Geplatzter Traum
Fussball war für Flüchtling «einzige Chance auf ein gutes Leben»

Gekidnappt, misshandelt, von Schleppern verschifft: Die Hoffnung auf eine Fussballkarriere hat den jungen Nigerianer Munji Hamza Uba via Libyen und Italien in die Schweiz geführt. Doch der Traum in der Schweiz musste scheitern.

Alex Dutler, Watson
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Flüchtling Munji wartet am «Kick für Toleranz» in Winterthur auf seinen nächsten Einsatz.
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Flüchtling Munji hofft wohl vergeblich auf eine Zukunft als Fussballprofi in der Schweiz
Munji Hamza Uba aus Nigeria hofft auf eine Zukunft als Fussballprofi in der Schweiz. Am Turnier «Kick für Toleranz» tritt er mit der Mannschaft DZ Selzach an.
Die Spieler des Hamburger Flüchtlingsklubs FC Lampedusa haben erst nach langem Hin und Her mit den Behörden eine Einreisebewilligung für die Schweiz erhalten
Trotz kaputter Sohle: Munjis wertvollster Besitz. Seine Fussballschuhe lässt der nigerianische Flüchtling nicht aus den Augen.
Munji schnürt seine Fussballschuhe in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Flüchtling Munji wartet am «Kick für Toleranz» in Winterthur auf seinen nächsten Einsatz.

watson.ch

«Sehr gerne möchte ich euch meine Geschichte erzählen», hat Munji Hamza Uba an jenem Samstag Anfang September gesagt. Doch bald wurde dem 19-jährigen Nigerianer dann alles doch zu viel. Die Stimme des Fussball-Flüchtlings versagt, als er von den Bomben berichtet, mit denen die Terrorgruppe Boko Haram Tod und Zerstörung über seine Heimatstadt Kano bringt.

Die Erinnerungen und die Sorge um seine zurückgelassene Familie schnüren dem schmächtigen jungen Mann die Kehle zu. Dicke Tränen kullern aus seinen Augen. Hektisch nestelt Munji an den Schnürsenkeln seiner Kickschuhe herum und schnäuzt in eine Socke. Einfach irgendetwas tun, um die unangenehme Situation zu überspielen.

Gekidnappt, misshandelt, von Schleppern verschifft: Die Hoffnung auf eine Fussballkarriere hat den jungen Nigerianer via Libyen und Italien vorläufig in die Schweiz geführt.

Ein Turnier von und mit Flüchtlingen

Munji war Anfang September einer von rund 400 Teilnehmern am «Kick für Toleranz», einem antirassistischen Fussballturnier auf der Winterthurer Schützenwiese. Unter dem Patronat des FC Winterthur, der «Wochenzeitung» und der autonomen Schule Zürich trafen sich dort 47 Mannschaften, um gemeinsam Fussball zu spielen.

Die Hälfte der Sportler: Flüchtlinge. Sie kamen aus Durchgangsheimen und Asylunterkünften. Ihre Mannschaften tragen Namen wie FC Senegambia oder United Colours of Düdingen.

Munji spielte für «DZ Selzach», die Mannschaft des Durchgangszentrums im Kanton Solothurn. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten war dieses Flüchtlingsteam für den grossen Tag bestens ausgerüstet: Ein Deutschlehrer hat über Beziehungen zum FC Basel einen Satz Trikots als Leihgabe organisiert.

Doch Munji wäre wohl auch ohne teures Leibchen aufgelaufen. Denn für den gläubigen Muslim ist es ein Geschenk Allahs, dass er überhaupt noch mitfahren durfte: «Ich habe eine Woche lang gebettelt, aber das Team war bereits komplett. Morgens um 6 Uhr hat mich die Zentrumsleiterin geweckt. Ein anderer Spieler hat abgesagt. Die Leiterin meinte noch, es gebe leider keine Fussballschuhe für mich. Doch meine standen natürlich schon frisch geputzt unter dem Bett bereit.»

«Mehr Probleme, als ihr euch vorstellen könnt»

Auf dem Platz ist nicht zu übersehen, wie ernst dem jungen Nigerianer die Sache mit dem Fussball ist. Munji erzählt, dass er mit Kano United bereits als 17-Jähriger in der zweithöchsten nigerianischen Liga gespielt habe. Fünfmal pro Woche trainierte er für den Traum von der Profikarriere. Das war damals, bevor er aus Verzweiflung zum Fussball-Flüchtling wurde.

«In Nigeria gibt es mehr Probleme, als ihr Schweizer euch überhaupt vorstellen könnt. Es gibt einfach zu viele böse Menschen. Gewalt, Korruption und Terror sind Alltag. Viele Leute müssen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen. Ich wollte meiner Familie helfen, deshalb habe ich das Land verlassen», erklärt Munji. Seine Hoffnungen setzt er auf eine risikoreiche Karte: «Ich habe keinen Beruf gelernt. Fussball ist meine Karriere, Fussball ist meine einzige Chance auf ein gutes Leben.»

«Mein Leben war für sie nichts wert»

Wie schlecht die Aussichten auf die ersehnte Karriere wirklich sind, muss Munji bald am eigenen Leib erfahren. Via Niger reist er nach Libyen und schliesst sich dem Erstliga-Klub Aljazeera Zuwara an. Ohne festen Vertrag versucht er, sich einen Platz in der ersten Mannschaft zu erkämpfen. «Der Trainer mochte mich und ich habe einige Freundschaftsspiele absolviert. Doch dann verletzte ich mich schwer am Oberschenkel. Schon war niemand im Klub mehr an mir interessiert. Mein Leben war für sie nichts wert. Ich habe sie angefleht, mich zu einem Arzt zu schicken, doch es war ihnen egal.»

Ausgerechnet in dieser Krise fällt Munji einer militanten Gruppe in die Hände. Seine Kidnapper sperren ihn ein, versuchen Lösegeld von seiner Familie in Nigeria zu erpressen.

Als diese nicht zahlen kann, durchstechen die Kriminellen die rechte Brustwarze ihrer Geisel mit einem Messer. Munji zieht sein FCB-Trikot hoch und zeigt die Narben: Einstichstelle, Ausstichstelle. Ein grausamer Anblick. Erst als seine Peiniger merken, dass sie aus ihrem Opfer kein Kapital schlagen können, lassen sie Munji frei. Der junge Mann hat nur noch einen Gedanken: «Nichts wie weg aus diesem Land!»

Das Leben in die Hand von Schleppern gelegt

Ein Freund, dem die Flucht nach Deutschland gelungen ist, schickt ihm Geld, um die Schlepper zu bezahlen. Der Fussball-Flüchtling legt sein Schicksal wie Abertausende Leidensgenossen in ihre Hand und besteigt ein Holzboot mit dem Ziel Lampedusa. «Wir waren völlig überladen, es waren fast 200 Menschen an Bord. Während der Überfahrt habe ich mit meinem Leben abgeschlossen. Ich hatte nicht einmal mehr Angst, denn ich wusste: Jetzt kann mir nur noch Allah helfen.»

Irgendwann wird das Flüchtlingsboot von einem Schiff der italienischen Küstenwache aufgegriffen. Munji feiert das Wunder mit einem Freund, den er fortan «Bruder» nennt.

Gerettet: Munji und seine Freunde auf dem Boot der italienischen Küstenwache.

Gerettet: Munji und seine Freunde auf dem Boot der italienischen Küstenwache.

Munji Hamza Uba

Zusammen wollen sie nach Deutschland weiterreisen und passieren bei Chiasso die Schweizer Grenze. Zollbeamte greifen sie auf, nehmen Fingerabdrücke und registrieren sie. In Frankfurt wiederholt sich das Prozedere, doch die deutschen Beamten setzen die Flüchtlinge sofort in den Zug retour nach Basel: «Sie sagten, wir seien illegal hier. Die Schweiz sei jetzt zuständig für uns, weil wir dort erstmals offiziell aufgetaucht sind.»

Im Juni stellt Munji in der Schweiz einen Asylantrag. Als Person, die sich im beschleunigten Testverfahren des Staatssekretariats für Migration befindet, wird er dem Durchgangszentrum Juch in Zürich zugeteilt. Dort trifft ihn der nächste Schicksalsschlag: Sein «Bruder», mit dem er die Überfahrt nach Lampedusa überstanden hat, ertrinkt bei einem Badeunfall.

Ein Traum fast ohne Chance

Einige Wochen später wird Munji in den Kanton Solothurn überwiesen. Dort träumte von einer Chance im Schweizer Fussball, während er auf seinen Asylbescheid wartete: «Ich habe schon Probetrainings gemacht, aber ohne Papiere kann ich keinen Spielerpass bekommen. Ich bete jeden Tag für ein Wunder. Ich würde für jedes Schweizer Team spielen, das mich haben möchte.»

Was Munji nicht wusste oder einfach verdrängt hat: Als Nigerianer hatte er so gut wie keine Chance auf ein vorläufiges Bleiberecht. Rein statistisch war seine Rückschaffung nur eine Frage der Zeit. Trotz der Horror-Schlagzeilen um Boko Haram gilt sein Herkunftsland für die Schweiz als demokratischer Staat, in dem es keine Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen gibt.

Sämtliche 208 Asylgesuche von nigerianischen Staatsangehörigen wurden im Jahr 2014 abgelehnt. Und so kam es nun auch bei Munjji. Am Mittwoch Tagen erhielt er den negativen Asylbescheid. Er hat die Schweiz inzwischen schon verlassen. Sein sportlicher Auftritt am «Kick für Toleranz» war wohl für immer sein letzter auf Schweizer Boden.