Bundesstrafgericht

Frau wollte mit 4-jährigem Sohn nach Syrien in den Dschihad

An der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei wurde die 31-jährige F.S. aus Winterthur verhaftet. Getty Images

An der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei wurde die 31-jährige F.S. aus Winterthur verhaftet. Getty Images

In Bellinzona beginnt der Prozess gegen eine junge Frau aus Winterthur. Sie sei davon überzeugt gewesen, «dass jeder Muslim die Pflicht hat, zum IS zu gehen und diesen zu unterstützen.»

Für die Bundesanwaltschaft (BA) ist der Fall klar. Die heute 31-jährige F. S. aus Winterthur versuchte, nach Syrien zu gelangen, um sich dort dem sogenannten «Islamischen Staat» (IS) anzuschliessen. Durch ihr Handeln habe sie «wissentlich und willentlich die Aktivitäten des IS auf andere Weise gefördert», heisst es in der Anklageschrift. Es stelle somit einen Verstoss gegen das Verbot der Gruppierungen al-Kaida und IS dar. Heute Freitag muss sich die Beschuldigte vor einem Einzelrichter am Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten.

Der Fall ist aussergewöhnlich. Denn die junge Frau war mit ihrem damals 4-jährigen Sohn unterwegs, als sie im Januar 2016 in Griechenland von der Polizei festgenommen wurde. Nach Erkenntnissen der Ermittler war sie von Ägypten auf dem Seeweg nach Kreta gereist. Dafür bezahlte sie Schleppern 12 000 Franken. Via Athen versuchte sie, nach Syrien zu gelangen. Doch dann wurde sie an der Grenze zur Türkei festgenommen. Danach hat sie laut BA noch zwei Mal versucht, nach Syrien zu gelangen, bevor sie mit dem Flugzeug in die Schweiz zurückgeschickt wurde. Nach ihrer Rückreise befand sie sich einen Tag in Zürich in Polizeihaft. Die Ausweise wurden ihr abgenommen; sie untersteht seither einer polizeilichen Meldepflicht.

Durch Videos radikalisiert

Bei F. S. handelt es sich um eine Konvertitin, die sich offenbar ab 2009 radikalisiert hat, unter anderem durch Videos des deutschen islamistischen Hasspredigers Pierre Vogel. Sie sei davon überzeugt gewesen, «dass jeder Muslim die Pflicht hat, zum IS zu gehen und diesen zu unterstützen», schreibt die BA. Zudem liebe sie den IS und sei überzeugt, nach den islamischen Gesetzen leben zu müssen. Sie lehne das Rechtssystem der Schweiz ab und befürworte Märtyrer-Anschläge in Westeuropa.

F. S. ist in Winterthur Töss aufgewachsen, hat eine Lehre bei den SBB und später einen Bachelor in Betriebswirtschaft absolviert. Einige Details zu ihrem Lebensweg und zur Radikalisierung erzählte ihr einstiger Ehemann im Januar 2016 in der «Neuen Zürcher Zeitung». Mit diesem war sie 2010 nach Ägypten gezogen, lebte aber später in Trennung. Demnach hatte sie die Reise detailliert geplant und den vierjährigen Sohn entführt. «Dass eine Mutter ihren kleinen Sohn in Lebensgefahr bringt, um einer verrückten Idee nachzugehen, bleibt für mich unverständlich», sagte der Ehemann. Sie sei von Extremisten kontaktiert und angeworben worden.

Genügt die Absicht allein?

Juristisch stellt sich die Frage, ob eine Dschihad-Reisende allein wegen der Absicht verurteilt werden kann, sich dem IS anschliessen zu wollen. Möglich ist dies, wie ein analoger Fall zeigt, der bereits vor Bundesstrafgericht verhandelt wurde. Der schweizerisch-libanesische Doppelbürger Ahmed J., ebenfalls aus Winterthur, wurde im Juli 2016 zu 18 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt, weil er sich dem IS anschliessen wollte. Die Polizei hatte ihn bei der Ausreise am Flughafen Zürich abgefangen. Wichtig für den Schuldspruch war die Tatsache, dass er sich effektiv auf der Reise befand und nicht nur reisewillig war. Das Bundesgericht bestätigte im Februar 2017 das erstinstanzliche Urteil.

Vollverschleiert vor Gericht?

Im Vorfeld der Hauptverhandlung vom Freitag ist die Frage aufgetaucht, was passiert, wenn die Frau aus Winterthur vollverschleiert in Bellinzona erscheint. Im Tessin gilt das sogenannte Burka-Verbot, wonach auch das Tragen einer Nikab verboten ist. Die Vorgeschichte lässt vermuten, dass sich die streng gläubige Muslimin nicht unbedingt an diese Regel halten und ihren Schleier freiwillig ablegen wird. Bisher wurde eine Frau im Tessin noch nie gewaltsam gezwungen, den Nikab abzunehmen.

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