Der riesige Parkplatz am Seeufer: Gähnend leer. Die Parkuhr «fuori servizio» - ausser Betrieb. In einer Rasenfläche wuchert Unkraut. Dahinter erhebt sich das gigantische Spielbankgebäude, ein Werk des bekannten Schweizer Architekten Mario Botta, wie ein gestrandeter Ozeandampfer. Vor einem Jahr schloss das Casinò Municipale von Campione, einst Europas grösste Spielbank, wegen Konkurses. Auf richterliche Anordnung. Ein gigantischer Schuldenberg machte der Geldmaschine den Garaus. «Rien ne va plus» heisst es seither. 486 Spielbankangestellte verloren ihren Job. Gut 100 Gemeindeangestellte sitzen bereits seit über einem Jahr ohne Gehalt auf dem Trockenen. Denn die praktisch einzige Einnahmequelle der 2000-Seelen-Gemeinde ist versiegt.

Monatelang hielt der Protest gegen die Spielbankenschliessung an. Die Gewerkschaften organisierten auf dem Parkplatz einen Treffpunkt; man traf sich dort zum Mittagstisch. Inzwischen haben sie aufgegeben. Die Zelte stehen verwaist auf den Parkfeldern, Fahnen flattern unbeobachtet im Wind. Die Spruchbänder «Salviamo Campione!» (Retten wir Campione) vergilbt.

Protestzelte in Campione.

Protestzelte in Campione.

«Morto e abbondanato», sagen die Einwohner. Gestorben und im Stich gelassen. Gemeint ist die Zentralregierung in Rom, welche bisher keine Anstalten macht, ein Rettungsprogramm für Campione auf die Beine zu stellen. Nur etwas Geld floss, damit die Gemeinde einige Rechnungen und Schulden gegenüber dem Kanton Tessin bezahlen kann. Denn Dienstleistungen wie Kehrichtbeseitigung, Kläranlage und der Anschluss an den öffentlichen Verkehr werden von Tessiner Unternehmen erbracht.

Schweizer Preisniveau macht das Leben teuer

Ganz tot ist der Patient allerdings noch nicht. An der Seepromenade halten Bars und Restaurants die Stellung. Eine Apotheke, eine Boutique und drei Coiffeur-Salons bedienen Kunden. Doch das lokale Tourismusbüro hat schon lange dicht gemacht, auch das kleine Altersheim der Gemeinde. «Einige Einwohner haben Campione verlassen, weil sie die hohen Mieten nicht mehr bezahlen konnten», sagt ein Campionese.

Schon Ende Juli machte die freiwillige Lebensmittelhilfe, welche auf Spendenbasis funktionierte, dicht. «Es ist uns über den Kopf gewachsen», so Rosy Bianchi, treibende Kraft hinter der Initiative, zu diesem Entscheid. Vor zwei Wochen stellte der letzte Mini-Market, ein Lebensmittelladen, seinen Betrieb ein. «Für Brot und Milch müssen wir jetzt bis zu einer Tankstelle in Bissone», klagt ein Rentner, der früher selbst für die Gemeinde gearbeitet hat. Im Corso Italia treffen wir Delfina Ricci, ebenfalls Rentnerin. Bekannte haben sie nach Como zum Einkaufen gebracht. «Für Einkäufe in der Schweiz reicht unsere Pension nicht», sagt sie, während sie mit einem Treppenlift in die Höhe schwebt.

Delfina Ricci mit dem Einkauf aus Como.

Delfina Ricci mit dem Einkauf aus Como.

Bei der Post treffen wir einen Mann mittleren Alters, mit Sonnenbrille und auffälligen Tätowierungen am Hals. «Ich bin Privatdetektiv», outet er sich und zeigt stolz seinen Dienstausweis, eine Art Sheriff-Stern. «Die Schliessung der Spielbank? Ein Glücksfall!», meint er, «denn wo eine Spielbank und viel Geld im Umlauf ist, ist die Mafia nicht weit.» Gibt es überhaupt noch Arbeit für ihn? Er lacht: «Mehr als genug: Prostitution, Kriminalität, Geldwäscherei von Russen bei Immobilienkäufen, Begleitung von Werttransporten.»

Allen scheint das Geld nicht ausgegangen zu sein. Vor der Schifflände parken demonstrativ zwei Protz-Modelle der Marken Jaguar und Bentley.

Hoffen auf die Regierung, die EU und den Euro

In der Bar Campione kreist das Gespräch um die Zukunft des Ortes. «Die jetzige Regierungskrise macht es nicht einfacher», meint Kellner Ergin Keles. In einem allfälligen Wahlkampf interessiere sich sicherlich niemand für Campione. Er selbst setzt eine gewisse Hoffnung auf den 1.Januar 2020, wenn Campione d’Italia ein Zollgebiet der Europäischen Union wird, und für den Fall, dass die Demokratische Partei (PD) in der neuen Regierung vertreten sein sollte. «Vielleicht wird hier der Euro eingeführt und die Spielbank nimmt in reduzierter Form ihren Betrieb wieder auf», so Keles. Diskutiert wird aber auch der Beitritt Campiones zur Schweiz.

Von der Piazza Roma fährt der Bus der Linie 439 nach Lugano. Gut sichtbar auf dem Heck: Eine Werbung des Casinò Admiral Mendrisio, das – genauso wie die Spielbank Lugano – von der Schliessung Campiones stark profitiert hat. Irgendwo müssen die zirka 80 Millionen Franken, die Campione als Bruttospielertrag pro Jahr erwirtschaftete, ja geblieben sein. «Il buon gioco – vicino a te», heisst es da. «Das gute Spiel - ganz in deiner Nähe».