Portrait

Einzug in eine Männerdomäne: Die ersten Nationalrätinnen mussten mit enorm viel Gegenwind kämpfen

Hanna Sahlfeld-Singer gehörte zu den ersten elf Frauen, die ab 1971 im Nationalrat sassen. Sie und Gabrielle Nanchen (SP, VS) sind die beiden einzigen, die noch leben.

Hanna Sahlfeld-Singer gehörte zu den ersten elf Frauen, die ab 1971 im Nationalrat sassen. Sie und Gabrielle Nanchen (SP, VS) sind die beiden einzigen, die noch leben.

Seit Dezember gibts im Bundeshaus ein Stillzimmer. Daran wagte Hanna Sahlfeld-Singer, die als erste Nationalrätin im Amt ein Kind bekam, nicht einmal zu denken. Das Porträt einer Frau, die gegen viele Widerstände kämpfen musste.

Man könnte verstehen, wenn Hanna Sahlfeld-Singer mit der Schweizer Politik abgeschlossen hätte. So viele Steine bekam sie, die ab 1971 zu den ersten elf Nationalrätinnen überhaupt gehörte, in den Weg gelegt, dass sie 1975 zurücktrat und mit ihrer Familie die Schweiz verliess. Doch von Verdruss und Verbitterung ist bei der 76-Jährigen nichts zu spüren.

Fünf Zugstunden von der Schweizer Grenze entfernt, nahe Hannover, lebt eine Frau, die sich noch immer brennend für die Schweizer Politik interessiert. Sahlfeld-Singer sitzt in ihrem Arbeitszimmer in einem altehrwürdigen Backsteinhaus und blättert durch alte Dokumente. «Ich hatte den Willen zu zeigen, dass wir Frauen etwas können», sagt sie.

Die St. Gallerin schaffte 1971, was nur noch zehn anderen Frauen gelang: Bei den ersten Wahlen nach Einführung des Frauenstimmrechts zog sie, 28-jährig, in den Nationalrat ein. Für die Theologin begann eine turbulente Zeit: Sie war jung, sie wollte als Frau etwas erreichen, sie war mit einem Ausländer verheiratet. Und dann war sie noch als Pfarrerin in der SP. Das war mehr als genug Angriffsfläche.

«Dass es Väter gibt, die wickeln, war damals fast revolutionär»

Manchmal holen Episoden aus dieser vergangenen Welt Hanna Sahlfeld-Singer wieder ein. Etwa im Dezember 2019. Da nahm sie, die 1972 als erste Nationalrätin überhaupt im Amt ein Kind geboren hatte, mit Schmunzeln zur Kenntnis, dass ganze 48 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts im Bundeshaus ein Stillzimmer für Nationalrätinnen eingerichtet wurde. An so etwas wagte sie damals gar nicht zu denken. «Wenn ich dies auch zum Problem gemacht hätte, wäre ich untergegangen. Es gab so viele andere Widerstände.»

Ihr Mann und andere Familienangehörige kümmerten sich um die beiden Söhne, wenn sie in Bern war. «Dass es Väter gibt, die wickeln, war damals fast revolutionär», sagt sie. «Mein Mann hat unglaubliches geleistet. Wir wollten beide zeigen: Kinder haben auch einen Vater und die Mutter kann etwas Wichtiges für die Gesellschaft leisten.» Es war ein unübliches Rollenmodell. «Auch als Ehepaar waren wir ungewöhnlich.»

Theologen in der Politik: Das wollte man nicht

Tatsächlich kann man ihre Geschichte nicht erzählen, ohne ihren Mann zu erwähnen. Rolf und Hanna Sahlfeld, beide Theologen, er Deutscher, sie Schweizerin, inzwischen seit über 50 Jahren verheiratet, hatten sich beim Theologiestudium in Wien kennengelernt. Als Hanna Sahlfeld für den Nationalrat kandidierte, arbeiteten beide in der Pfarrei in Altstätten.

Die Schwierigkeiten begannen mit ihrer Wahl. Denn noch immer – und noch bis 1998 – verbot die Bundesverfassung, dass aktive Pfarrer im Nationalrat sitzen dürfen.

«Mein Mann hat auch einen Preis bezahlt»

Hanna Sahlfeld konnte den Paragraphen zwar umgehen: Sie verzichtete vorübergehend auf das Predigen und führte nur Aufgaben weiter, die jede andere Pfarrersfrau auch ausüben durfte. Doch der Widerstand war damit nicht gebrochen. Nun bekam ihr Mann ihr politisches Engagement zu spüren. «Meine Gegner haben sich an ihm ausgetobt. Er hat den Preis bezahlt», sagt Sahlfeld-Singer.

Fortan standen sie unter Beobachtung, es wurde genau geschaut, ob auf der Kanzel nicht Politik betrieben wurde. «Wer evangelisch war, war in der Regel freisinnig. Es waren ein paar reiche Herren, die nicht fassen konnten, dass Frau Pfarrer für die SP im Nationalrat politisiert», sagt sie. Nach Kontroversen gab Rolf Sahlfeld die Pfarrerstelle in Altstätten auf. Trotz Pfarrermangel fand er im Kanton St. Gallen keine Stelle mehr. Sie wurden ihm verweigert; er bekam in der Nähe von Köln eine Stelle angeboten.

Als noch Gerüchte aufkamen, sie und ihr Mann liessen sich scheiden, hatte Sahlfeld-Singer genug. Im Dezember 1975, da war sie gerade glanzvoll für eine weitere Amtsperiode gewählt worden, trat sie zurück. «Es geschah schweren Herzens», sagt sie. «Doch es war die richtige Entscheidung. Wir hatten den Willen, die Kinder gemeinsam zu erziehen.» Die Familie zog nach Deutschland, wo beide eine Stelle fanden.

Fortan arbeitete Sahlfeld-Singer als Religionslehrerin an einem Gymnasium. Daneben baute sie einen Drittweltladen auf und engagierte sich, insbesondere über kirchliche Kanäle, für Menschen in Afrika oder in Indonesien. «Ich konnte anderweitig auch meine Spuren hinterlassen.»

Die Schweiz aber blieb in ihrem Leben präsent, nicht nur weil ihre beiden Söhne und die Enkel hier leben. Auch im Haus nahe Hannover ist die Schweiz gegenwärtig: Bilder hängen an den Wänden, die die Wirkungsstätten des Ehepaares zeigen: Von der Schweiz ins Rheinland hoch in den deutschen Norden.

Mehrfach abgebildet ist Flawil, wo Sahlfeld-Singer als jüngstes von sechs Kindern in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist. Sie war die einzige in der Familie, die studierte. Die Theologie habe ihr nicht nur gelehrt, «in einfacher Sprache etwas weiterzugeben», sagt Sahlfeld-Singer.

Der Polizist sagte ihr: «Sie kommen hier nicht hinein»

Schon während des Studiums übernahm sie in verschiedenen Gemeinden die Sonntagspredigten, was sie im Kanton bekannt machte. Und als Frauen noch nicht in der Politik wirken durften, konnte sie im St. Galler Kirchenparlament Erfahrungen sammeln.

Fast ist die Reise in die Vergangenheit vorbei. Sie geht nicht ganz spurlos an Hanna Sahlfeld-Singer vorbei. «Vieles kommt hoch», sagt sie. Sie erinnert sich daran, wie schnell Mütter als «Rabenmütter» verschrien waren. Sie erinnert sich, wie sehr die Gesetze Frauen benachteiligten; wie sie auch als Nationalrätin keinen teuren Teppich ohne die Unterschrift ihres Mannes kaufen konnte.

Wie ihre Kinder nicht Schweizer Staatsbürger sein durften, weil sie mit einem Ausländer verheiratet war. Solche Hürden sind abgebaut. Und auch wenn noch nicht alles perfekt ist: «Die wichtigsten Gesetze sind geändert», sagt Sahlfeld-Singer mit einer gewissen Erleichterung.

Manchmal, wenn sie bei ihren Söhnen in der Schweiz ist, besucht die Pionierin das Bundeshaus wieder. Als der Ständerat über die Lohngleichheit debattierte, sass sie mit ihrem Enkel auf der Zuschauertribüne und hörte der Debatte zu.

Oder sie trifft die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi, mit der sie in losem Kontakt steht. «Hanna Sahlfeld ist eine kluge und feinfühlige Kämpferin für Frauenrechte. Ihre Geschichte klingt verrückt, ist aber noch nicht lange her», mahnt Gysi.

Ganz oben auf der Dokumentenschachtel, die an ihre Zeit in Bern erinnert, bewahrt Sahlfeld den Zutrittsbadge zum Bundeshaus auf, mit dem die ehemalige Nationalrätin jederzeit ins Parlamentsgebäude kann.

Heute geht das problemlos, einst war dies anders. Als die frisch gewählte Nationalrätin am 13. Dezember 1971 das Bundeshaus betreten wollte, wurde sie von einem Polizisten aufgehalten. Er beschied ihr: «Sie kommen hier nicht hinein, heute sind keine Führungen.»

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