Die SVP steckt in einer Krise. Seit zwei Jahren hat die Partei alle kantonalen Wahlen verloren. Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte die SVP am Sonntag in Zürich: Minus 9 Sitze. Minus 5.6 Prozentpunkte bei der Wählerstärke. Unmittelbar, nach dem die Wahlschlappe bekannt wurde, gab sich SVP-Präsident Albert Rösti im Gespräch mit CH Media ausgesprochen wortkarg. Es brauche nun eine schonungslose Analyse, hielt der Parteichef am Sonntagabend fest. Diese hat er erstaunlich schnell gemacht. Die Schuld am Debakel ortet Rösti bei den Medien, allen voran dem SRF: «Unser Staatsfernsehen hat aus dem Klimastreik eine nie da gewesene Propagandaschlacht gemacht», sagte er heute in einem Interview, das in den Tamedia-Medien erschien.

Röstis Kritik überrascht nicht. Die Parteivordenker Roger Köppel und Christoph Mörgeli gaben den Takt bereits letzte Woche vor. Sauer stiesst ihnen der «Rundschau Talk» auf. GLP-Fraktionschefin Tiana Angelina Moser wurde in der Sendung als das «Gesicht der neuen Mitte» präsentiert. Ein grosses Gewicht in der Sendung hatte das Thema Klima. Mörgeli tat seinen Unmut auf Twitter kund:

Und Nationalrat und Weltwoche-Verleger Roger Köppel doppelte nach:

Die Zürcher SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann fragte auf Twitter: «Ist es nicht beängstigend, wie die mediale Schwerpunktsetzung Wahlen beeinflussen können?» Als Beleg diente ihr ein Zitat von Politologe Lukas Golder, Co-Leiter von gfs.bern. Er sagte im Interview mit CH Media: «Es ist sehr überraschend, wie schnell das Klima zum dominierenden Thema wurde. Vor 3 Monaten hätten diese Wahlen einen anderen Ausgang genommen.» Steinemann verschweigt dabei, was Golder auch noch gesagt hat: «Das Thema Klima lag in der Luft. Die Medien hätten nicht professionell agiert, wenn sie das Thema nicht aufgenommen hätten.»

Auch die Weltwoche berichtete über die GLP

Es ist unbestritten: Die Grünen Parteien, allen voran die Grünliberalen hatten in den letzten Wochen eine enorme Medienpräsenz. Das hängt einerseits mit den Klimademonstrationen der letzten Wochen sprich der aktuellen Themenkonjunktur zusammen. Dazu kommen aber auch andere Faktoren. Etwa der Parteiwechsel von alt-Nationalrätin Chantal Galladé von der SP zu den Grünliberalen. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe, drei Wochen vor den Zürcher Wahlen, war wohl sorgfältig geplant. Der Wechsel brachte die GLP in die nationalen Schlagzeilen.

Der «Tages Anzeiger» beschrieb ausführlich, wie die Partei plötzlich hip wurde; « Le Temps» porträtierte die Zürcher GLP-Co-Präsidentin Corina Gredig genau so wie die «Weltwoche». Auch Roger Köppels Blatt hatte den journalistischen Reflex, über die GLP und diejenige Frau zu berichten, «die Chantal Galladé rüberzog.»

SVP-Politiker schnöden gerne darüber, dass die Grünen und die Grünliberalen nur aufgrund von äusseren Faktoren gewinnen können, «wenn die Welt gerade spinnt», wie es ein Nationalrat in Anspielung auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima und Klimaaktivistin Greta Thunberg ausdrückt.

Der Vergleich mit 2015

Nur, da lohnt sich ein Blick zurück auf das Wahljahr 2015. Die SVP ging aus den nationalen Wahlen im Herbst als grosse Siegerin hervor. Sie erreichte einen Wähleranteil von 29.5 Prozent. Die Partei profitierte davon, dass ihr wichtigstes Thema Hochkonjunktur hatte: die Migration. Denn 2015 war das Jahr, als die grosse Flüchtlingswelle Europa erreiche.

Mit anderen Worten: Die Themenkonjunktur spielte der SVP in die Hände. Was dieses Jahr das Klima ist, war 2015 die Migration.

Die Folge: Die SVP dominierte im Wahljahr die Medienagenda, wie das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (foeg) nachgewiesen hat. Im «Reputationsmonitor Politik» halten die Forscher fest: «Der Vergleich von Medienresonanz und Wähleranteilen, basierend auf den nationalen Wahlen von 2011 zeigt, dass vor allem SVP und FDP ein mediales Übergewicht haben.»

In Zahlen ausgedrückt: Fast jeder dritte erfasste Beitrag thematisiert die SVP (32.4 Prozent). An zweiter Stelle erfolge die FDP mit 19.8 Prozent. Allerdings zeigt der Monitor auch, dass die Berichterstattung zu den Parteien von einer negativen Tonalität geprägt war. Am besten weg kam die FDP, am schlechtesten die SVP.

Die Forscher schreiben dazu: «Über den provokativen Stil generierte hohe mediale Aufmerksamkeit wird auf Kosten einer negativen Bewertung erkauft.»

Schaut man sich alleine die Berichterstattung zu Wahlkampf und Parteistrategie an, dominierte 2015 wiederum die SVP mit fast doppelt so vielen Beiträgen wie zur SP. Auffällig in diesem Bereich: Der Wahlkampf der SVP wurde weit positiver bewertet als die Gesamtreputation.

Die Berichterstattung fiel negativ aus

Interessant ist zudem, was die Forscher zu den Wahlkämpfen von Grünen und Grünliberalen festgestellt haben. Die Berichterstattung fiel negativ aus: «Grüne und GLP, die 2011 noch ausgeprägt vom Fukushima-Effekt profitierten, werden im Kontext der aktuellen Wahlen deutlich negativ bewertet.

Grund sind sowohl das schlechte Abschneiden an den Wahlen in Zürich, als auch via Medien geäusserte negative Prognosen für die nationalen Wahlen».

Bei den Sachthemen erhielt die Migration am meisten mediale Aufmerksamkeit. Die einseitige Fokussierung verdrängte andere Fragen wie die Klärung des Verhältnisse zur EU oder der Altersvorsorge fast vollständig von der politischen Agenda und half damit der SVP.

Die Grünen und die Grünliberalen wiederum litten darunter, dass ihr Stammthema, die Umweltpolitik im Wahlkampf 2015 eine geringe Bedeutung hatten.

Interessant ist auch, wie die Parteien wahrgenommen werden: Der SVP half 2015, dass sie vor allem über die Migration wahrgenommen wird. Damals kam ihr das zupass. Es wurde der SVP zugute gehalten, dass eigene Themen setzen kann. Die Grünen und die Grünliberalen litten wiederum darum, dass auch sie vor allem über ein Thema wahrgenommen werden, nämlich über die Umwelt. Anders ausgedrückt: Die Wahrnehmung als Einthemenpartei birgt ein hohes Klumpenrisiko. Sie macht abhängig von der Themenkonjunktur.

Medien als Verstärker

Linards Udris, Forschungsleiter am fög sagt, man dürfe den Einfluss der Medien, SRG inklusive, auf die Wahlen nicht überschätzen. Sie können zwar Einstellungen bestärken, aber nicht verändern. Allenfalls können sie mobilisierend wirken. Aber nur dann, wenn es medienübergreifend eine intensive Berichterstattung gibt. Das ist derzeit beim Klima der Fall: «Der aktuelle Themenzyklus ist sicher nicht günstig für die SVP», sagt Udris. Er schätzt die Bedeutung des Klimawandels für die Wahlen geringer ein als die Migration 2015: «Die Flüchtlingskrise dominierte über Wochen und Monate. Es ist durchaus möglich, dass sich die Klimadiskussion bis im Herbst wieder abschwächt.»

Tatsache ist, dass die SVP von Medien oft hart angegangen wird. Politologe Golder sieht für die Partei darin kein Problem: «Die SVP wurde mit kritischen Medien gross. Sie hat von der Kritik und auch der Personalisierung profitiert.» Udris sagt dazu, dass die SVP in ihren Hauptthemen gar vom Konflikt lebt, sich dadurch inszenieren kann. Getreu dem Motto: «Wir gegen alle». Die SVP versuche das derzeit auch beim Klima, allerdings funktioniere diese Strategie der Gegenposition nicht, weil das Klima kein wichtiges Thema für die Partei sei.

Die SVP übt oft Medienkritik. Besonders heftig äusserte sich Christoph Blocher 2016, im Rahmen des Abstimmungskampfes zur Durchsetzungsinitiative: «Der Kampf gegen die SVP vonseiten der Staatsmedien und von «Blick» bis zur NZZ hat mich in ihrer ­Radikalität an die Methoden der Nationalsozialisten den Juden gegenüber erinnert», sagte vor drei Jahren in einem Interview mit den Zürcher Regionalzeitungen. Nur: Auf Facebook verlinkt die Partei regelmässig Artikel all jener Medien, die sie so gerne öffentlich tadelt.

So warben Parteien früher um die Gunst der Wählerinnen und Wähler: