Gut besucht

Der Mystery Park wird zum Corona-Testzentrum - aussergewöhnliches Panorama inklusive

Covid-19-Testzentrum in Interlaken.

Covid-19-Testzentrum in Interlaken.

Vielerorts im Land sind in kurzer Zeit neue Coronatestzentren entstanden, zum Beispiel in Interlaken. Und es zeigt sich: Zumindest im Kleinen funktioniert das Krisenmanagement.

Nein, angenehm sei das nicht gewesen, sagt der Mann durch das halboffene Autofenster. Eben noch hatte er ein Stäbchen im Rachen und dann eines in der Nase.

© CH Media

Aber so ist das halt beim Coronatest. Und der war nötig. Ein Fall im nahen Umfeld. Ein leichtes Kratzen im Hals. Dazu ein Baby zu Hause, neun Monate alt erst. «Da gehe ich lieber auf Nummer sicher», sagt der Mann. Und überhaupt gehe das alles ja jetzt sehr schnell, «super», sagt er noch. Dann rollt der SUV davon, nur drei, vier Minuten, nachdem er aufgetaucht ist.

Ein paar Klicks im Netz, ein Auto oder ein Velo, ein bisschen Zeit: Das ist alles, was es zum Coronatest noch braucht in Matten bei Interlaken. Seit bald zwei Wochen stehen dort ein paar Zelte auf grauem Asphalt, Absperrgitter weisen den Weg zu ihnen.

© CH Media

Nebenan breiten sich grüne Wiesen aus, ab und zu ist eine Kuhglocke zu hören. Und dann ragen da noch, Fremdkörpern gleich, Kuppeln auf, Pyramiden und Kugeln.

© CH Media

Sie sind die Überbleibsel der grossen Pläne von Erich von Däniken, dem Autor, dem es die Ausserirdischen so sehr angetan haben. Hunderttausende Menschen sollten seinen Mystery Park jährlich besuchen, so war das Anfang der Nullerjahre geplant. Es ist dann anders gekommen, aber es ist alles noch da: die Gebäude, die heute einen Freizeitpark beherbergen, der schon schlecht lief, als Corona kein Thema war. Davor der Parkplatz, der sich Hunderte Meter lang in die Landschaft walzt, wie ein gewaltiger Mahnfinger daliegt.

© CH Media

Jetzt aber hat der Grössenwahn von einst sein Gutes, wenigstens vorübergehend: Als die das Spital Interlaken einen Platz suchte für ein Testzentrum, das die Region so dringend benötigte, da war die Lösung rasch gefunden: der verwaiste Parkplatz vor dem einstigen Mystery Park.

© CH Media

So wie in Interlaken läuft es gerade an vielen Orten in der Schweiz. Weil das Land Tests braucht, um die Pandemie wieder in den Griff zu bekommen, spriessen die Zentren dafür an allen möglichen Orten aus dem Boden. Neben dem Paraplegikerzentrum in Nottwil. Beim Flughafen Dübendorf und dem in Belp. Neben der Truppenunterkunft in Sarnen.

© CH Media

In der Industriezone Feldreben in Muttenz, Baselland. Die Liste liesse sich noch verlängern.

In Interlaken stehen Thomas Huber und Adrian Schürch neben einem weissen Zelt; im Innern wird gerade ein Auto abgefertigt. Der eine, Huber, trägt Sakko und Hemd.

© CH Media

Der andere, Schürch, steckt in einer blitzblanken Uniform, auf den Rücken ist das Wort Zivilschutz gedruckt.

© CH Media

Die beiden Männer kennen sich noch nicht lange, doch als sich das änderte, ging alles ganz schnell. Am 2. November fuhren schon die ersten Autos in das Drive-in-Testzen­trum bei Interlaken. Nur etwas mehr als eine Woche war da vergangen, seit aus der Kantonshauptstadt Bern der Auftrag eingegangen war, man möge doch bitte ein regionales Testzentrum aufbauen. Der Auftrag ging an die Spitäler Frutigen, Interlaken und Meiringen. Und dort an Thomas Huber, Leiter Technologie und Infrastruktur.

Der musste dann einen geeigneten Ort finden. Personal rekrutieren, das sich mit der Administration auskennt oder damit, einen Abstrich machen zu können – insgesamt elf Personen pro Schicht.

© CH Media

Musste Abläufe festlegen, um die Fehlerquellen zu minimieren, weil es beim Umgang mit Corona eines nicht verträgt: Fehler. Musste Schutzkonzepte erstellen. Musste schauen, dass die Computerprogramme zusammenspielen.

© CH Media

Musste, musste, musste. «Es gab schon gut zu tun», sagt Huber, und Adrian Schürch, der ihm bald einmal beistand mit seinen Zivilschützern, nickt. Jetzt läuft es in Interlaken, im Minutentakt rollen Autos ins Testzentrum, 120 Slots bietet es täglich an. Sie werden, sagt Thomas Huber, gut gebucht.

© CH Media

Es ist kein guter Herbst für die Schweiz, das zeigen die Fallzahlen, die fast nirgends so hoch sind wie hierzulande. Es stehen jetzt einige grosse Fragen im Raum. Zuallererst jene, wie krisenfest das föderale Schweizer System eigentlich ist.

Was man aber auch einmal sagen darf: Wenn oben in den Regierungen einmal entschieden wurde, was unten passieren soll, was Leute wie Thomas Huber oder Adrian Schürch oder Ünal Can, von dem gleich noch die Rede sein wird, zu tun haben, dann sieht es gar nicht so schlecht aus. Dann geht es zügig. Zumindest im ganz Kleinen kann die Schweiz Krise.

Das zeigt sich auch auf dem Kasernenareal mitten in der Stadt Zürich. In seinem Herzen liegt eine stattliche Wiese, und dort steht seit ein paar Tagen ein grosses Zelt, eines, wie man es sonst für Dorffeste aufbaut oder das Grümpelturnier.

© CH Media

Hinter den Glastüren warten Menschen im Spitaloutfit auf Städter, die ihr Velo abschliessen, hastig die paar Schritte zum Eingang gehen, den Kopf etwas eingezogen. Die dann, keine Stunde später, wieder auftauchen, fast immer das Handy am Ohr oder die Finger auf dem Display. «Negativ», sagt eine Frau, die aus dem Testzentrum kommt, «ich bin froh.» Und schiebt nach, das sei eine gute Sache, dieses neue Zentrum.

Auf dem Kasernenareal ist in zwei Wochen eine Testfabrik entstanden. Die Patienten betreten sie, nachdem sie online einen Termin gebucht haben. Erhalten eine Nummer, in etwa so, wie das bei der Post funktioniert.

© CH Media

Werden getestet. Und bekommen, dem neuen Antigen-Schnelltest sei dank, noch vor Ort Bescheid. Das läuft in Interlaken, wo die langsameren, aber zuverlässigeren PCR-Tests gemacht werden, noch etwas gemächlicher ab. Dort dauert es 24 bis 48 Stunden bis zum Resultat.

Die Zürcher Testfabrik kann bis zu 1000 Tests pro Tag durchführen; sie ist eine der ersten im Land, die auf die Schnelltests setzt.

© CH Media

Erst Anfang Monat hat der Bund diese freigegeben. Am Eingang stehen Frauen und Männer, die sonst für die Swiss durch die Welt fliegen, jetzt aber keine Arbeit mehr haben – und wissen, wie man mit Menschen umgeht. Das war die Idee von Ünal Can, dem Leiter des Testzentrums, das vom Zürcher Stadtspital Triemli betrieben wird.

© CH Media

In zwei Wochen haben Can und sein Team 1000 Bewerbungen erhalten, um die 100 Leute eingestellt – und wurden dabei kreativ, siehe zum Beispiel: die Flugbegleiterinnen. Auch andernorts liess man sich etwas einfallen. In Belp etwa machen arbeitslose Barkeeper die Abstriche.

Wie Thomas Huber musste sich auch Ünal Can in den letzten Monaten verwandeln. Eigentlich ist er der Chefarzt des Triemli-Notfalls, doch er hat jetzt viel darüber gelernt, wie man ein Testzentrum aus dem Boden stapft. Can sagt, es gehe ihm wie allen, er habe langsam genug von Corona, «aber zuerst müssen wir mit dem Virus fertigwerden».

Doch er hat schon eine Idee, was mit der Testfabrik passieren soll, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Er will sie in ein Impfzentrum verwandeln.

Autor

Dominic Wirth

Meistgesehen

Artboard 1