Kommentar

Eigenverantwortung allein reicht leider nicht – der Bundesrat musste handeln

Der Bundesrat, im Bild Simonetta Sommaruga und Alain Berset, hat die Schraube angezogen.

Der Bundesrat, im Bild Simonetta Sommaruga und Alain Berset, hat die Schraube angezogen.

Der Bundesrat fährt das öffentliche Leben teilweise runter. Angesichts der hohen Infektionszahlen ist das verständlich. Allerdings haben die bereits seit Mitte Oktober laufenden Massnahmen wenig Wirkung gezeigt.

Aus rein epidemiologischer Sicht ist der härteste Lockdown immer die beste Variante. Schliessen wir uns alle in unserer Wohnung ein, kann das Virus niemandem angehustet werden. Das ist auf Dauer kein gangbarer Weg, weil damit viele negative soziale und wirtschaftliche Nebenwirkungen entstehen. Deshalb muss die Politik stets abwägen. Das hat der Bundesrat getan. Die Infektionszahlen sind weiterhin auf zu hohem Niveau, als dass er auf eine weitere Verschärfung hätte verzichten können. Trotzdem behält er sich vor, weiter zu gehen, wenn die Zahlen und der Reproduktionswert R nicht schnell fallen. Erst will er die Wirkung der getroffenen Massnahmen abwarten.

Allerdings hat der Bundesrat schon Mitte Oktober versucht, mit der Verschärfung der Massnahmen Gegensteuer zu geben. Und Ende Oktober kamen weitere Ausweitungen dazu wie das Verbot von privaten Treffen mit mehr als zehn Personen, Einschränkungen bei den Restaurants und die Schliessung der Nachtclubs. Zuerst sah das nach einem Erfolg aus, Mitte November sank der R-Wert auf 0,75, die Epidemie war gebremst. Heute liegt sie mit den gleichen Massnahmen auf 1,13.

Warum das? Der Wirkung der Massnahmen steht der Individualismus des Einzelnen entgegen. Der Pfleger erzählt, dass sich im Altersheim zehn Prozent der Besucher die Maske vom Gesicht reissen, ein junger Mann davon, dass er nach dem Verlassen des Busses angepöbelt wird, weil er noch eine Maske trägt. Während grosse Teile der Bevölkerung den Massnahmen positiv gegenüberstehen, werden sie von einem anderen Teil sabotiert – nicht immer willentlich, aber auch. Und auch jene, die in der Theorie harten Massnahmen zunicken, sind dann im Privaten schon mal für eine Ausnahme bereit. Auf ein Gläschen halt. So läuft das mit der Eigenverantwortung ziemlich schief, weil diese nicht lückenlos ist.

Deshalb bleibt dem Bundesrat angesichts der Infektionen, die das zwei- oder dreifache höher sind als in anderen Ländern Europas, Massnahmen zu ergreifen, welche die Kontakte reduzieren. Zwar weiss man bis heute nicht, wo genau sich Menschen anstecken. Aber die lokalen Lockdowns in der Westschweiz haben doch gezeigt, dass die Restaurantschliessungen eine Wirkung hatten.

Die Beizen werden deshalb zugemacht, weil Ansammlungen in geschlossenen Räumen über längere Zeit generell ein Risiko sind. In einem Laden ist die Fluktuation der Menschen höher, deshalb werden diese Geschäfte nur mit Kapazitätsbeschränkung versehen. Skigebiete dürfen die Kantone offenhalten. Da hat man wohl die Hoffnung, dass mit dem Schliessen der Restaurants die Attraktivität zu klein ist, um Massenansammlungen auszulösen. Gehofft wird auch im Privaten, dass die Empfehlung, zu Hause zu bleiben, für die Feiertage und auch danach eingehalten wird. Ob da der gesunde Menschenverstand reicht, darf bezweifelt werden. Anders regeln lässt sich das aber nicht, will man keine Polizei neben dem Weihnachtsbaum haben.

So zeigt sich immer klarer, dass es langfristig zur Impfung keine Alternative gibt. Begreiflich ist dabei eine gewisse Skepsis einiger, weil die Impfstoffe in Rekordtempo entwickelt worden sind. Doch möglich war das nur, weil Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in einmaliger Weise zusammengearbeitet haben. Zudem ist die Entwicklung eines Impfstoffes nichts Neues, und die Forscher können auf ein Vorwissen über Erreger zählen. Weil die Testverfahren nicht nacheinander, sondern parallel gelaufen sind, konnte Zeit gespart werden, ohne dass ein Prozess ausgelassen wurde.

Was die Langzeitfolgen betrifft, kann bei Impfungen gegen neue Krankheiten nie eine Aussage gemacht werden. Aufgrund der Studien können die Forscher die Schwere allfälliger Komplikationen aber abschätzen. Ein Mindestmass an Vertrauen in die moderne Medizin ist unabdingbar. Zuerst allerdings müssen wir eine Verschärfung und die Freiheitsberaubung ertragen, um schnelle Besserung zu ermöglichen. Denn bis die Impfungen Wirkung zeigen, dauert es noch einige Monate.

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