Einige Kinder in der Stadt Zürich staunten nicht schlecht als sie am Mittwochabend auf ihrer Tour durch die Strassen nebst den Süssigkeiten auch einen Flyer zugesteckt bekamen. «Halloween – was ihr unbedingt wissen solltet.» Bunt und mit vielen Zeichnungen aufgemacht, kommt der Zettel auf den ersten Blick wie ein Comic für Kinder daher. Bei näherer Betrachtung ist der Inhalt des Flyer aber weniger lustig.

«Halloween – auch ein Fest der Dunkelheit, auch ein Fest des Bösen, auch ein Fest der Angst.» Unter diesem Titel wird «aufgeklärt», dass es sich bei Halloween im Grunde um einen Totenkult handelt und das Fest für viele Leute der Einstieg in die «böse Welt des Satanismus» ist. «Was als harmloses Spiel beginnt, löst oft tiefe Angst aus.» Als Tipp wird empfohlen, nicht mitzumachen, «wenn Zaubersprüche gesprochen werden und es darum geht, Geister zu rufen».

Diesen Flyer bekamen Kinder an Halloween zugesteckt.

Diesen Flyer bekamen Kinder an Halloween zugesteckt.

In der abgebildeten Zeichnung kann das Mädchen Lisa nicht schlafen. Es fürchtet sich vor den Halloween-Masken. Doch dann erinnert sie sich daran, dass Jesus immer bei ihr ist. «Wer auf seiner Seite steht und mit ihm lebt, steht auch unter seinem Schutz», heisst es.

Evangelikale kritisieren Halloween

Unter dem Comic gibt ein kleingedrucktes Impressum Aufschluss über die Herkunft des Zettels. Dahinter steckt eine Stiftung aus Deutschland. In der Schweiz wird der Flyer von einer evangelikalen Gruppe namens «TextLive» weiterverbreitet. Auf ihrer Homepage heisst es, ihr Ziel sei es «Christen in ihrem Missionsauftrag zu unterstützen.» 

Daniela Baumann ist Sprecherin der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), des grössten Netzwerks evangelischer Christen aus Landes- und Freikirchen in der Schweiz. Die Flyer-Aktion findet sie zwar nicht nötig, beurteilt das Halloween-Fest jedoch kritisch. «Das Halloween-Fest reicht in die keltische Zeit zurück und ist heidnischen Ursprungs. Das damalige Fest war stark vom Glauben an Dämonen und von der Wiederkehr verstorbener Seelen erfüllt.»

Zwar würden heute viele Menschen Halloween der blossen Unterhaltung wegen und als Gelegenheit, Streiche zu spielen, feiern. «Doch Halloween lädt immer mehr zur Begegnung mit dem Okkulten ein. Auch in der Schweiz nimmt unter Jugendlichen der Hang zu Okkultismus und Satanismus zu», sagt Baumann. 

Kritik von der Fachstelle

Susanne Schaaf, Geschäftsleiterin von Infosekta, ist spezialisiert auf Fragen rund um Freikirchen. Sie sagt: «Der evangelikale Glaube basiert auf einer schematischen Vorstellung von Gut und Böse aus, von einem Kampf zwischen Gott und Satan.» Satan sei für evangelikale Gläubige nicht nur eine Metapher für das Böse, sondern eine real existierende dunkle Macht, erklärt sie. «Die kleine Hexe, Aladin und die Wunderlampe, Krabat – das ist Kinderliteratur, die für Anhänger von Freikirchen als okkultistisch gelten, weil darin dunkle Mächte verherrlicht würden. Dasselbe gilt für Halloween.» 

Mit dem Flyer versuchten evangelikale Gläubige, die Kinder vor der angeblichen Gefahr böser Mächten zu warnen, so Schaaf. Denn es gehöre zu ihrem Missionsauftrag, die frohe Botschaft in die Welt zu tragen und die Menschen zu überzeugen, dass sie Jesus folgen und nicht auf der verlorenen Seite stehen bleiben sollten. «So wollen sie die Kinder vor der angeblichen Gefahr des allgegenwärtigen Einflusses von Satan warnen.» 

Die Flyeraktion mache auf das dahintersteckende problematische Denksystem aufmerksam, das hoch moralisch und dogmatisch sei. Bestimmte Gefühle, Gedanken oder Verhaltensweisen, wie die Teilnahme am Halloween-Fest, würden als Einfallstore der Dämonen betrachtet. «So wird bei Kindern und Jugendlichen eine Angst geschürt, von Satan oder Dämonen beeinflusst zu werden», sagt Schaaf.

Sie kritisiert, dass sich Evangelikale oft mit ihrer Wahrheit identifizieren. Halloween könne demnach nicht als amerikanisches Ritual angesehen werden, bei dem Kinder gemeinsam um die Häuser ziehen und Süssigkeiten sammeln. Dieser Perspektivenwechsel sei für Anhänger von Freikirchen nicht möglich. «Sie können es nicht spielerisch sehen, sondern für sie ist es bedrohlicher ernst.»