Von wegen «Laissez-faire»: Eltern in der Westschweiz verlieren schneller die Nerven im Umgang mit ihren Kindern als Väter und Mütter in der Deutschschweiz und in der italienischen Schweiz.

Dies zeigt eine aktuelle Studie, für die das Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg mehr als 1500 Personen befragt hat. Kinder in der Romandie werden signifikant öfters «manchmal» oder «sehr häufig» geohrfeigt als in den anderen Landesteilen. Das gleiche gilt für Schläge auf den Hintern oder das Ziehen an den Haaren. Zur Strafe kalt abgeduscht werden die Kleinen nur ennet des Röstigrabens (siehe Tabelle).

Bei der psychischen Gewalt zeigt sich dasselbe Muster. Westschweizer Eltern sperren ihre Kinder häufiger ins Zimmer, beleidigen und schreien sie öfter an. «In Frankreich ist Gewalt stärker als Erziehungsmethode akzeptiert.

Dies färbt auf die Romandie ab», sagt Xenia Schlegel, Geschäftsführerin der Stiftung Kinderschutz Schweiz, welche die Studie in Auftrag gegeben hat. Bestätigt sieht sie sich durch Reaktionen auf die im letzten Jahr gestartete Kampagne für eine gewaltfreie Erziehung. «Aus der Westschweiz erhielten wir über verschiedene Kanäle am meisten Rückmeldungen à la: ‹Was wollt ihr eigentlich?›». In einem Kommentar der Facebook-Seite von Kinderschutz Schweiz rechtfertigt zum Beispiel eine Mutter den ruppigen Umgang mit den Worten: «Ich habe Ohrfeigen und Schläge auf den Hintern kassiert. Ich bin deswegen nicht gestorben und auch nicht traumatisiert.»

«Fehlverhalten» wird schneller bestraft

Weshalb gehen die Westschweizer ruppiger mit ihrem Nachwuchs um? Diesen Aspekt hat das Team um Professor Dominik Schöbi, Direktor des Instituts für Familienforschung und -beratung, in der aktuellen Erhebung nicht untersucht. Er sagt aber: «Aus früheren Studien wissen wir, dass Eltern im französischen Sprachraum ‹Fehlverhalten› schneller und stärker sanktionieren.» Im Erziehungsalltag heisst das zum Beispiel: Wenn die Tischmanieren zu wünschen übrig lassen, sich die Kinder mit Sauce bekleckern, die Sprösslinge schreien oder unordentlich sind, sie trötzeln oder partout nicht das Pyjama anziehen wollen, schreiten Eltern in der Romandie rascher ein.

Im Vergleich zu ähnlichen Untersuchungen der Universität Freiburg aus den Jahren 1990 und 2003 steigt die Zahl der Eltern in der Schweiz, die ganz auf Körperstrafen verzichten. Knapp 70 Prozent schlagen ihre Kinder nie auf den Hintern, für gut 86 Prozent sind Ohrfeigen tabu. Auf Gewalt als bewusste Methode setzen immer weniger Eltern. Und nur einer Minderheit rutscht die Hand regelmässig aus. Das passiert in der Regel dann, wenn sich Eltern über ihre Kinder nerven oder sich von ihnen provoziert fühlen.

In der Schweiz leben gut 1,2 Millionen Kinder von 1 bis 15 Jahren. Gemäss Schätzungen der Universität Freiburg erleiden davon 130000 regelmässig körperliche Gewalt. Mehr als 550000 Kinder werden mindestens einmal durch ihre Eltern körperlich gezüchtigt. Am häufigsten sind Kinder bis 6 Jahre betroffen. Faktoren wie Armut, Arbeitslosigkeit, enge Wohnverhältnisse oder soziale Isolation begünstigen Gewalt in der Erziehung.

Psychische Gewalt wie das Drohen mit Liebesentzug oder starkes Beschimpfen ist hierzulande verbreitet. Rund zwei Drittel der Eltern greifen auf derartige Massnahmen zurück, ein Viertel mit einer «gewissen Regelmässigkeit», heisst es in der Studie.

Risiko für Schäden steigt mit jeder Gewaltanwendung

«Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald», heisst es im Alten Testament. Die Forschung hat den biblischen Erziehungstipp längst als Unsinn entlarvt. Zwar reagieren nicht alle Kinder gleich auf elterliche Gewalt. Aus der Forschung geht aber hervor, dass Gewalterfahrungen in der Kindheit typischerweise eine Reihe von körperlichen, kognitiven und sozio-emotionalen Problemen verursachen kann.

Als Beispiele werden ein erhöhtes Herzinfarktrisiko, schlechtere Schulleistungen oder Verhaltensprobleme mit Aggressivität genannt. «Physische und psychische Gewalt in der Erziehung sind deshalb problematisch», sagt Dominik Schöbi. Natürlich wirke sich nicht jede einzelne Ohrfeige oder jede Bedrohung gegenüber einem Kind negativ aus. «Aber mit jeder einzelnen Gewalthandlung steigt das Risiko, dass eine Bestrafungsaktion ausartet und schwerste Schäden verursachen kann, und mit jeder nächsten Gewaltanwendung wird Gewalt zur prägenden Lernerfahrung, die uns nachhaltig einschränkt.»

Seit 1978 sind Ohrfeigen kein Recht mehr

Das ausdrückliche Recht auf Ohrfeigen und dergleichen verschwand erst 1978 aus dem Zivilgesetzbuch. 1997 ratifizierte die Schweiz die UNO-Kinderrechtskonvention, die explizit ein Recht auf gewaltfreie Erziehung garantiert. Einen eigenen Straftatbestand für körperliche Züchtigung gibt es nicht. Auch im Zivilgesetzbuch ist das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung nicht explizit verankert, wie das etwa der Verein «gewaltfreie Erziehung» in einer Petition und die Walliser CVP-Nationalrätin Géraldine Marchand-Balet in einer Motion fordert. Der Bundesrat lehnt dies jedoch ab. Er erachtet Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagnen als tauglichstes Mittel, um körperliche Züchtigung aus dem helvetischen Erziehungsalltag zu verbannen.

Auf Information setzt auch Kinderschutz Schweiz. Im April lanciert die Stiftung Teil zwei der Kampagne für eine gewaltfreie Erziehung. Dabei will sie aufzeigen, wie Erziehungsberechtigte in Stresssituationen die Nerven behalten und die Wut besser kanalisieren können, welche Alternativen es zu Ohrfeigen gibt. «Wir möchten, dass die Kinder in der Schweiz ohne Gewalt aufwachsen. Dafür braucht es zuerst einen gesellschaftlichen Wandel», sagt Xenia Schlegel.
In der Tat stösst gemäss aktuellen Umfragen die Losung «Eine Ohrfeige hat noch nie jemandem geschadet» immer noch bei einer Mehrheit auf Zuspruch. Immerhin: Gut fühlen sich Väter und Mütter nach einem Ausraster nicht. Die meisten plagt das schlechte Gewissen, wie die Studie der Universität Freiburg zeigt.