Bern
Fünf Brücken mit Netzen sichern

Ein trauriger Rekord hat die Stadtberner Politiker aufgeschreckt: An keinem anderen Ort der Schweiz springen so viele Menschen von Brücken in den Tod. Jetzt werden fünf Brücken in Bern mit Netzen gesichert.

Merken
Drucken
Teilen
Brücke

Brücke

Berner Rundschau

Bruno Utz

Das Problem aufgedeckt hatte Thomas Reisch in einer nationalen Studie, die vom Bundesamt für Strassen mitgetragen wurde. Der Oberarzt bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD) analysierte 475 Sprünge von 141 Schweizer Brücken im Zeitraum 1990 bis 2004. Gemäss der Studie konzentrierten sich zwei Drittel aller Suizide auf 23 Brücken.

Kein Suizid mehr nach Netz

Die Münsterplattform wurde vor elf Jahren mit Netzen ausgerüstet. Laut Thomas Reisch, Oberarzt der UPD Waldau, hat sich diese Sicherung bewährt. Wie er in der «Schweizerischen Ärztezeitung» im Mai schrieb, konnten Suizide nicht nur bei der Münsterplattform verhindert werden, sondern auch die Suizide an benachbarten Orten seien massiv zurückgegangen. Das Argument, «Die springen dann alle anderswo», sei damit eindeutig widerlegt worden. Das Netz bei der Münsterplattform habe somit die Erwartungen weit übertroffen. Es sei nicht nur unvergleichlich effektiv, sondern auch in denkmalpflegerischer Hinsicht akzeptabel. «An keinem anderen Hotspot in der Welt konnte eine derartige Sistierung von Sprüngen gefunden werden wie hier», schreibt Reisch weiter. Kein Wunder, dass auch die Golden Gate Bridge in San Fransico nach dem Muster der Münsterplattform gesichert werden solle. Laut Reisch zeigt die Forschung zudem auf, dass Menschen, die an einer suizidalen Krise leiden, der Sprung für den Augenblick zwar als beste Lösung erscheint, viele ihre Tat jedoch noch während des Sprungs bereuen. (uz)

Hilfe in schwierigen Situationen bieten an: Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Pro Juventute: Telefon 147 oder das Kriseninterventionszentrum der UPD: Telefon 031 632 88 11. www.berner-buendnis-depression.ch

An vorderster Stelle der so genannten Hotspots befanden sich die Kirchenfeldbrücke (3. Platz), die Kornhausbrücke (4) und die Lorrainebrücke (14). Gemäss Polizeistatistik nahmen sich innerhalb von 5 Jahren 58 Menschen durch einen Sprung von einer Berner Brücke das Leben. Anwohner nennen noch deutlich höhere Zahlen.

Kikolo und Gymeler

Vor einem Jahr lancierte das Berner Bündnis gegen Depression (BBdG) das Präventionsprojekt Kikolo, mit dem Ziel, die drei grossen Berner Brücken mit Netzen auszurüsten. Politisch erreichte Kikolo im Sommer einen ersten Erfolg. Der Stadtrat überwies ein Postulat der Psychiatrie-Ärztin und GFL-Stadträtin Daniela Lutz ohne Gegenstimme. Darin forderte Lutz «Massnahmen zur Reduktion der Brückensuizide und Abklärungen mit dem Denkmalschutz», wie Lutz gegenüber dieser Zeitung erklärte. Am vergangenen 10. September, dem Weltsuizidtag, haben Schüler des Gymnasiums Kirchenfeld auf dem direkt unter der Kirchenfeldbrücke liegenden Schwellenmätteli für Sicherungsnetze demonstriert.

Am Donnerstagabend machte der Stadtrat nun Nägel mit Köpfen: Mit 61 zu 5 Stimmen überwies er eine politisch breit abgestützte dringliche Motion. Darin verlangen die Parlamentarier, dass die Kirchenfeldbrücke, die Kornhausbrücke und die Lorrainebrücke bis
Ende 2011 beidseitig und auf der ganzen Länge mit Netzen gesichert werden. Bis zum Ende des folgenden Jahres seien auch die Nydeggbrücke und die Monbijoubrücke zu sichern.

Mehr erhalten als verlangt

«Es freut uns, wie geschlossen von links bis rechts der Stadtrat unser Anliegen unterstützt hat», sagte gestern auf Anfrage Daniela Krneta von der Lobbygruppe Kikolo. Kikolo steht übrigens für Kirchenfeldbrücke, Kornhausbrücke, Lorrainebrücke. Krneta: «Nur diese drei Hotspots hatten wir im Fokus. Dass nun noch zwei weitere Brücken gesichert werden sollen, begründete Krneta politisch: «Der Stadtrat wollte die Motion wohl nicht gefährden und überwies sämtliche fünf Punkte geschlossen.»