Die Gruppe Journalisten steht frierend am Eingang der Bundesunterkunft. In Flip-Flops nähert sich ein Asylbewerber. Er zieht noch einmal an seiner Zigarette und sagt dann: «Hi, good morning.» Niemand beachtet ihn. Alle warten – bis die offizielle Führung beginnt.

Es ist das erste Mal, dass die Bundesunterkunft in Bremgarten seit der Inbetriebnahme im August für die Medien geöffnet wird. Viele wollten sie sehen, diese Unterkunft, die im August in ganz Europa für negative Schlagzeilen sorgte wegen des Badi-Verbots. Darum sind auch alle gekommen: Vertreter des Bundesamts für Migration, der Chef der Sicherheitsfirma, die Leiterin der Betreuung und der Bremgarter Stadtpräsident. Sie freuen sich zu zeigen, was für die Medien keine Schlagzeilen geben wird: eine Bundesunterkunft, in der alles rund läuft.

Weniger Gut läuft es für die 113 Menschen, die zurzeit in der Asylunterkunft leben. Bremgarten wird ihre Hoffnungen zerstören. Viele ahnen es und hoffen doch.

Zurzeit leben hier auch 15 Kinder. Zwei Buben sitzen vor einem der Schlaftrakte an einem Tisch. Der Jüngere kniet auf dem Stuhl. Seine winzigen Spiderman-Finken liegen am Boden. Er zeichnet und lächelt immer wieder ganz verliebt in die Kameras, die sich sofort auf ihn gerichtet haben. Schlafen tut er im Raum dahinter. 24 Betten gibt es pro Zimmer. Ein Mädchen fährt auf einem Kickboard durch den Raum. Auf der Heizung trocknen Unterhosen. Für ein bisschen Privatsphäre haben einige Familien Tücher über ihre Betten gespannt. Für vier bis acht Wochen ist das ihr Zuhause. In den Familienunterkünften hat es noch leere Betten, bei den Männern ist alles voll.

Eine Frau mit Kopftuch sitzt neben einem Bett und lächelt die Besucher an. Später geht sie mit ihren beiden Kindern ins Spielzimmer und hilft ihnen bei einem Puzzle. Ihre Tochter zählt keck die Namen aller Familienmitglieder auf. Sagt dann: «Syria. Arabic!» Hinter ihr an der Wand hängen Kinderzeichnungen. «Switzerland» steht auf einem, auf einem anderen «Syria Free». Die Spielsachen im Spielzimmer sind Geschenke aus der Bevölkerung. Immer wieder stehen Leute vor der Unterkunft und bringen Taschen mit allerlei Nützlichem.

Umstrittene Asylunterkunft Bremgarten öffnet die Türen fürs Publikum

Die Bremgarter haben sich mit ihren Asylbewerbern arrangiert. Probleme gebe es keine, sagt der Chef der Sicherheitsfirma.

Auch die Notfallnummer, die der ganzen Bevölkerung in einem Flugblatt mitgeteilt wurde, werde kaum gewählt. Und wenn, dann teilen die Anrufer mit, dass sie einen Asylbewerber abends in der Stadt sahen und fragen, ob das erlaubt sei. Ist es – aber nur am Wochenende. Dann dürfen die Asylsuchenden machen, was sie wollen. Dürfen auch auswärts schlafen. Während der Woche allerdings müssen sie um 17 Uhr in der Unterkunft sein.

Die Regeln sind strikt und Zettel, auf denen sie stehen, hängen überall in verschiedenen Sprachen. Draussen prangt an einem der vielen Anschlagbretter auch ein grosses Plakat mit einer Werbung für Rückkehrhilfe. Es ist nur in deutscher Sprache – zurückkehren will hier aber sowieso niemand.

Eine 18-Jährige Äthiopiern sitzt neben einer 31-jährigen Eritreerin auf der Heizung neben dem Töggelikasten. Sie hören gemeinsam Musik, jede hat einen Stöpsel im Ohr. Die vielen Kameras beeindrucken sie nicht. Die Geschichte der Äthiopierin mit den pinken Fingernägeln tönt abenteuerlich – via Ägypten und Portugal kam sie in die Schweiz. Abenteuer ist allerdings, das letzte was sie sucht. «Ruhe und Frieden suche ich», sagt sie auf Englisch. Warum die Schweiz? «Ich dachte, die Schweizer behandeln die Flüchtlinge gut.» Stimmt das nicht? «Wir bekommen Essen und ein Bett.» Reicht das nicht? Ihre Antwort ist ein trotziges Lächeln und eine Gegenfrage: «Besteht ein Leben nur aus Essen Schlafen und Warten?» Etwas später sagt sie, dass sie Angst habe, weil sie gehört habe, dass nur nach Bremgarten kommt, wer sowieso nicht bleiben dürfe. Sie hat recht. Rund 500 Menschen haben in der Bundesunterkunft seit der Eröffnung bereits ihren Asylentscheid erhalten – nur bei drei Personen war er positiv. Alle anderen wurden zurückgeschickt in die Länder, in denen sie ihr erstes Asylgesuch stellten.

Trost spendet oft auch der Glaube. Es gibt dafür einen Raum. In diesem hat es auf einem Teppich am Boden drei Kerzen, drei Jesus-Bilder, Bibeln in verschiedenen Sprachen und einen Koran. Es gibt auch einen Gebetsteppich, der von einer Moschee gespendet wurde, bald kommt eine Buddha-Statue dazu. Marie Eve Morf von der reformierten Kirche und ihr katholischer Kollege sind jeden Tag hier. Sie wissen, was die Asylsuchenden am dringendsten brauchen: Ermutigung.

In der Asylunterkuft riecht es nach nichts. Auch kurz vor 12 Uhr, als die Schlange vor der Essensausgabe schon lang ist. Der Grund: Hier wird nicht gekocht. Eine Cateringfirma liefert das Essen. Auch dafür gibt es Regeln: Eine Portion pro Person – Nudeln und Reis mit Sauce, ein Stück Brot und einen Apfel gab es gestern. Eine zweite Portion gibt es nur, wenn alle einmal hatten. Ein Marokkaner stellt sich vorsorglich mit halb vollem Teller zum zweiten Mal in die Schlange. Bis er vorne ist, ist sein Teller leer gegessen – und wird wieder gefüllt. Beim Abwaschen müssen alle einmal helfen. Manche melden sich freiwillig und manche Männer verstehen nicht, weshalb sie solche Frauenarbeit verrichten müssen.

Beliebter ist der Fernsehraum. Das lange Sofa ist kurz vor dem Mittag bis auf den letzten Platz besetzt. Ein englischer Bollywoodfilm läuft und die Journalisten stören ausgerechnet die Szene, in der es zwischen dem Helden und der Schönheit heftig, aber züchtig funkt. Die Lautstärke wird kurzerhand aufgedreht.

Und was sagt eigentlich Stadtammann Raymond Tellenbach, der vor der Eröffnung um die Sicherheit in seinem Städtchen fürchtete? Er sagt: «Im Nachhinein, das muss ich sagen, ist es Gott sei Dank nicht so rausgekommen, wie wir befürchtet haben.»