Bau

Experte: «Die Bauunternehmen kalkulieren den Pfusch mit ein»

Gewisse GU geben Arbeiten an Subunternehmer weiter – Motto: «Aus den Augen, aus dem Sinn». key

Gewisse GU geben Arbeiten an Subunternehmer weiter – Motto: «Aus den Augen, aus dem Sinn». key

Der Immobilienboom in der Schweiz hat auch Schattenseiten. Es wird nicht nur mehr gebaut, sondern auch mehr gepfuscht. Ansgar Gmür, Direktor des Hauseingentümerverbandes ist kar. «Bauunternehmer kalkulieren den Pfusch mit ein»

Herr Gmür, im Schnitt hat jeder Neubau 15 Mängel gemäss einer unveröffentlichten ETH-Studie. Überrascht Sie dieses Resultat?

Ansgar Gmür: Das überrascht mich ganz und gar nicht. Auch wir vom Hauseigentümer-Verband stellen fest, dass die Baumängel in den letzten Jahren massiv zugenommen haben. Mit dem Bauboom ist der Kosten- und Zeitdruck in der Branche enorm gestiegen.

In der Regel baut man ja nur einmal im Leben. Inwiefern kann da der Bauherr den Unternehmen überhaupt auf Augenhöhe begegnen?

Genau diese Wissensasymmetrie ist ein grosses Problem. Der Bauherr steht gegenüber den Fachleuten letztlich auf verlorenem Posten. Entsprechend muss er sich Hilfe holen, sowohl was das Bauen anbelangt, aber auch was juristische Fragen betrifft. Wenn es beispielsweise um die Ausgestaltung der Verträge mit den Handwerkern geht.

Was raten Sie überforderten Bauherren?

Nicht am falschen Ort zu sparen! Bei Bauvolumen von Hunderttausenden von Franken lohnt es sich, ein paar tausend Franken für Beratung zu investieren. Hierfür gibt es zahlreiche Anlaufstellen. Neben den regionalen HEV-Sektionen sind dies Architekten und Bauplaner, die spezialisiert sind auf Bauberatung. Empfehlenswert ist es auch, sich für Erfahrungswerte in der Verwandtschaft und der Bekanntschaft umzuhören.

Was halten Sie von Baubegleitern?

Das ist sehr zu empfehlen. Denn die Baubegleiter sind unabhängig und keinem Unternehmen verpflichtet. Gerade auch bei der Abnahme, denn solche Baubegleiter sehen versteckte Mängel, von denen Laien nicht einmal ahnen.

Nebst versteckten Mängeln: Was sind weitere Fallstricke für angehende Wohneigentümer?

Sich niemals auf mündliche Abmachungen einlassen. Man muss alles schriftlich festhalten. Ansonsten haben Sie im Zweifelsfall nichts in der Hand. Als ich vor über 20 Jahren gebaut habe, kannte ich zwar meinen Generalunternehmer persönlich. Dennoch liess ich mir alle Baumodalitäten schriftlich geben.

Apropos General- und Totalunternehmer: Fast jeder dritte Bauherr ist mit seinem GU/TU unzufrieden.

Hauptproblem ist, dass gewisse GU/TU die Arbeiten an Subunternehmen weitergeben nach dem Motto «Aus den Augen, aus dem Sinn». Mit der Konsequenz, dass hernach die Mängelbeseitigung schleppend oder gar nicht stattfindet. Dies, obwohl der GU Druck auf die Subunternehmer ausüben könnte, denn diese haben ja Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit.

Weshalb nehmen GU ihre Verantwortung nicht wahr?

Das hat auch mit dem Bauboom zu tun. Die Renditen sprudeln. Man kalkuliert heute oftmals den Pfusch mit ein. In gewissen Ortschaften können Sie heute als GU ab Plan Liegenschaften zu beinahe jedem Preis verkaufen. Entsprechend müssen sich einzelne GU gar keine Mühe mehr geben, insbesondere in den städtischen Agglomerationen. Auf dem Land ist die Mängelbeseitigung noch besser. Da kennt man seine Handwerker noch persönlich.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1