Bundesratswahlen

Dosierte Enttäuschung im Tessin

Norman Gobbi wird von Anhängern der Lega dei Ticinesi nach den Bundesratswahlen trotz Nicht-Wahl gefeiert.

Norman Gobbi wird von Anhängern der Lega dei Ticinesi nach den Bundesratswahlen trotz Nicht-Wahl gefeiert.

Norman Gobbi stammt aus dem Leventina-Tal. Dort war man über seine Nicht-Wahl zwar enttäuscht, aber nicht wirklich überrascht.

Am Morgen gab sich Valerio Jelmini noch zuversichtlich. „Vielleicht klappt es ja doch“, sagt der FDP-Gemeindepräsident von Quinto. In dieser politischen Gemeinde in der oberen Leventina ist Bundesratskandidat Norman Gobbi aufgewachsen, in den Ortsteilen Piotta und Ambrì, in unmittelbarer Nähe zum legendären Eishockeycklub HCAP. Quinto liegt etwas erhöht auf der linken Talflanke über der Gotthard-Autobahn, vom Fenster des Gemeindehauses schaut man aufs ausrangierte Flugfeld hinunter. Von 2008 bis 2011 sass Jelmini mit Gobbi im kleinen Gemeinderat. „Er ist ein echtes Arbeitstier“, lobt Jelmini, „und er kennt die Probleme hier im Tal.“ Und das sei wichtiger als die Parteizugehörigkeit zu Lega beziehungsweise SVP.

Wie ausgestorben wirkt das winzige Bergdorf an diesem Morgen. Immerhin hat sich das ganze Municipio von Quinto im Gemeindehaus eingefunden. Auf einem Computer verfolgen die fünf Herren und der Gemeindeschreiber im Livestream die Bundesratswahl. Doch schon bald ist klar, dass Gobbi chancenlos sein wird. „Amen!“ sagt Jelmini, nachdem der Welsche Guy Parmelin im dritten Wahlgang gewählt ist. „Eine grosse Enttäuschung“, meint sein Kollege Bruno Taragnoli. Dabei wäre Gobbi doch so wichtig gewesen; für das Tessin und für die Leventina. „Immerhin 50 Stimmen im ersten Wahlgang – das ist doch ein Achtungserfolg“, tröstet sich die Runde.

Kollege Franco Celio, zugleich FDP-Grossrat, kann seine Enttäuschung im Zaum halten. „Als Landsmann von Gobbi war ich auf seiner Seite, aber ich bin nicht so überzeugt davon, dass unbedingt ein Tessiner im Bundesrat sitzen muss.“ Celio ist Oberstufenlehrer und hat Gobbi schon in der Schule unterrichtet: „Ein aufgeweckter Schüler - er war stets Feuer und Flamme für die Lega.“

In der Osteria degli Amici, einem alten Gasthaus gleich neben dem Municipio, läuft im Fernsehen die Bundesratswahl. Doch im holzgetäfelten Gastraum herrscht gähnende Leere. Niemand ist hier. „Die Leute gehen in dieser Gegend nicht viel in die Bar“, klagt Gerantin Laura Fassora. Die Situation sei schwierig, im Nachbarort Airolo hätten jetzt wieder einige Restaurants die Tore dicht gemacht.

Tatsächlich wirkt die Gegend verlassen und depressiv, zumal wenn - wie am Mittwoch– der Himmel grau ist und Schnee in der Luft liegt. Etliche Häuser sind „in vendita – zum Verkauf ausgeschrieben. In Ambrì hat eine vierte Schulklasse der Oberstufe die Bundesratswahl verfolgt. Das Fernsehen RSI berichtet in einer Live-Schaltung aus dem Schulzimmer. „Diese Wahl ist schon eine grosse Emotion“, sagt Geschichtslehrer Gregorio Domenighetti. Denn auch viele Kinder hier trügen den Nachnamen Gobbi. Den Ausgang der Wahl erleben die Jugendlichen allerdings nicht mehr in der Schule. Um 11.30 Uhr werden sie von den Schulbussen abgeholt.

Im Eishockeystadion von Ambrì geht gerade das Training der A-Mannschaft zu Ende. Die BR-Wahl hat man hier nicht verfolgt. „Gobbi hatte doch eh keine Chance“, meint ein Assistent lapidar. Einige Häuser weiter, im Ristorante Stazione, gegenüber vom stillgelegten Bahnhof, sitzen wenige Gäste am Mittagstisch. Die Enttäuschung hält sich hier in Grenzen. „Gobbi hat einfach nicht den Stoff für einen Bundesrat“, sagt ein Mann in den Fünfzigern. Auch Vorbehalte gegenüber der Lega kommen zum Ausdruck.

Einige Kilometer talaufwärts liegt Airolo, der Wohnort von Gobbi am Fusse des Gotthards. Im Caseificio del Gottardo, der Schaukäserei mit Restaurant, herrscht um die Mittagszeit viel Betrieb. Hier hatte man am Vormittag mit einigen Gobbi-Fans gerechnet, auch mit seinem Grossvater Dante.

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