«Ein Amoklauf ist nicht unmöglich»

Der Amoklauf von Winnenden hat Kanton und Polizei zum Handeln gezwungen. Sie reagieren mit einer Überarbeitung der Notfallkonzepte. Die Fricktaler Schulleiter sagen, warum die Prävention noch viel wichtiger ist.

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«Man hat sich für ein paar Minuten schon seine Gedanken gemacht, wie ein Ernstfall bei uns wäre», sagt Beat Glünkin, Bezirksschulleiter von Rheinfelden, auf die Frage, wie er reagierte, als er vom Amoklauf in Winnenden hörte. «Wir müssen uns bewusst sein, dass wir hier nicht in einer Umgebung leben, in der wir sagen können, dass ein Amoklauf unmöglich ist», ergänzt Rainer Baldinger, Schulleiter der Kreisschule Regio Laufenburg.

Und trotzdem haben die Fricktaler Schulen zum Thema Amoklauf noch nichts unternommen. Die Schulen verfügen zwar über ein Notfallkonzept, aber in diesem ist das Thema Amoklauf nicht explizit erwähnt. Die Lehrer von der Kreisschule unteres Fricktal (KUF) im Engerfeld in Rheinfelden können mit einem Schlüssel den Alarm auslösen.

Doch wie es dann bis zum Eintreffen der Polizei vor sich gehen soll, ist vorerst unklar. Gemäss Nic Kaufmann, Kommunikationschef des Departements Bildung, Kultur und Sport, wurden diese Konzepte im vergangenen Jahr von einer Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern der kantonalen Mittelschulen, des Jugendpsychologischen Dienstes und des Departements entwickelt.

Der Fall von Winnenden – gerade mal rund drei Stunden Autofahrt vom Fricktal entfernt – hat das Bildungsdepartement und die Kantonspolizei nun zum Reagieren veranlasst. So sollten die Schulen im Spätsommer auch zum Thema Amoklauf klarere Anweisungen erhalten, sagt Nic Kaufmann.

Prävention umso wichtiger

Beat Glünkin warnt trotzdem: «Es nützt das beste Notfallkonzept nichts, wenn es bei einem Ernstfall keine Personen gibt, die geistesgegenwärtig das Richtige tun.» Deshalb sei für ihn die präventive Arbeit umso wichtiger: «Ich habe vor kurzem meinen Arbeitskollegen mitgeteilt, dass sie stets sorgfältig und aufmerksam arbeiten sollen.»

Doch bei 1200 Schülern, die in Rheinfelden täglich ein- und ausgehen, sei es nicht einfach, potenzielle Amoktäter vorzeitig zu erkennen. Man müsse sich bewusst sein, dass bei einer kleineren Schule Gefahren schneller zu erkennen seien, sagt Glünkin.

Auch Lothar Kühne, Schulleiter der Oberstufe Frick (Sereal), findet, die präventive Arbeit sei ein wichtiger Aspekt: «Es ist unsere Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie bei schulischen und auch privaten Problemen genügend Ansprechpartner, wie die Lehrpersonen, die Schulleitung oder die Schulsozialarbeit, haben. Das Reden über Probleme ist der erste Schritt.»

Sozialkompetenzen stärken

Damit die Fricktaler Schulen weiterhin so sicher seien wie bisher, würde täglich an den Sozialkompetenzen der Schüler gearbeitet. Auf die «Knochenarbeit» – wie sie Lothar Kühne nennt – legen die Schulen grossen Wert. Trotzdem lasse sich Irrationalität nur schwer verhindern. Für solche Taten gebe es letztlich keinen speziellen Massnahmenkatalog, glaubt Kühne. «Das Beste ist eine offene Schulkultur, geprägt von gegenseitigem Respekt und hoher Wertschätzung.»

Auch die enge Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Elternhaus könne helfen, die Jugendlichen in ihrer täglichen sozialen Tätigkeit zu verstehen und Probleme frühzeitig zu erkennen, glaubt Kühne.

Sensationslust vermeiden

Die Kreisschule des unteren Fricktals hat vor einiger Zeit gemeinsam mit der Feuerwehr und den Schülern eine Übung durchgeführt, bei der es um Evakuationen bei Bränden ging. Weitere Schulen wollen nachziehen. Eine ähnliche Übung mit dem Thema Amoklauf fände Beat Glünkin aber problematisch: «Man muss aufpassen, dass damit nicht die Sensationslust der Schüler geweckt wird.

Es ist durchaus möglich, dass Einzelne die Übung als faszinierendes Spiel auffassen könnten.» Da ein Amoklauf unvorhersehbar sei, mache es auch wenig Sinn, die Schüler darauf zu «trainieren», bestätigt Lothar Kühne.

Deshalb verzichteten die Fricktaler Schulen auch auf einen speziellen Unterricht, in dem der Amoklauf von Winnenden thematisiert würde. «Man muss vorsichtig umgehen, um nicht eine Plattform für Nachahmungstäter zu bieten und das Ganze zu heroisieren», sagt Lothar Kühne.

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