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Denn wir wissen nicht, wieso sie es tun

Das Angebot im Schweizer Nachtleben war noch nie so gross – und doch langweilte es die Jugend noch nie so sehr. Dass die junge Generation nun für mehr Freiraum auf die Strasse geht, irritiert viele.

Benno Tuchschmid
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Die Jugend im Jahre 2012 sucht ihr Glück beim Tanz durch die Berner Altstadt. Ohne Bewilligung.

Die Jugend im Jahre 2012 sucht ihr Glück beim Tanz durch die Berner Altstadt. Ohne Bewilligung.

Keystone

Ja, ja, die Jugend. Sie hat es wieder einmal geschafft. Die älteren Generationen wundern sich. Können nicht verstehen. Da versammelten sich am Wochenende in Bern über 10000 Jugendliche und tanzten durch die Innenstadt. Ohne Bewilligung. Ohne erkennbaren Grund. Ohne erkennbare Botschaft. Dafür mit ganz viel Lärm. Und seither diskutiert die Schweiz über das Wieso. Unterschwellig schwingt bei den 68er- und 80er-Veteranen der Vorwurf der Undankbarkeit mit.

Nach all den erkämpften Freiheiten hat die heutige Jugend immer noch nicht genug ... Noch nie sei die Gesellschaft bei Jugendanliegen so liberal gewesen, sagte der Soziologe Kurt Imhof im «Club» des Schweizer Fernsehens. Strafrechtsprofessor Martin Killias sagt: «Wer behauptet das Nachtleben sei überreguliert, der verkennt völlig, dass wir seit zwanzig Jahren eine historisch und im Vergleich zu anderen Ländern einmalige Deregulation erlebt haben.» Killias lässt die Fakten sprechen. Und zwischen den Zeilen das Unverständnis.

Frustration der Clubszene

Bei der Berner Tanz-Dich-Frei-Demonstration vom Samstag gab es jedoch durchaus einen Auslöser: die Frustration der Berner Club- und Kulturszene – und ihrer Besucher – über das strikte Durchgreifen der Stadt ins Nachtleben. Ein Ausschankverbot auf dem Vorplatz der alternativen Kulturinstitution Reithalle brachte das Fass zum Überlaufen.

Das ist der regionale Hintergrund. Doch der Tanz-Mob bestand nicht nur aus Bernern, die Besucher der Tanz-Demo kamen aus der ganzen Schweiz. Die digitale Mundpropaganda auf Facebook verkündete den Feierwütigen, dass sich in Bern etwas Spezielles anbahnt. Der Protest der Betreiber vermischte sich mit der Tanzwut der Masse.

Bern ist überall

Doch Bern ist überall. Partys und Veranstaltungen abseits der klassischen Clubs und Discos sind schweizweit im Trend und ziehen Massen an. In Bern ist es die Tanz-Dich-Frei-Demo, in Basel sind es Veranstaltungen im nt-Areal oder auf der Erlenmatte. Gestern fand in Biel ein ähnlicher Anlass statt. In St. Gallen und Zürich sind sie in Planung. Szenekenner sprechen von einem Rückzug der Jugendlichen ins Halblegale, Soziologen von einer Flucht aus dem «kommerz-orientierten» Nachtleben.

«Privat-Partys und illegale Feiern nehmen definitiv zu», sagt auch Thomas Berger vom Verein Nachtleben Bern. Und das nicht nur in den Metropolen, auch in kleineren Städten ist der Trend da. «Wir wissen von Gebäuden, in denen immer wieder illegale Partys stattfinden», sagt Mark Haggenmüller, Chef der Stadtpolizei Olten.

Der Reiz des Unverbrauchten

In Aarau findet eine der beliebtesten Techno-Partys der Region alle 2 Monate in einer ehemaligen Garage statt. Veranstalter ist ein Künstlerkollektiv. Tizian Baldinger, Mitglied des Kollektivs, sagt: «Die Leute haben genug vom Einheitsbrei und suchen etwas, das anders und frisch ist.» Die Veranstaltungen im Lokal sind nicht illegal, unterscheiden sich aber trotzdem deutlich von Partys in einem normalen Club. Der Reiz des Neuen und Unverbrauchten spielt mit.

so kommt es zum Paradoxon, dass das Angebot im Nachtleben heute so gross ist, wie noch nie. Vor 15 Jahren gab es in der Stadt Zürich 40 Betriebe, welche die ganze Nacht geöffnet hatten. Heute sind es 600. Und die Jugend sucht trotzdem neue Räume – und findet sie. Thomas Berger sagt: «Es gibt heute zwar viele Clubs, aber innerhalb dieser wurden die Regeln immer strenger.» Er meint Rauchverbot, strenge Eingangskontrollen und hohe Preise. Das alles gibt es auf öffentlichem Grund und im Untergrund nicht.

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