Sauriermuseum Aathal
Für neue Dino-Skelette schläft er bei den Kojoten

Direktor Hans-Jakob Siber übernachtet bei Grabungen auch mal im Freien bei den wilden Tieren. Zusammen mit seinem Team hat der Saurierforscher des Schweizer Museeums bereits 20 komplette Saurierexponate geborgen.

Daniel Wallimann
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Das Sauriermuseum Aathal feiert am 27
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Blick ins Sauriermuseum in Aathal
Blick ins Sauriermuseum Aathal
Das Sauriermuseum in Aathal wird 20 Jahre alt
Ausstellungsobjekt im Sauriermuseum in Aathal

Das Sauriermuseum Aathal feiert am 27

Chris Iseli

Zwei Arten von Dinosaurierforschern gibt es: Schreibtischtäter, die ihre Nase in Bücher stecken und die Arbeit vom Bürostuhl aus dirigieren, oder Feldforscher. «Ich gehöre eher zur Feldspezies», findet Hans-Jakob Siber, der bärtige Saurierforscher und Direktor des Sauriermuseums Aathal.

Zur paläontologischen Knochenarbeit an der frischen Luft gehören dreckige Hosen, Muskelkater und schwielige Hände vom mühseligen Graben an der prallen Wüstensonne. Mit einem Funkeln in den Augen relativiert Siber: «Am Schluss zählen die Strapazen aber nicht mehr, denn das Abenteuer überwiegt.» Mit dieser Leidenschaft hat Siber es geschafft, sein Museum mittlerweile zwanzig Jahre lang zu betreiben.

Und der 69-Jährige forscht weiter. Jeder Mensch fragt sich irgendwann: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? «Antworten darauf könnte die Analyse ausgestorbener Tierarten wie der Dinosaurier geben», glaubt Siber. Denn keine andere Spezies dominierte vor 150 Mio. Jahren mit langen Hälsen, teilweise immensem Körpergewicht und erschreckender Gefrässigkeit so erfolgreich das Leben auf der Erde. «Und dennoch sind sie jetzt tot», stellt Siber fasziniert fest.

Ewig junges Interesse am Alten

Laut Lehrmeinung lebt eine Spezies durchschnittlich zwei Millionen Jahre und verschwindet dann meist vollständig. Oder doch nicht ganz? Die Paläontologie ist eine dynamische Disziplin. Mittlerweile ist bekannt: Einzelne Spezies existieren von jeher unverändert. Schier enthusiastisch wurde dereinst der Fang des Quastenflossers «Latimeria» gefeiert. Und infolge einer Pressefinte, in der ein lebender Saurier erwähnt wurde, begab sich in den 60er-Jahren sogar eine ganze Expeditionskolonne in den Kongo. Jüngst fragte sich die Fachwelt auch, ob Vögel die letzten Saurier oder nur Artverwandte der Reptilienstammgruppe seien.

Knochenjäger Siber erinnert sich: «Als ich jung war, hielt sich das Interesse für Saurier in Grenzen.» Landläufig galt ohnehin die Meinung, die guten Skelette stünden in den grossen Museen dieser Welt – von New York bis London. Siber dagegen sieht das anders: «Mit Gewissheit kann ich heute sagen, dass nicht einmal fünf Prozent der Saurierskelette ausgegraben sind. Ich könnte noch ein zweites Leben dafür gebrauchen.» Der Grabungs-Erfolg ist einem nie ganz gewiss. «Das ist aber auch reizvoll», findet der Zürcher. Bevor ein Fossil jedoch ausgehoben werden darf, empfiehlt es sich, eine behördliche Erlaubnis einzuholen: Einfach losgraben hätte juristische Konsequenzen. Das Bodenrecht wird je nach Land unterschiedlich verwaltet. In der Schweiz beispielsweise gehören alle Fossilien dem Staat – die Kantone haben die Aufbewahrungspflicht.

Der Allosaurus namens «Big Al»

In den USA dagegen gehören nur Schätze auf Regierungsboden zum Staatseigentum. Forscher, die Exponate mitnehmen wollen, müssen deshalb auf Privatland ausweichen und mit den Besitzern verhandeln. Das Kaufmannsgeschick dafür erlernte Siber beim Mineralienhandel, den er als zweites Standbein mit dem Vater betrieb. So sorgte er in den 90ern für Aufsehen, als er im Staat Wyoming auf Privatgrund das Raubtierskelett eines Allosaurus ausbuddelte, den er liebevoll «Big Al» nennt.

Unter freiem Himmel im Zelt, «wo sich Kojote und Klapperschlange gute Nacht sagen», schlägt seine Equipe das Lager auf; direkt bei der Fundstelle. Häufig ist ein 14-köpfiges Team vor Ort, das sich in Schichten abwechselt. Gegraben wird Schulter an Schulter. «Es ist ein Mannschaftssport», umschreibt es der Saurierforscher. Ein Team zu orchestrieren, hat der paläontologische Autodidakt während seiner Tätigkeit als Filmemacher gelernt. Wie bei jeder Medaille gibt es auch hier eine Kehrseite: Paläontologie ist ein 100-Prozent-Job, sieben Tage die Woche, und dereinst führte seine lange Abwesenheit von der Familie zu roten Köpfen.

Das Graben per se ist ein langsamer Prozess. Er dauert fünf bis sechs Wochen. Von Misserfolgen darf man sich nicht decouragieren lassen. Sibers Credo: «Je mehr man sucht, desto mehr kann man finden.» Wenn bekannt ist, wie und wo das Fossil oder Einzelteile davon liegen und das Feld abgesteckt ist, dringt ein Bagger bis zu 30 Zentimeter heran. Mit Pickeln, Schaufeln oder Pinseln muss der Knochen schliesslich in akribischer Feinarbeit freigeschält werden.

Selten liegt ein komplettes Skelett einfach so da: Nein, mal sind es vielleicht drei Schwanzwirbel. «Und solange der vierte noch unter der Erde liegt, schlafe ich schlecht», sagt Siber schmunzelnd. Die Wahrscheinlichkeit ist auch gross, dass Aasfresser daran genagt oder Überschwemmungen Teile fortgerissen haben.

Ausserdem sind die Fundstücke meist nicht vollständig versteinert. Will heissen: ihre anorganischen, häufig schwarzgrauen Überreste liegen, durch die Erdverschiebung bereits mehrfach gebrochen, im Boden brach. Für die Forschung im Labor oder eine Ausstellung müssen die brüchigen Sauriergebeinsreste dann mithilfe einer Gipsjacke oder mit Schnellkleber stabilisiert werden.

Eine Nacht im Museum

Der Weg, bis ein Knochen gepützelt und als Skelett präpariert im Museum steht, ist lang. Es vergehen Jahre. DieSkelette stellt er im Sauriermuseum Aathal aus – einem alten Fabrikgebäude.

Zwei lebensgrosse Turiasaurier-Modelle bekommt das Publikum zum
20-Jahr-Jubiläum unter anderem Ende April zu Gesicht. Mit ihren knapp 50 Tonnen Gewicht und 30 Metern Länge stampfte die Riesenechse dereinst auch über europäischen Boden. Zum museumspädagogischen Konzept gehört auch: Mutige Kinder und Jugendliche können in geführten Gruppe eine Nacht im Museum kampieren. Wenn sie denn Ruhe finden ...

Informationen www.sauriermuseum.ch