Die Schweiz und der Strassenlärm, das ist eine unendliche Geschichte. Seit über 30 Jahren gibt es eine Lärmschutz-Verordnung, die eigentlich genau festlegt, mit wie viel Lärm die Menschen hierzulande leben müssen. Und ab wann das nicht mehr zumutbar ist.

Doch die Verordnung ist ein Papiertiger geblieben – obwohl wissenschaftlich belegt ist, dass Lärm nicht nur lästig ist. Sondern auch gefährlich für die Gesundheit. Fast 1,1 Millionen Menschen müssen heute noch immer mit Strassenlärm leben, der über dem Grenzwert liegt.

Neue Zahlen des Bundesamts für Umwelt (Bafu) illustrieren nun im Detail, was sich im Lärmschutz getan hat, oder besser: was nicht. Gestern hat sie das Amt im Internet aufgeschaltet, still und leise, ohne Medienmitteilung.

Erstaunlich ist das nicht. Denn die Bilanz zum Stand der Lärmsanierung ist eine des Schreckens. Sie bildet den Zustand Ende 2017 ab, also vier Monate vor jenem Tag, an dem die Lärmschutz-Verordnung eigentlich umgesetzt sein sollte. Diese Frist wurde schon einmal, im Jahr 2002, verlängert.

Bund, Kantone und Gemeinden sollten so mehr Zeit bekommen, um Anwohner vor dem übermässigen Strassenlärm zu schützen. Gebracht hat es wenig, wie die neuen Zahlen zeigen. Denn Ende 2017 war erst ein kleiner Teil der Lärmsanierungen tatsächlich erfolgt. Sophie Hoehn, Leiterin der Sektion Strassenlärm beim Bafu, sagt, das dürfte sich seither nicht nennenswert verändert haben.

Lärmliga-Präsident übt scharfe Kritik

Am besten schneidet noch der Bund ab: Er hat entlang der Nationalstrassen 50 Prozent der betroffenen Personen vor übermässigem Lärm geschützt. An Haupt- und übrigen Strassen ist das bei nur 11 beziehungsweise 15 Prozent der Fall. Besonders an übrigen Strassen – Kantons- und Gemeindestrassen, die keine Hauptstrasse sind – ist wenig passiert. Insgesamt müssen fast 1,1 Millionen Menschen nach wie vor mit zu viel Lärm leben. Die meisten von ihnen leben im Kanton Zürich; auf Platz drei folgt St. Gallen, auf Platz vier Aargau.

Die Behörden haben in all den Jahren also lediglich einen Bruchteil der Betroffenen geschützt. Und das, obwohl auf den drei Staatsebenen Unsummen in die Lärmsanierungen investiert werden. Das Bafu beziffert die Gesamtkosten per Ende 2017 auf satte sechs Milliarden Franken, die bereits verbaut wurden oder in Projekten vorgesehen sind. Etwa 60 Prozent dieser Gelder flossen in die Lärmsanierung der Nationalstrassen.

Peter Ettler ist der Präsident der Lärmliga. Er kämpft seit Jahren gegen den übermässigen Strassenlärm. Ettler kritisiert die «schlechte Kosten-Nutzen-Bilanz» der Lärmsanierungen. So viel Geld auszugeben und dennoch nur so wenig Menschen vor Lärm geschützt zu haben: Das sei «unglaublich», sagt Ettler. Für den Zürcher ist klar: Die Behörden sanieren zu wenig, und sie machen das erst noch falsch. «Es braucht endlich mehr Massnahmen an der Quelle», sagt Ettler, also etwa Temporeduktionen oder lärmarme Beläge. Bisher ist das aber nur selten passiert. Der Grossteil der Mittel floss in andere Massnahmen.

An Nationalstrassen wurden über 2 Milliarden Franken in teure Lärmschutzwände und -dämme investiert; weitere 680 Millionen sind geplant. Auch auf den Haupt- und den übrigen Strassen greifen Kantone und Gemeinden primär zu Massnahmen, die nicht an der Lärmquelle ansetzen. An den Hauptstrassen entfiel auf sie nur ein Anteil von 20 Prozent; an den übrigen Strassen waren es gar nur 15 Prozent.

Viel mehr, an übrigen Strassen mit fast 600 Millionen mehr als ein Drittel der gesamten Mittel, wird etwa in Schallschutzfenster investiert – ein Hinweis darauf, dass selbst dort, wo Personen vor Lärm geschützt werden, das oft nur halbherzig gemacht wird. Peter Ettler von der Lärmliga bezeichnet das als «inakzeptabel».

Widerstand gegen Tempo 30

Auch das Bafu macht sich für Massnahmen an der Quelle stark und finanziert seit 2008 Massnahmen in den Kantonen mit. Sophie Hoehn sagt, die Entwicklung stimme. Sie verweist auf die zuletzt schneller steigende Zahl der geschützten Personen. Und darauf, dass lärmarme Beläge und Temporeduktionen an Bedeutung gewinnen.

Gerade letztere sind allerdings politisch hoch umstritten. Das zeigt eine parlamentarische Initiative von Gregor Rutz, die sich gegen Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen richtet, wenn dies aus Lärmschutzgründen passiert. Im Nationalrat wurde dem Anliegen des SVP-Nationalrats Folge gegeben; der Entscheid des Ständerats steht noch aus.