Schnell bildete sich eine Menschentraube, als Elisabeth Kopp (82) am Donnerstag in der Wandelhalle des Bundeshauses auftauchte. Die erste Bundesrätin der Schweiz (1984 bis 1989) wollte ihrer Enkelin und dem Urenkel das Gebäude zeigen, in dem sie als Mitglied der Regierung ihre Geschäfte vertrat.

FDP-Präsidentin Petra Gössi begrüsste Kopp genauso wie die FDP-Nationalrätinnen Corina Eichenberger, Daniela Schneeberger und Christa Markwalder. Auch SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel schüttelte der Alt-Bundesrätin die Hand.

Auf die Frage, ob sie am Freitag, 14. Juni, am Frauenstreik teilnehmen werde, antwortete Elisabeth Kopp entschieden: «Nein, selbstverständlich nicht.» Doch weshalb nicht? «Ich finde den Frauenstreik überflüssig», sagte sie. «Wir haben die Gleichberechtigung. Ein solcher Streik bringt nur Ärger.»

Dass es heute vor allem in Lohnfragen noch immer einen Graben gibt zwischen Frauen und Männern, sieht aber auch sie. Nur denkt sie, es gebe andere Wege als den Streik, um die Situation zu verbessern. «Ich hätte eine viel bessere Idee, um die Lohngleichheit herzustellen», sagt sie. «Hätte ich ein Unternehmen, würde ich Männern und Frauen dieselben Löhne bezahlen und dafür das Label ‹Equal Pay› schaffen.»

Ein Label für Konsumentinnen

Kopp glaubt, dass ein «Equal Pay»-Label denselben Effekt hätte wie das Label Fairtrade. Produkte unter diesem Label garantieren seit Jahrzehnten dafür, dass sie nicht mit Kinderarbeit oder unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen produziert worden sind. Gerade Konsumentinnen seien über ein solches Label zu motivieren, sagt Kopp. «Die Frauen würden die Produkte kaufen, die unter dem Label ‹Equal Pay› entstehen.»

Elisabeth Kopp hatte die Idee eines «Equal Pay»-Labels bereits 2014 vorgeschlagen, in einem Artikel in der «Schweiz am Wochenende». «Zu meiner grossen Enttäuschung nahm diesen Vorschlag aber niemand auf», sagt sie. «Dabei wäre es ein vernünftiger Weg. Sinnvoller als ein Streik.»

Kopp gilt als Politikerin, die so viel für die Gleichberechtigung der Schweizer Frauen getan hat wie nur wenige Frauen vor ihr. «Als Bundesrätin engagierte sich Kopp für die Besserstellung der Frauen», schreibt Historiker Urs Altermatt im Bundesrats-Lexikon. «Ihr persönlicher Einsatz trug dazu bei, dass das neue partnerschaftliche Eherecht am 22. September 1985 die Hürde des Referendums nahm.» 1986 legte sie dem Parlament zudem den Bericht über das Programm «Gleiche Rechte für Mann und Frau» vor. Auch der Situation der Frauen aus der Dritten Welt in der Schweiz widmete sie einen Bericht. Zudem ist die Revision des Bürgerrechts ebenfalls im Kontext der Besserstellung der Frauen zu sehen.

Kopp im Bundeshaus mit den FDP-Frauen Gössi, Eichenberger, Schneeberger.ho

Kopp im Bundeshaus mit den FDP-Frauen Gössi, Eichenberger, Schneeberger.ho

Kopp hatte sich seit 1957 für die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen engagiert, vor allem für das Frauenstimmrecht. 1971 trat sie in der Fernsehdebatte der SRG zur Abstimmungskampagne für das Frauenstimmrecht auf, an der Seite des späteren Bundesrats Hans Hürlimann (CVP). Sie war die erste Frau im Erziehungsrat des Kantons Zürich (1972–1979) und 1974 die erste Gemeindepräsidentin (Zumikon) der Deutschschweiz.

Im Gegensatz zu Elisabeth Kopp haben sich die FDP-Frauen kurzfristig entschlossen, am 14. Juni – dem Frauenstreiktag – doch aufzutreten. Gemeinsam mit den Frauen von CVP, GLP und BDP wollen sie den Tag als Aktionstag nutzen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, schrieb der «SonntagsBlick». «Wir bürgerlichen Frauen wollen am 14. Juni mit unseren Forderungen zur Chancengleichheit der Frauen ebenfalls Gehör haben», sagt Claudine Esseiva, bald Präsidentin von Business and Professional Women, die den Auftritt koordinieren. «Es geht nicht nur um die Forderungen der linken Frauen – bis hin zur Abschaffung des Kapitalismus.» Der Auftritt der bürgerlichen Frauen hat auch mit den Wahlen zu tun. «Wir machen den 14. Juni auch zu unserem Aktionstag, damit die linken Frauen das Thema im Hinblick auf die Wahlen nicht für sich monopolisieren können», sagt Esseiva. «Chancengleichheit geht alle etwas an, egal ob links oder rechts, Frau oder Mann.»

Elisabeth Kopp selbst sagt, ihr gehe es gut. Noch am Montag und Dienstag vor einer Woche habe sie Vorträge gehalten. Und am Donnerstag das Bundeshaus besucht, mit Enkelin und Urenkel. Über ihn freut sie sich besonders. «Er ist lebendig, vergnügt, will alles wissen», sagt sie. «Ich habe ihn noch gar nie unzufrieden gesehen.»

Zufrieden über Kopps Besuch äusserte sich auch FDP-Präsidentin Petra Gössi. «Toller Besuch heute im Bundeshaus von alt Bundesrätin Elisabeth Kopp», schrieb sie auf Twitter. «Der ersten Frau im Bundesrat.»