Weshalb diesmal?

Wyss: Heute und morgen müssen wir gewiss keine Bedenken haben. Unsere Befürchtungen liegen zeitlich ferner, nämlich wenn der Strom knapp wird. Dann ist die Versorgung nicht mehr gesichert. Die Localnet aber will wachsen und neue Geschäftszweige erschliessen können. Und dazu braucht sie einen starken Partner.

Sie, Herr Wyss, schauen also weiter voraus als Herr Gfeller?

Wyss: Ja.

Gfeller: Wir sitzen mitten im BKW-Territorium, in einem Gebiet mit Wasserkraftwerken. Sie wollen mir doch nicht sagen, dass die BKW ihren Strom plötzlich ins Ausland exportiert. Das ist wirtschaftlich gesehen sinnlos. Wir werden hier immer Strom beziehen können.

Ist der Preis für 49 Prozent der Aktien überhaupt gerechtfertigt?

Wyss: Würden sie die BKW heute fragen, sie würden sagen: 39 Millionen sind viel zu viel.

Warum?

Wyss: Weil sich die Wirtschaftslage massiv geändert hat.

Gfeller: Im Jahr 2000 hätten wir für den Verkauf der damaligen IBB, inklusive Schuldenübernahme 64 Millionen Franken erhalten. Unter dem Strich ist der Preis also etwa gleich geblieben. Wir sprechen immer von 39 Millionen und vergessen dabei, dass davon 7,5 Millionen Franken Aktienkapital abgeschrieben werden müssen. Den wahren Wert unseres Werks zu beziffern ist sehr schwierig. Ausserdem hat uns gestört, dass keine Gegenofferte eingeholt wurde. Die Stadt ist doch daran interessiert, möglichst viel Geld daraus zu lösen. Die Partnerschaft ist nur ein «Deckmänteli». So ist eine öffentliche Ausschreibung ganz einfach zu umgehen.

Wyss: Nein, so war es nicht. Die FDP-Motion wollte die Localnet dem Meistbietenden verkaufen - ohne dabei die Arbeitsplätze, das Netz und die Zukunft zu sichern. Das wäre blauäugig gewesen. Wir aber streben mit einer Partnerschaft eine Win-Win-Situation an, die der Stadt auch Geld einbringt. Die 39 Millionen sollen nun in einen Fonds kommen und für die Attraktivitätssteigerung Burgdorfs eingesetzt werden. Die Behauptung, dass 7,5 Millionen Franken abgeschrieben werden müssen, ist schlicht falsch. Gemäss Abstimmungsunterlagen beträgt die Auswirkung auf Burgdorfs Eigenkapital 43,7 Millionen.

Gfeller: Alle zehn Jahre gibt es wieder einen solchen Investitionsschub. Begehrlichkeiten werden gross sein, von Stadtcasino bis Markthalle. Alle diese Investitionen werden Folgekosten haben. Das können wir uns nicht leisten.

Investieren in die Zukunft tönt zwar gut. Mit dem Verkauf von 49 Prozent der Aktien verzichtet Burgdorf auch auf Dividenden.

Wyss: Wir können nicht Kristallkugeln lesen. Es ist möglich, dass die Localnet auch alleine sehr gut weiterarbeitet. Dass die Stadt mit 100 Prozent Localnet-Aktien noch mehr Geld bekäme, darin widerspreche ich nicht. Wer weiss? Vielleicht kommt bei diesem Goldesel, wie die Verkaufsgegner die Localnet bisweilen nennen, auch einmal etwas anderes heraus als Goldstücke? Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass mit den 39 Millionen Franken im Eigenkapital weniger Fremdkapital beansprucht werden muss. Unter dem Strich resultierte ein Plus von 1,1 Millionen Franken jährlich.

Wie ist es mit dem Vorkaufsrecht der übrigen Aktien?

Wyss: Es besteht ein gegenseitiges Vorkaufsrecht.

Gfeller: Die restlichen 51 Prozent der Aktien wären für einen anderen Investor nicht attraktiv, weil die BKW bereits die andere Hälfte besitzt. Somit würde beim Verkauf einer zweiten Tranche die BKW den Preis diktieren.

Wann steht der nächste Aktien-Happen zum Verkauf?

Wyss: Nochmals: Das Motiv war nie finanzpolitisch. Um die Stadtkasse ins Reine zu bringen gäbe es andere Möglichkeiten.

Gfeller: Das sehe ich anders. Es kann sein, dass beispielsweise der Fussballclub Anspruch auf einen neuen Platz erhebt. Plötzlich kommt ein solches Geschäft vors Volk. Bekanntlich kann das Wahrscheinliche im politischen Prozess schnell kippen.

Wyss: Unserem Stimmvolk traue ich mehr zu. Das Referendum könnte jederzeit ergriffen werden. Das können die Burgdorfer, das haben sie bewiesen.


Angenommen das Stimmvolk sagt nein. Was wäre die Konsequenz daraus?

Gfeller: Es wird sich nichts ändern. Die Stadt wird mit Steuergeldern auskommen müssen.

Wyss: Die Stadt muss die Finanzplanung weiter im Griff haben und der Gemeinderat wir die Legislaturplanung korrigieren müssen. Um Burgdorf attraktiv zu halten, sind Investitionen nötig. Ohne finanzielle Mittel wird Burgdorfs Attraktivität leiden.

Gfeller: Weshalb sollte Burgdorfs Attraktivität leiden? Die Stadt hat vieles, um attraktiv zu sein. Ein Hallenbad, sanierte Schulhäuser, bald schon eine neue Eissportstätte und vieles mehr.
Herr Wyss, zuvor sagten Sie, die Motive seien nie finanzpolitisch gewesen. Das widerspricht doch ihrer vorangehenden Aussage. Ausserdem hat der Burgdorfer Gemeinderat vor gut zwei Wochen seine Legislaturziele bekannt gegeben, die notabene ohne die 39 Millionen sofort zur Makulatur werden.

Wyss: Es ist so: Die Motivation für eine Partnerschaft waren nicht die Finanzen, sondern die Zukunft der Localnet. Dass Burgdorf das Geld aber gut brauchen könnte, ist kein Geheimnis.
Gfeller: Trotz Finanz-Engpass haben wir in den letzten Jahren 29 Millionen investiert. Die anstehenden Sanierungen müssen etappiert werden, dann sind zwei Projekte realisierbar.

Was ist die Konsequenz für den Endverbraucher punkto Strompreis, wenn die Localnet teilverkauft wird?

Gfeller: Bereits heute hat die BKW bei der Gestaltung des Strompreises ein Mitspracherecht. Folglich würde sich da vorerst wohl nichts ändern.

Wyss: Die Preise werden heute von der Localnet-Geschäftsleitung festgelegt. Das wird so bleiben.

Wagen Sie eine Prognose: Wie fällt das Abstimmungsresultat aus?

Wyss: Ich zähle auf unser Stimmvolk und rechne mit einem knappen Sieg.

Gfeller: Ich glaube, dass der Teilverkauf mit etwa 70 Prozent abgelehnt wird.