Fluglärm
Fluglärm verdoppelt Infarktrisiko

Erste medizinische Grossuntersuchungen zu Fluglärm zeigen: Wer in einer An- oder Abflugschneise lebt, hat ein stark erhöhtes Risiko, schwer krank zu werden. Besonders betroffen sind Frauen. Die Studie alarmiert Fluglärm-Verbände – sie planen einen politischen Vorstoss.

Merken
Drucken
Teilen
Das neue Gebührenmodell soll in zwei Schritten eingeführt werden

Das neue Gebührenmodell soll in zwei Schritten eingeführt werden

Keystone

Benno Tuchschmid

65000 Menschen sind in der Schweiz jeden Tag starkem Fluglärm ausgesetzt - und laufen Gefahr, schwer krank zu werden. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» veröffentlichte eine deutsche Studie zu medizinischen Auswirkungen von Fluglärm, die den Zusammenhang zwischen Lärmbelastung und Krankheitsfällen aufzeigt (siehe Grafik). Die Zahlen sind dramatisch: Für Frauen, die tagsüber Fluglärmpegeln von 60 Dezibel ausgesetzt sind, steigt die Gefahr eines Schlaganfalls um 172 Prozent. Bei Männern steigt bei der gleichen Belastung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 69 Prozent. In der Schweiz sind rund 65000 Menschen von einer solchen Fluglärmbelastung betroffen. Der Bremer Mediziner und Epidemologe Eberhard Greiser hat für die Fluglärm-Studie Versicherungsdaten von 1020508 Betroffenen ausgewertet, die im Umfeld des Flughafens Köln/Bonn leben. Bisher gab es nur kleinere Studien zu den medizinischen Auswirkungen von Fluglärm.

Frauen leiden stärker

Die Resultate der Untersuchung alarmieren jetzt auch Fluglärmgegner in der Schweiz. «Die Resultate dieser Studie sind fatal», sagt Fritz Kauf, Co-Präsident der Organisation «Bürgerprotest Fluglärm Ost» mit rund 2500 Mitgliedern. Priska Seiler Graf, Zürcher Kantonsrätin und Präsidentin des Dachverbandes Fluglärmschutz, sagt: «Besonders schockiert mich, dass Frauen so stark betroffen sind.» Die Studie zeigt tatsächlich, dass Frauen ein höheres Erkrankungsrisiko haben. Dies hängt laut Greiser damit zusammen, dass sich Frauen länger in der Wohnung aufhalten. Besonders heikel sind auch Lärmbelastungen in der Nacht.

In der Schweiz sind rund 95000 Menschen betroffen: Sie sind nachts Fluglärm von mindestens 50 Dezibel ausgesetzt. Schon diese Belastung kann gemäss Studie gesundheitsschädigend sein. Für Priska Seiler Graf ist klar: «Es braucht jetzt endlich eine ausgedehnte Nachtruhe, am besten über acht Stunden.» Diese Forderung passt der Flughafenbetreiberin Unique gar nicht in den Kram: «Eine weitere Ausdehnung der Nachtruhe um zwei Stunden würde eine interkontinentale Luftverkehrsdrehscheibe verunmöglichen», sagt Unique-Sprecherin Sonja Zöchling. Beim Flughafen Zürich gilt im Moment eine Nachtruhe von 24 bis 6 Uhr, mit einer Toleranz von rund einer halben Stunde für Verspätungsabbau. Mit dem neuen Betriebsreglement, dass noch hängig ist, würde ein Flugverbot bereits ab 23 Uhr gelten (ebenfalls mit einer halben Stunde Toleranz). Zöchling sagt weiter, dass sie die Studie nicht im Detail kenne, aber: «Eine Studie über Fluglärm an einem Flughafen kann man nicht per se auf einen andern Flughafen umwälzen.» Schon heute habe der Flughafen Zürich eine der strengsten Nachtflugregelungen in Europa.

Schweizer Studie gefordert

Priska Seiler Graf bestreitet nicht, dass Zürich strengere Richtlinien für Nachtflüge hat als andere Flughäfen. Sie bläst trotzdem zum Angriff: Mit der deutschen Studie hätten die Fluglärm-Gegner ein gewichtiges Argument mehr gegen den Flughafen-Ausbau von Zürich. «Für mich ist klar, dass es jetzt auch in der Schweiz eine solche Untersuchung braucht.» SP-Kantonsrätin Priska Seiler Graf prüft, ob sie im Zürcher Kantonsrat eine Motion dazu einreichen soll.