Pandemie

Der Corona-Erklärer: Forscher Marcel Salathé klärt die Nation auf – und schaut der Politik auf die Finger

Vor einigen Tagen twitterte Epidemiologe Marcel Salathé: «In diesen Wochen ist mein Vertrauen in die Politik erschüttert».

Vor einigen Tagen twitterte Epidemiologe Marcel Salathé: «In diesen Wochen ist mein Vertrauen in die Politik erschüttert».

Der Epidemiologe Marcel Salathé ist zum Dauergast im Schweizer Fernsehen geworden. Er liefert Antworten auf Fragen zum Coronavirus. Wer ist der telegene Forscher?

Das Land macht Home-Office, und das ist nicht immer leicht. Auch Marcel Salathé kennt das, stundenlang sitzt der Epidemiologe in diesen Tagen zu Hause in Lausanne in seinem Büro. Am Mittwoch, der Tag neigt sich dem Abend zu, hat Salathé genug. Er tippt in sein Handy, dass er kurz rausmüsse, «sonst droht eine Home-Office-Krise». Und so wird aus dem geplanten Videointerview eines per Telefon.

Es sind lange, aufwühlende Tage für Marcel Salathé, 44 Jahre alt, aufgewachsen in Basel. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich damit, wie eine Epidemie sich entwickelt. Lange hat er das an renommierten US-Universitäten getan, seit 2015 an der ETH Lausanne. Jetzt ist das Coronavirus da, eine Pandemie, wie die Welt sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Für den Forscher Salathé ist das «eine interessante Sache». Aus der Theorie wird jetzt Praxis; die ganze Welt hat sich in ein riesiges Forschungsfeld verwandelt.

Die Situation ist «extrem beunruhigend»

Doch Salathé ist auch Sohn, Vater, Ehemann. Und für den sei die Situation «extrem beunruhigend». Denn natürlich interessieren sich Epidemiologen nicht in erster Linie dafür, wie sich Epidemien und Pandemien ausbreiten. Sondern dafür, wie sie sich eindämmen lassen. Und was dafür getan wird. Aus dieser Sicht, sagt Salathé, sei es gerade gar keine gute Zeit. Er meint damit die Welt, aber auch und gerade die Schweiz.

Wenn eine Krise hereinbricht, braucht es jemanden, der sie erklärt. In der Schweiz, diesem Land, das sich mit Krisen kein bisschen auskennt, gilt das mehr als anderswo. Als das Coronavirus ins Land stürmte, stiess das Deutschschweizer Fernsehen auf Marcel Salathé. In den letzten drei Wochen wurde er zum Dauergast in seinen Sendungen. Die Einschaltquoten sind gigantisch. Und Salathé liefert Antworten. Er ist ein Wissenschaftler, wie ihn Fernsehmacher sich wünschen: klar, anschaulich, wortgewandt und telegen. Zu Sakko und Hemd trägt er gerne rote Turnschuhe, und einmal, in einem Interview für einen Dokumentarfilm, sagt er ganz beiläufig «shit».

Dauergast im Deutschschweizer Fernsehen: Marcel Salathé im Gespräch mit «10vor10»-Moderatorin Susanne Wille.

Dauergast im Deutschschweizer Fernsehen: Marcel Salathé im Gespräch mit «10vor10»-Moderatorin Susanne Wille.

Der Polizistensohn im Vorprogramm von Kravitz

Der 44-Jährige ist als Sohn eines Polizisten und einer Verkäuferin in Basel aufgewachsen. Als Kind, erzählt er, sei er verträumt gewesen. Lange reizt ihn vor allem das Kreative. Er spielt Keyboard in einer Band, die es bis ins Vorprogramm von Lenny Kravitz schafft. Das Biologiestudium wählt er nach dem Ausschlussprinzip. «Wissenschaft hat mich lange nicht so interessiert», sagt er. Doch das ändert sich, und irgendwann landet er bei den Infektionskrankheiten. Das Tempo, mit dem sie sich verbreiten, ihr exponentielles Wachstum, fasziniert ihn.

Er schreibt seine Doktorarbeit zum Thema, geht in die USA, unter anderem nach Stanford und an das renommierte Zentrum für Infektionskrankheiten der Penn State University. Heute sagt Salathé von sich, er habe viele Hüte auf. Die Digitalisierung treibt ihn schon lange um, die künstliche Intelligenz ebenso. Er hat für die ETH Lausanne eine Online-Schule gegründet und führt ein Labor für digitale Epidemiologie. Hier hat er vereint, was ihn am meisten beschäftigt.

In die Rolle des Corona­erklärers sei er «ein wenig reingestolpert», sagt Salathé. Ende Februar hielt das Virus die Forscherwelt schon länger in Atem. In jener der Medien machte es sich gerade erst langsam breit. Salathé hielt einen viel beachteten Online-Vortrag zum Thema. Ein paar Tage später stand er zum ersten Mal im Fernsehstudio. Heute erhält er pro Tag 20, 30 Anfragen. Er sagt, er nehme zwei, drei von ihnen an. Dazu twittert er jetzt häufiger auf Deutsch statt auf Englisch, der Sprache der Wissenschaft.

Aus dem Mann, der vor allem erklärte und warnte, wurde ein Kritiker der Behörden – zumindest vorübergehend. Mitte März braucht Salathé in der Sendung «10vor10» das Wort «irritierend»; es geht um die Tests, oder besser: Darum, dass der Bund in seinen Augen zu wenige Menschen auf das Corona­virus testet. Und dann, vor einer Woche, tippt er den folgenden Tweet: «In diesen Wochen ist mein Vertrauen in die Politik erschüttert.» Es ist eine bemerkenswerte Botschaft. Sie hat sich in Salathé aufgestaut. Und musste raus, weil er fand, dass zu wenig auf Wissenschaftler gehört wurde.

Bereits ein paar Tage zuvor hatte er mit anderen Epidemiologen ein Papier verfasst. Darin bekräftigen die Forscher ihr Mantra im Kampf gegen das ­Virus: Social Distancing ist richtig, aber langfristig kann es nicht die einzige Lösung sein, weil die wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu gross sind. Es gibt für sie nur eines: testen, testen, testen. Erkrankte und ihre Kontakte isolieren. Und so das Virus davon abhalten, Fahrt aufzunehmen. Mitverfasst haben es etliche namhafte Wissenschaftler. Darunter Matthias Egger. Er ist Präsident des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds, der allein 2018 über eine Milliarde Franken Forschungsmittel verteilt hat.

«Das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar»

Sich so lautstark melden: Darf, soll die Wissenschaft das? Ja, findet Marcel Salathé. Gerade in Zeiten einer solchen Krise sei das extrem wichtig. «Niemand ist sich an das Tempo gewohnt, das uns das Coronavirus aufzwingt. Da muss man laufend Fakten sammeln, sich anpassen, die Strategie überdenken», sagt Salathé.

In der Schweiz scheint das zu passieren. Die Testkapazitäten wurden zuletzt stetig ausgebaut. Auch Salathé findet, dass sich einiges getan habe: mehr Tests und Tempo, besserer Datenfluss, bessere Kommunikation, mehr Zusammenarbeit. «Wir sind jetzt auf dem richtigen Weg. Das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar», sagt er.

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