Hilfe fehlt noch

Er ist der härteste Widersacher des Bundesrates: Wie Casimir Platzer die Gastrobranche retten will

«Telefon, Telefon, Telefon. E-Mail, E-Mail, E-Mail»: So sehen derzeit die Arbeitstage von Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer aus.

«Telefon, Telefon, Telefon. E-Mail, E-Mail, E-Mail»: So sehen derzeit die Arbeitstage von Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer aus.

Er kann laut werden, wenn es sein muss. Und ebenso freundlich sein. Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer gilt als erfolgreicher Strippenzieher in Bern. Doch nun hat er Mühe: Der Bundesrat lässt seit Wochen auf Hilfe warten. Was macht der Druck, eine Branche retten zu müssen, mit ihm? Ein Porträt.

Noch einmal hat er alles versucht. Casimir Platzer schrieb an den Bundesrat. Er schrieb an Partei- und Fraktionschefs. Er rief National- und Ständeräte an. Nichts sollte in diesen Tagen unversucht bleiben, um die Schweizer Gastrobetriebe zu retten.

Die Branche steht am Abgrund. Tausende Betriebe und Zehntausende Arbeitsplätze sind akut gefährdet. Mittendrin ist Platzer. Als Präsident von Gastro Suisse führt er den Überlebenskampf an vorderster Front. Derzeit gerade gegen den Bundesrat, der die Betriebe seit Wochen im Ungewissen lässt. Trotz verordneter Schliessungen kam bisher keine Hilfe. Platzer sagt:

Und er fügt an: «Unsere Leute haben bald nichts mehr zu verlieren.»

Die Krise hat ihn auch persönlich getroffen

Platzer rennt derzeit von Termin zu Termin. Im Intercity zwischen Bern und Zürich hat er Zeit für ein Gespräch – im unbedienten Speisewagen. Der Berner Oberländer hat ein kleines Schinken-Sandwich und ein Cola-Zero mitgebracht; sein Mittagessen. Seit Mitte Oktober ist sein Alltag wieder so intensiv wie im Frühling. «Telefon, Telefon, Telefon. E-Mail, E-Mail, E-Mail», sagt Platzer. «Das bestimmt derzeit mein Leben.»

Daneben ist er im Hotel präsent, das er mit seiner Frau in Kandersteg führt. Die Krise trifft ihn dort persönlich: 6 der 30 Angestellten mussten soeben entlassen werden. Touristen fehlen. Platzer erzählt das ruhig und sachlich. Und auch über die einschneidende Krise spricht er relativ nüchtern. Man merkt ihm den Stress nicht an. Er sagt:

Wie viel Last auf seinen Schultern ist, kann man nur erahnen. Er macht einen ausgeglichenen Eindruck. Ist er ein guter Schauspieler? Oder hat er Nerven wie Drahtseile? Wahrscheinlich weiss er einfach: In der Krise hilft Hektik nichts, Ruhe aber viel. «Ich bin kein ängstlicher Mensch. Lieber handle ich und packe die Dinge an», hatte er einmal gesagt.

Gekonnte Explosionen – Gastfreundschaft im Blut

Platzer trägt Anzug und Einstecktuch, die Statur ist kräftig, das Haar leicht zerstrubbelt. Der Dialekt vom Oberland geprägt. Das Gastgewerbe wurde ihm in die Wiege gelegt. Er kam in England in einer Hoteliersfamilie zur Welt, besuchte die Schule im Tessin, später war er in Lausanne an der Hotelfachschule. Seit 43 Jahren betreibt seine Familie das Belle Epoque Hotel Victoria in Kandersteg. Er präsidierte die internationale Hotel- und Restaurantvereinigung.

Ist eigentlich kein «Polteri», kann aber auch drastische Worte wählen: Casimir Platzer.

Ist eigentlich kein «Polteri», kann aber auch drastische Worte wählen: Casimir Platzer.

Dieser zuvorkommende, gewandte Casimir Platzer, der im Zug sitzt, passt nicht zum Bild, das die Öffentlichkeit in den letzten Wochen von ihm sah. Er wählte markige Worte, empörte sich auch mal mit dem Zweihänder über den Bundesrat. Er sagt:

Es ist gekonnt: «Platzer kann sehr kontrolliert eskalieren», schrieb die NZZ. Der mehrsprachige Oberländer scheint zu beherrschen, was gute Gastgeber können: Immer die passende Sprache zu finden – vom Stammtisch bis zum Bundesratszimmer. Derzeit ist wieder einmal die härtere Sprache gefragt.

In Bern ist Platzer erfolgreicher Strippenzieher - im Normalfall

Bis zum 16. April war man ruhiger. Dann kam für Platzer ein Tief- und Wendepunkt. Der Bundesrat kommunizierte Lockerungen. Aber zur Gastrobranche: kein Wort. «Dies war sehr schmerzhaft. Danach haben wir auf den Tisch geklopft.»

Sein Handy legt er auf den Zugtisch, es ist derzeit sein wichtigstes Arbeitsinstrument. Leidende Wirte rufen ihn an. Journalisten melden sich. Der 58-Jährige beherrscht das Spiel mit den Medien. Es gibt kaum eine Zeitung, in der Platzer am Wochenende nicht war und Druck ausübte. Platzer gehört zu denen, die genau wissen, wo sie im Maschinenraum der Berner Politik eingreifen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen. Er ist bestens vernetzt. Gastrosuisse hält sich sogar eine eigene bezahlte Lobbygruppe unter den Parlamentariern. Dass er mit fast allen Bundesräten per Du ist, steht in den meisten Porträts über ihn.

Ist derzeit viel am Handy: Casimir Platzer.

Ist derzeit viel am Handy: Casimir Platzer.

Berner Entscheide - ohne grosse Ahnung vom Gastgewerbe?

Während Lobbying für andere etwas Anrüchiges hat, war man bei Gastrosuisse immer stolz auf Erfolge. Ob Rauchverbot, Promillegrenze oder Mehrwertsteuer: Die Branche lernte früh, dass Interessenvertretung zwingend ist. Warum sollte man sich nicht wehren, wenn einem andere das Geschäft beschneiden wollen? Markige oder alarmistische Worte gab es früher schon. Aber man wurde gehört, gerade bei FDP und SVP; auch wenn nicht jeder Sieg gelang. In der Krise gab es plötzlich andere Allianzen. Bei den Mietenerlassen war man mit den Linken auf einer Linie. Und so oder so ist jetzt alles etwas anders. Spätestens seit dem 11. Dezember dringen die Gastro-Anliegen kaum mehr durch.

Casimir Platzer, der die Berner Mechanismen auswendig kannte, kann nicht mehr verstehen, was dort passiert. Zu chaotisch ist die Situation. Zwischen Bund und Kantonen herrscht ein Kompetenz-Wirrwarr. Parlamentarier blieben aussen vor. Der Bundesrat änderte die Vorgaben ständig. Mal ist um 19 Uhr Schluss, mal gibt es Ausnahmen, dann nicht mehr. Im Interesse der Branche war es nie. Platzer sagt:

Er fügt an: «Es geschah meist in Unkenntnis der Branche.» Er, der in Bern erfolgreich war, erntet plötzlich Kritik aus den eigenen Reihen. «Viele sagen mir: Du machst es super - und danken fürs Engagement. Es gibt aber auch Wenige, die mich kritisieren und mir sagen, dass ich nichts erreiche.»

Welchen Einfluss haben die Restaurants auf die Pandemie-Ausbreitung?

Manch einer würde die Schuld auch der Gastrobranche selbst zuschieben: Sie wehrte sich lange – und erfolgreich – gegen Schliessungen. Platzer lässt dies nicht gelten. Es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass es in Restaurants zu mehr Ansteckungen komme als etwa im öffentlichen Verkehr. «Wenn die Restaurants Übertragungsherde wären, gäbe es mehr angesteckte Mitarbeiter.» Platzer hat in den vergangenen Wochen mehr mit der Politik gerungen als die meisten Politiker. Dies machte den 58-Jährigen schweizweit bekannt. Er schüttelt den Kopf. Nein, in die Politik will er nicht.

Zwar wurde auch schon diskutiert, ob es für den Verband nützlich wäre, wenn er für den Nationalrat antreten würde. Doch wäre er in einer Partei: Sie müsste bürgerlich sein (und Chancen hätte er im Oberland vor allem bei der SVP-Liste). Damit aber würde er von den anderen Parlamentariern in ein Schema gepresst. Platzer will unabhängig bleiben, auch künftig mal mit links und mal mit rechts kooperieren.

Durststrecke dürfte noch mehrere Monate andauern

Am Mittwoch ist der Tag der Wahrheit. Liechtenstein, Österreich und Deutschland hatten unkompliziert Lösungen gefunden. Konnte Platzer doch noch rechtzeitig Einfluss nehmen? Das Ergebnis kennt er auch noch nicht. Der oberste Wirt im Land hofft, dass die Massnahmen überall in der Schweiz gleich sind. Dass nicht – wie bei der Härtefallregelung – einzelne Kantone die Gelder zurückfahren können. Denn die Hilfe sei jetzt zentral, sagt Platzer. Er rechnet damit, dass die Durststrecke noch andauern wird: Erst im Mai oder Juni sei mit den Impfungen und dem wärmeren Wetter wohl an einen einigermassen normalen Betrieb zu denken, mutmasst er. Der internationale Tourismus komme erst 2023 wieder richtig in Fahrt.

Der Zug fährt im Hauptbahnhof Zürich ein. Platzer zerdrückt die leere Colaflasche und verabschiedet sich. Vom Perron des unterirdischen Tiefbahnhofs eilt er weiter. Hinauf nimmt er nicht die Rolltreppe, sondern sputet mit dem Rollkoffer in den Händen die Steinstufen hoch. «Ich bin noch lange nicht müde», hatte er zum Abschied gesagt.

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