Swissair-Flug 111
Er kümmerte sich als Notarzt um die Angehörigen: «Der Absturz lässt mich nicht mehr los»

Am 2. September 1998 stürzte vor Kanada eine Swissair-Maschine ins Meer – 229 Menschen starben. Pierre Froidevaux (65) kümmerte sich vor 20 Jahren als verantwortlicher Notarzt am Genfer Flughafen um Menschen, die auf Angehörige warteten, die nie ankamen.

Pascal Ritter
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Pierre Froidevaux (65) arbeitete vor zwanzig Jahren als Notarzt und sass als Abgeordneter für die FDP im Genfer Kantonsparlament. Er erhielt den Auftrag, sich um die Angehörigen zu kümmern, die am Flughafen auf ihre Angehörigen warteten.

Pierre Froidevaux (65) arbeitete vor zwanzig Jahren als Notarzt und sass als Abgeordneter für die FDP im Genfer Kantonsparlament. Er erhielt den Auftrag, sich um die Angehörigen zu kümmern, die am Flughafen auf ihre Angehörigen warteten.

Zur Verfügung gestellt

Als der Swissair Flug 111 am 2. September 1998 um 21.31 Uhr ins Meer stürzte und 229 Menschen starben, schlief die Schweiz noch. Es war 3.31 Uhr. Auch die Angehörigen der 41 Schweizer Opfer.

Pierre Froidevaux erfuhr von der Katastrophe in den Morgennachrichten des Radios. Der heute 65-jährige Allgemeinmediziner arbeitete vor zwanzig Jahren als Notarzt und sass als Abgeordneter für die FDP im Genfer Kantonsparlament. Er erhielt den Auftrag, sich um die Angehörigen zu kümmern, die am Flughafen auf ihre Angehörigen warteten.

Herr Froidevaux, was für Szenen spielten sich vor 20 Jahren am Flughafen Genf ab?

Pierre Froidevaux: Die Angehörigen waren fassungslos. Sie konnten nicht glauben, was da geschehen war. Ihre Liebsten verschwanden von einem Moment auf den anderen und sollten nie mehr zurückkommen. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das seine Eltern verloren hatte. Das Schlimmste war, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Erklärung für die Frage gab, warum sie verschwunden sind. Und es kursierten Gerüchte.

Was waren das für Gerüchte?

Es hiess zuerst, die Mehrheit der Passagiere habe überlebt. Dann hiess es, auf den Rettungsbooten befänden sich Überlebende. Erst nach 10 Uhr war es dann offiziell: Das Flugzeug war ins Meer gestürzt. Es gab keine Hoffnung mehr, Überlebende zu bergen. Die Situation war für die Betroffenen absolut unfassbar. Sie befanden sich in einem Zustand des Entsetzens. Für die Betreuer ging es dann darum, die Situation etwas weniger unaushaltbar zu machen, damit das Trauma nicht unüberwindbar wird und sie das ganze Leben begleitet. Wer einen solchen Schock erlebt, braucht Unterstützung.

Wie betreuten Sie die Angehörigen am Flughafen?

Sie wurden zunächst einmal in einen grossen Raum des Flughafens geführt. Einige wollten lieber alleine sein, ihren Schmerz nicht mit anderen teilen. Die sind dann bald wieder nach Hause gegangen. Die Hinterbliebenen bekamen in diesem Moment grosse Unterstützung nicht nur von uns. Es gab noch in der gleichen Woche einen Gottesdienst in der Kathedrale in Genf. Auf diese Weise konnten die Angehörigen ihre Trauer mit anderen teilen.

Die MD-11 vom Swissair-Flug 111 stürzte am 2. September 1998 vor Peggys Cove, Kanada, in den Atlantik Am Flughafen Zürich-Kloten stehen am 3. September 1998 als Reaktion auf den Absturz die Fahnen auf Halbmast
21 Bilder
Das Bodenpersonal der Swissair informiert die Hinterbliebenen am Flughafen
Die Angehörigen trauern um die Verstorbenen an der Trauerzeremonie am 11. September 1998.
Die Bundesräte Flavio Cotti (r.) und Moritz Leuenberger bekunden an der Pressekonferenz vom 3. September 1998 in Bern zum Absturz von Swissiair-Flug 111 ihr tiefes Beileid und Mitgefühl.
Swissair-CEO Jeffery Katz stellt sich am 4. September 1998 den Medien.
Kanadische Taucher suchen nach Überresten des Wracks
Zwei Feuerwehrmänner suchen nach Überlebenden
Nahe der Absturzstelle wurde dieser Pullover im Wasser gefunden
Die Überreste des Flugzeugs im Rekonstruktions-Hangar.
Die kanadische Untersuchungsbehörde TSB, Transport Safety Board of Canada, versucht den Absturz anhand der Wrackteilen der Unglücksmaschine zu rekonstruieren.
Die kanadische Untersuchungsbehörde TSB, Transport Safety Board of Canada, versucht den Absturz anhand der Wrackteilen der Unglücksmaschine zu rekonstruieren.
Die Triebwerke der Swissair MD-11 Flug 111 in einem Hangar auf dem Gelände des kanadischen Luftwaffenstueützpunktes Shearwater in Halifax.
Gedenkstätte für die Opfer des Swissair-Flugs 111.
Der Stimmrekorder der abgestürzten Flugzeugs wurde so genau wie möglich ausgewertet.
Ein Blick in das Cockpit einer MD-11 der Swissair.

Die MD-11 vom Swissair-Flug 111 stürzte am 2. September 1998 vor Peggys Cove, Kanada, in den Atlantik Am Flughafen Zürich-Kloten stehen am 3. September 1998 als Reaktion auf den Absturz die Fahnen auf Halbmast

STR

Wie reagierten die Hinterbliebenen auf die Schreckensnachricht?

Es gab sehr unterschiedliche Reaktionen. Manche weinten und schluchzten. Ein Familienvater zerbrach vor Wut einen Aschenbecher mit blossen Händen. Manche waren wie gelähmt, stumm und bestürzt. Wenn man in einer solchen Situation ist, hat man das Gefühl, der Kopf drehe sich in alle Richtungen.

Was war die schwierigste Aufgabe für die Betreuer am Flughafen Genf?

Ungefähr zwanzig Personen setzten sich an die Telefone. Diese Aufgabe war eine der schwierigsten, denn die meisten Angehörigen waren ja nicht am Flughafen Genf, sondern zu Hause irgendwo in der Romandie, in Frankreich oder in den USA. Und die riefen an und wollten wissen, wo ihre Ehemänner, Mütter oder Kinder geblieben sind. Die Betreuer an den Telefonen musste sich um Dramen kümmern, die sich in der Ferne abspielten.

Wie spricht man mit jemandem, der seinen Lebenspartner oder das Kind verloren hat?

Man hört zu. Es ist ein aktives Zuhören. Man wiederholt das Gehörte, um zu zeigen, dass man verstanden hat. So können die Betroffenen ihr Leid teilen und ein Ventil finden für die Gedanken, die in ihrem Kopf kreisen. Das Sprechen hilft ihnen, den Schmerz wenigsten ein klein wenig zu lindern.

Was geht in den Betroffenen vor?

Sie befinden sich in einem Überlebensmodus. Medizinisch gesehen droht eine posttraumatische Belastungsstörung mit bleibenden Schäden im Gehirn. ,Es geht bei der Erstbetreuung auch darum, den Schaden möglichst klein zu halten, indem man den Stress reduziert.

Kann man einen solchen unerwarteten Verlust überhaupt je verarbeiten?

Es ist unmöglich als Angehöriger eine Tragödie wie den Flugzeugabsturz von Halifax unbeschadet zu überstehen. Das Drama hinterlässt Wunden. Traumatische Erlebnisse werden mit einer unglaublichen Präzision im Gedächtnis gespeichert. Das ganze Leben erinnert man sich sehr genau an die schrecklichen Details.

Wurden auch Helfer wie Sie durch das Ereignis traumatisiert?

Ich glaube schon. Ich trage aus dieser Zeit sehr schwierige Erinnerungen mit mir herum. Ich erlebte es als sehr belastend, in jenem Moment die Verantwortung über die Betreuung der Hinterbliebenen zu haben. Zum Glück war ich nicht allein mit den Erlebnissen, sondern hatte ein Team, mit dem ich mich nach getaner Arbeit austauschen konnte. Aber es war alles andere als einfach für mich.

Das Unglück von Halifax hat Ihr Leben verändert.

Es hat mich auf jeden Fall stark geprägt. Ich stand auch von einem Moment auf den anderen in der Öffentlichkeit. Ausser dem Flughafenteam gab es ja niemanden, also wandten sich die Journalisten an mich, wenn sie Fragen zu den Angehörigen hatten.

Haben Sie den Kontakt aufrechterhalten mit den Angehörigen von Opfern, die Sie betreut haben?

Wir standen den Hinterbliebenen auch später noch zur Verfügung, gaben ihnen unsere Telefonnummer. Aber wir meldeten uns nicht aktiv bei den Angehörigen. Wir wollten uns nicht aufdrängen. Jeder sollte seinen Weg selber wählen können. Einzelne Psychologen standen aber länger in Kontakt mit den Personen, die sie am Flughafen betreut hatten.

Wenn Sie heute von einem Flugzeugunglück lesen, werden Sie dann erinnert an Ihre Arbeit am Flughafen Genf?

Ja, das letzte Mal war das bei der verunglückten Ju 52 der Fall. Der Absturz in Halifax lässt mich nicht mehr los.

Was hat sich seit Ihrem Einsatz verändert?

Es war damals das erste Mal, dass eine Betreuung auf diese Weise organisiert wurde. Heute sind Behörden besser auf eine Katastrophe vorbereitet. Careteams werden systematisch eingesetzt. Aber es gibt immer noch kein Patentrezept für eine solche Ausnahmesituation. Man muss den Traumatisierten zuhören und versuchen, ihr Leiden zu lindern. Das kann im Prinzip jeder.