Geht es nach bürgerlichen Politikern, dann ist Andreas Mörker vor allem eines: ein Abschleicher. So bezeichnet etwa FDP-Nationalrat Walter Müller jene Männer, die sich für den Militärdienst entscheiden, aber nach der Rekrutenschule oder Wiederholungskursen in den Zivildienst wechseln. Aus der Sicht von SVP-Nationalrat Raymond Clottu erfolgt der Wechsel meist aus «Komfort», wie er einmal in einer Ratsdebatte erklärte.

Komfort? «Nach einem Naturschutz-Einsatz bin ich mindestens so kaputt, wie wenn ich Gewehr und Vollpackung durch die Gegend getragen habe», sagt Andreas Mörker. Als er sich zum Wechsel in den zivilen Ersatzdienst entschliesst, hat er seinem Vaterland länger gedient als die grosse Mehrheit. Über 400 Diensttage leistete er in der Armee. Der Zürcher wurde als Sanitätssoldat ausgehoben, absolvierte die Rekrutenschule und besuchte die Offiziersschule. Nach vier Wiederholungskursen reichte es ihm. Seinen Wechsel begründet Mörker mit dem Zustand der Armee. Die Kurse seien bisweilen chaotisch organisiert und die Aufgaben sinnlos gewesen; das Credo «Ist so, weil es so ist» habe ein Klima der Unterdrückung geschaffen. Oft sei es bloss darum gegangen, Zeit totzuschlagen. «Ich habe mir mein Bild von der Armee gemacht», sagt er.

Die Abschleicher werden immer zahlreicher – die meisten wechseln nach der Rekrutenschule, früher als Mörker also. Verabschiedeten sich im Jahr 2011 noch 1514 Soldaten nach Abschluss der RS in den Zivildienst, waren es 2017 bereits 2738. Der Bundesrat will den Wechsel erschweren. Im Juni präsentiere er ein Massnahmenpaket, um die Zahl der Zulassungen zum Zivildienst zu senken.

Es sieht deutliche Verschärfungen vor: Wer zum Zivildienst zugelassen wird, soll mindestens 150 Zivildiensttage leisten müssen. Heute müssen Zivis 1,5-mal so viele Diensttage leisten wie Armeeangehörige. Bereits geleistete Militärdiensttage werden jedoch angerechnet. Die Mindestzahl würde die Dienstzeit für jene, die ab dem ersten Wiederholungskurs wechseln, zum Teil empfindlich verlängern. Zudem will der Bundesrat für den Wechsel von der Armee in den Zivildienst eine Wartefrist von zwölf Monaten einführen. Während dieser Frist müssten die Betroffenen weiterhin Militärdienst leisten.

An Grundrechten ritzen

Der Zivildienstverband Civiva bläst nun zum Gegenangriff. Gemeinsam mit Organisationen wie der Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände und dem Verband Männer.ch will er das Referendum ergreifen, wenn der Bundesrat an seiner Vorlage mit den Verschärfungen festhält. An einer Medienkonferenz in Bern präsentierten die Gegner der Gesetzesrevision gestern ihre Argumente. Es drohe ein massives Ungleichgewicht, sagt Civiva-Präsidentin Lisa Mazzone. Für die Grünen-Nationalrätin ist klar: «Das Recht auf den zivilen Ersatzdienst ist bedroht.» Schon heute würden Zivis gegenüber Angehörigen der Armee diskriminiert. Die anderthalb Mal längere Dienstpflicht verletze die Wehrgerechtigkeit. Mazzone verweist auf die UNO-Menschenrechtskommission. Gemäss deren Empfehlung sollte der Zivildienst nicht länger dauern als der Militärdienst.

Dass wer in den Zivildienst wechseln will, noch monatelang seinen Armeepflichten nachkommen muss, ist für Mazzone besonders stossend. «Gewissenskonflikte werden nicht berücksichtigt», sagt sie. Der Bundesrat missachte das Recht auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen schlicht. Ob dieses gar durch Menschenrechtskonventionen garantiert wird, ist unter Rechtsgelehrten umstritten. Auch wenn die Konventionen keine explizite Regelung vorsehen, anerkennt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte seit den 2000er-Jahren das Recht auf Leistung eines Ersatzdienstes; die Rede ist von einer «abgesicherten Rechtsposition». Bürgerliche Politiker entgegnen, die Wehrpflicht stelle eine Sondernorm dar. So fällt etwa «jeder gesetzlich von Verweigerern verlangte Dienst» laut einem UNO-Pakt nicht unter das Verbot von Zwangsarbeit.

Armee in der Pflicht

Losgelöst von grundrechtlichen Streitpunkten, fordert die Allianz gegen die Verschärfung des Zivildienstgesetzes eine Gesamtschau. Die Armee fürchte, weniger Leute rekrutieren zu können, und wolle ihr Problem auf Kosten des Zivildienstes lösen, sagt BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. «Das ist sträflich.» Wenn viele nach der RS die Armee verlassen wollten, müsse die Armee eben selbst Lösungen suchen.

Das fordert auch Thomas Honegger vom Verein Konkret, der im Zürcher Oberland jährlich rund hundert Zivis in der Naturpflege beschäftigt. Der Bund schwäche ein gut funktionierendes System, ohne Alternativen aufzuzeigen, sagt er. Oder in den Worten von Andreas Mörker, dem Zivi und Ex-Milizoffizier: «Die Armee sollte attraktiver gemacht werden, nicht der Zivildienst unattraktiver.»