Justiz

Fall «Carlos»: Was der Oberjugendanwalt wirklich wusste – aber bis heute unter dem Deckel hält

Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf an einer denkwürdigen Medienkonferenz im Jahr 2014. Riesen ist noch im Amt. Graf wurde abgewählt.

Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf an einer denkwürdigen Medienkonferenz im Jahr 2014. Riesen ist noch im Amt. Graf wurde abgewählt.

Als die Behörden wegen des Falls «Carlos» in Erklärungsnot gerieten, behaupteten die Verantwortlichen, sie hätten nichts gewusst. Jetzt wird der Oberjugendanwalt von der Vergangenheit eingeholt. Er soll damals nicht die Wahrheit gesagt haben.

Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf an einer denkwürdigen Medienkonferenz im Jahr 2014. Riesen ist noch im Amt. Graf wurde abgewählt.

Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf an einer denkwürdigen Medienkonferenz im Jahr 2014. Riesen ist noch im Amt. Graf wurde abgewählt.

Der Prozess gegen den Serienstraftäter Brian K., der 2013 unter dem Pseudonym Carlos bekannt geworden ist, öffnet alte Wunden. Denn es gibt eine Frage, die nach dem Skandal nie geklärt wurde. Wer wusste wann was? Als der damalige Zürcher Justizdirektor Martin Graf und der Oberjugendanwalt Marcel Riesen damals vor die Medien traten, sagten beide, sie seien über das Sondersetting nicht im Detail informiert gewesen. Sie schoben die Verantwortung auf einen Untergebenen ab. Der zuständige Jugendanwalt Hansueli Gürber habe in eigener Kompetenz gehandelt, argumentierten sie. Dieser räumte darauf seinen Posten. Graf war als Regierungsrat wahrscheinlich tatsächlich nicht in die Entscheide involviert, doch das half ihm nicht: 2015 wurde er abgewählt.

Riesen ist der einzige Akteur von damals, der den Skandal im Amt überstanden hat. Er arbeitet noch heute in gleicher Funktion. Schon damals ahnte man, dass er den Unwissenden spielte, um seinen Job zu retten. Doch niemand stand mit Namen hin, um dies zu bestätigen. Gürber machte in Interviews zwar Andeutungen, sagte aber, er dürfe nicht über die Vorgänge sprechen, da sein ehemaliger Chef Riesen ein Gesuch um eine Entbindung vom Amtsgeheimnis abgelehnt habe.

Eine Mitwisserin packt vor laufender Kamera aus

Eine Frau, die damals ebenfalls an vorderster Front dabei war, ist Anna-Lisa Oggenfuss. Sie hat das Sondersetting mit ihrer Sozialfirma betreut. Auch sie wäre eigentlich ans Amtsgeheimnis gebunden. Doch das scheint sie nicht zu kümmern. In der Sendung «Club» des Schweizer Fernsehens hat sie ausgepackt. In Minute 50 der Debatte präsentierte sie zwei Belege, die zeigen, dass Riesen genau im Bild war.

Erstens habe sie mit ihm persönlich telefoniert, bevor das Sondersetting gestartet war. Sie habe ihn sowohl über den Plan als auch über den Inhalt informiert.

Zweitens habe Jugendanwalt Gürber ihr immer gesagt, er informiere den Oberjugendanwalt regelmässig über den Fall. Recherchen dieser Zeitung bestätigen dies: Alle zwei Monate führte die Oberjugendanwaltschaft damals Sitzungen zu den sogenannten Intensivtätern durch. In diesen Runden rapportierten die Jugendanwälte über ihre Problemfälle. Der Fall «Carlos» gehörte dazu. Die Sitzungen leitete Marcel Riesen.

Der Oberjugendanwalt Marcel Riesen will heute dazu nichts sagen. Über seine Sprecherin lässt er ausrichten, die Vorgänge vor sechs Jahren seien in zahlreichen Gremien und Aufsichtskommissionen bis ins Detail behandelt. Dem gebe es nichts beizufügen.

Die zentrale Frage, wer wann was wusste, wurde allerdings öffentlich nie aufgearbeitet.

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