Google Street View
Eklatante Mängel beim Datenschutz

Klar erkennbare Autonummern, Gesichter, die nicht anonymisiert sind – beim neuen Dienst Google Street View des Internetkonzerns Google aus Kalifornien funktioniert vieles noch nicht so, wie es sollte.

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StreetView Kanonengasse.
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StreetView Kanonengasse Kanonengasse, Zürich: Diese mutmasslichen Prostituierten vor einer Bar in Zürcher Kreis 4 wurden immerhin anonymisiert. (Google)
StreetView Münstergasse Münstergasse, Bern: Der Mann, der in einem Café hinten links am Tisch sitzt, war in Google Street View deutlich erkennbar. (Google)
StreetView Oltnerstrasse Oltnerstrasse, Aarburg: Das Kennzeichen des Autos vor dem Massagesalon wurde von Google Street View nicht unkenntlich gemacht. (Google)
StreetView Münstergasse II Münstergasse, Bern: Der Mann, der in der Bundesstadt eine Parkbusse erhält, ist zumindest für seine Bekannten identifizierbar. (Google)

StreetView Kanonengasse.

Aargauer Zeitung

Oliver Baumann

Nicht alles bieten lassen Kommentar von Philipp Mäder Eine halbe Stunde hat sich unser Bildredaktor durch die neue Dienstleistung Street View von Google geklickt. Damit lassen sich die Strassen einiger Schweizer Städte virtuell abschreiten. In dieser Zeit fand der Redaktor unter anderem: Einen Mann mit gut erkennbarem Gesicht, der auf der Zürcher Langstrasse an einem Sexshop vorbeigeht. Ein Auto mit lesbarem Nummernschild vor einem Aargauer Massagesalon. Und einen Herrn, der gerade eine Parkbusse kassiert. Alles für die ganze Welt per Internet einsehbar.  Die meisten werden sich sagen: «Was solls». Heute hinterlassen wir doch alle elektronische Spuren - wenn wir per Kreditkarte zahlen, mit dem Handy telefonieren oder im Internet surfen. Und wer nichts zu befürchten hat, muss auch nichts verstecken. Das stimmt in den allermeisten Fällen. Und doch: Die Vorstellung ist unangenehm, dass sich die Arbeitskollegen per Mail das Bild zuschicken, auf dem man gerade im Rotlichtviertel unterwegs ist. Oder von der Polizei einen Bussenzettel erhält.  Die Datenschützer haben deshalb recht: Google muss Gesichter und Autonummern verpixeln - was im Moment nur schlecht funktioniert. Und wenn jemand verlangt, dass sein Bild aus dem Internet verschwindet, hat Google dieses unverzüglich zu löschen. Jeder hat das Recht am eigenen Bild. Auch im Internet.  Illusionen darf man sich aber keine machen: Wir alle werden in Zukunft noch mehr Datenspuren hinterlassen. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich der Einzelne alles bieten lassen muss.  philipp.maeder@azag.ch

Nicht alles bieten lassen Kommentar von Philipp Mäder Eine halbe Stunde hat sich unser Bildredaktor durch die neue Dienstleistung Street View von Google geklickt. Damit lassen sich die Strassen einiger Schweizer Städte virtuell abschreiten. In dieser Zeit fand der Redaktor unter anderem: Einen Mann mit gut erkennbarem Gesicht, der auf der Zürcher Langstrasse an einem Sexshop vorbeigeht. Ein Auto mit lesbarem Nummernschild vor einem Aargauer Massagesalon. Und einen Herrn, der gerade eine Parkbusse kassiert. Alles für die ganze Welt per Internet einsehbar. Die meisten werden sich sagen: «Was solls». Heute hinterlassen wir doch alle elektronische Spuren - wenn wir per Kreditkarte zahlen, mit dem Handy telefonieren oder im Internet surfen. Und wer nichts zu befürchten hat, muss auch nichts verstecken. Das stimmt in den allermeisten Fällen. Und doch: Die Vorstellung ist unangenehm, dass sich die Arbeitskollegen per Mail das Bild zuschicken, auf dem man gerade im Rotlichtviertel unterwegs ist. Oder von der Polizei einen Bussenzettel erhält. Die Datenschützer haben deshalb recht: Google muss Gesichter und Autonummern verpixeln - was im Moment nur schlecht funktioniert. Und wenn jemand verlangt, dass sein Bild aus dem Internet verschwindet, hat Google dieses unverzüglich zu löschen. Jeder hat das Recht am eigenen Bild. Auch im Internet. Illusionen darf man sich aber keine machen: Wir alle werden in Zukunft noch mehr Datenspuren hinterlassen. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich der Einzelne alles bieten lassen muss. philipp.maeder@azag.ch

Aargauer Zeitung

Der silberfarbene Van steht in unmittelbarer Nähe eines einschlägigen Etablissements im aargauischen Aarburg. Das Autokennzeichen ist deutlich erkennbar und der Halter in wenigen Minuten über den kantonalen Autoindex im Internet ausfindig gemacht.

Der neue Dienst Street View des kalifornischen Internetriesen Google, der gestern Morgen in der Schweiz aufgeschaltet wurde, offenbart zum Start noch einige eklatante Mängel. Wie eine MZ-Recherche zeigt, sind über das Internetprogramm, für das Hunderte von Strassenkilometern in der Schweiz abfotografiert wurden, zahlreiche Personen sowie Fahrzeuge - entgegen den Auflagen des Datenschutzes - problemlos identifizierbar. Und das auch in durchaus nicht unproblematischen Situationen, etwa bei Polizeikontrollen oder vor Sex-Shops.

«Ich bin erstaunt darüber, wie unvollkommen die Anonymisierung ist», sagt der kantonale Zürcher Datenschützer Bruno Baeriswyl, der zudem als Präsident der Vereinigung der Schweizerischen Datenschutzbeauftragten amtet. «Hier wurde ein Produkt auf den Markt gebracht, das noch nicht ausgereift ist», kritisiert Baeriswyl.

Nicht 100 Prozent fehlerfrei

Der Schweizer Ableger von Google hatte sich vor dem gestrigen Start von Street View eigentlich verpflichtet, alle Bilder von Personen und Autokennzeichen unkenntlich zu machen. «Wir nehmen den Datenschutz sehr, sehr ernst», sagte der zuständige Google-Product-Manager Raphael Leiteritz gestern bei der Präsentation der neues Internet-Applikation in Zürich. Leiteritz räumte allerdings ein, dass die automatische Anonymisierungssoftware, die Google verwendet, «wie jedes gängige Computerprogramm», nicht zu 100 Prozent fehlerfrei funktioniere.

Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür hatte gestern nach eigenen Angaben noch keine Zeit, sich intensiver mit Google Street View zu beschäftigen. Er wollte sich deshalb noch nicht dazu äussern, ob Google die mit ihm ausgehandelten Bedingungen auch erfülle. Er sagte aber, er nehme Beanstandungen aus der Bevölkerung über allfällige Verstösse gegen den Datenschutz ernst und werde durchsetzen, dass diese behoben würden.

Noch nicht abschliessend geklärt ist auch, was mit den nicht anonymisierten Rohdaten passiert, die Google zurzeit ebenfalls noch intern speichert - angeblich, um die Anonymisierungssoftware zu verbessern. Nach der Intervention von Thür und anderen europäischen Datenschützern hat sich der Internetkonzern zwar dazu bereit erklärt, diese Rohdaten zu löschen. Ein genaues Datum dafür steht allerdings noch nicht fest. Wichtig sei, so Thür, dass das Material nur für den Betrieb von Street View verwendet werde und «nicht anderen Zwecken zugeführt» werde.

Löschung von Inhalten «innert Tagen»

Laut Google hat jede Person, die für Google Street View fotografisch erfasst wurde - ob anonymisiert oder nicht - das Recht, die Entfernung des Bildes aus dem Programm zu verlangen. Zudem hat jeder Nutzer die Möglichkeit, «Bedenken im Bezug auf die Privatsphäre» auch von fremden Personen oder «unangemessene Inhalte» (zum Beispiel Nacktheit) über ein im Programm integriertes Formular zu melden. Nach Angaben des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Thür hat eine Löschung des beanstandeten Materials anschliessend «innert Tagen» zu erfolgen. Google versprach, Beschwerden so rasch wie möglich zu behandeln.

Die von der MZ am frühen Nachmittag monierte, nicht ausreichende Anonymisierung des Autokennzeichens in Aarburg war bis Redaktionsschluss allerdings noch nicht behoben.