Wo ist Hans-Ulrich Bigler? Bis vor Kurzem dominierte der Gewerbedirektor die politische Diskussion mit regelmässigen Tabubrüchen. Bundesrätin Doris Leuthard und SRG-Direktor Roger de Weck mussten als Diebe herhalten, die dem ahnungslosen Fernsehzuschauer 1000 Franken aus dem Sack ziehen. Nationalrat Bastien Girod setzte er bei der Atomausstiegs-Initiative einem Taliban gleich. Und bei der No-Billag-Initiative legte sich Bigler voll ins Zeug, obwohl das Gewerbeparlament ihm aufgetragen hatte, zurückhaltend zu agieren.

Doch plötzlich ist Bigler von der Bildfläche verschwunden. Angriffe auf politische Gegner: Fehlanzeige. Nennungen in der Presse: stark rückläufig. Öffentliche Kontroversen: nada. Noch vor einem Jahr attackierte der Gewerbeverband Bundesräte, Gewerkschaften und Chefbeamte regelmässig per Medienmitteilungen: Innenminister Alain Berset betrieb «Behördenpropaganda»; der Präsident des AHV-Fonds «weiss nicht, wovon er spricht», ein linkes Komitee verbreitete «irreführende Fantasiezahlen».

Heute bewirbt der Verband den KMU-Anlass «Frauen erobern Männerwelten», er begrüsst Positionsbezüge des Bundesrats, und wenn Kritik kommt, trägt er sie nüchtern vor. Auffällig auch: Das Mediendossier, in dem sich Bigler gerne und regelmässig ausgetobt hat, liegt seit der No-Billag-Abstimmung brach. Selbst auf eine Stellungnahme zum wegweisenden Mediengesetz verzichtete der Verband. Und dies nachdem die Spitze um Bigler und Verbandspräsident Jean-François Rime über Jahre gegen die SRG geschossen hatte.

Kritiker fühlen sich bestätigt

Die Mässigung des Tonfalls ist kein Zufall. Einzelne prominente Gewerbler wie CVP-Nationalrat Alois Gmür (SZ) hatten in der Vergangenheit harte Kritik an Bigler und Rime geübt. Die Politik des Verbands sei nicht mehr konstruktiv, «sondern auf Abbruch ausgerichtet», beklagte der Einsiedler Bierbrauer. Bigler warf er vor, sich vor allem um seine eigene Karriere zu kümmern. Gmür stellte gar die personelle Zusammensetzung der Spitze infrage. Entsprechend befriedigt äussert er sich über die neuen Töne im Verband: «Ich begrüsse es sehr, dass die Spitze gemässigter auftritt», sagt er. «Damit können wir auch wieder sinnvoll mit anderen Organisationen zusammenarbeiten.»

Druck gab es auch aus den Kantonen. Die Sektionen Bern, Luzern, Nidwalden, Schwyz, St. Gallen und Zürich beklagten nicht nur den aggressiven Ton Biglers, sondern fühlten sich auch aussen vor gelassen. «Offenbar ist man sich in Bern bewusst geworden, dass es eine Kursänderung braucht», sagt der Schwyzer Gewerbeverbandspräsident Karl Fisch. Er beobachtet eine «sachlichere Kommunikation» und «weniger Aggressionen». Er begrüsst das: «Es bringt nichts, wenn der Gewerbeverband in erster Linie fürs Herumpöbeln bekannt ist.» Positiv wertet Fisch auch den Verzicht auf die Medienpolitik, «denn das ist kein Hauptthema für das Gewerbe». Er will an der letzten Sitzung der Gewerbekammer eine veränderte Stimmung festgestellt haben. Er sagt: «Die Wogen im Verband haben sich deutlich geglättet.»

Bigler selber will sich nicht zu den Gründen für den ruhigeren Auftritt äussern. «Inwiefern unser Auftritt aggressiv ist oder nicht, liegt im Auge des Betrachters», lässt er über die Medienstelle mitteilen. Die Medienpolitik sei zudem nie ein Kernthema des Schweizerischen Gewerbeverbands gewesen. Der Verband habe sich einfach gegen die Einführung der obligatorischen Empfangsgebühr gewehrt. Der aktuelle Fokus liege «auf der Bekämpfung der Zersiedelungs-Initiative, der Revision der Sozialwerke und der Steuervorlage».