Trinkwasserinitiative
Das Werben um die Biobauern: Bio Suisse sagt Nein zur Trinkwasserinitiative – was das für den Abstimmungskampf bedeutet

Die Trinkwasserinitiative stösst selbst bei Biobauern auf Skepsis. Bio Suisse, der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe, hat die Nein-Parole gefasst – zur Freude der Gegner. Das hat Folgen für den Abstimmungskampf.

Maja Briner
Merken
Drucken
Teilen
Von der Initiative wären unter anderem auch Bioeierproduzenten betroffen, sagt Bio Suisse.

Von der Initiative wären unter anderem auch Bioeierproduzenten betroffen, sagt Bio Suisse.

Salvatore Di Nolfi/Key

Plötzlich diese Aufmerksamkeit!

Normalerweise schlägt eine Delegiertenversammlung von Bio Suisse keine grossen Wellen – ja, nicht mal kleine. Doch am Mittwoch schien die halbe Schweiz darauf zu warten, wie Präsident Urs Brändli bemerkte. Der Grund: Der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe fasste die Parole zur Trinkwasserinitiative. Der Vorstand plädierte für ein Nein – was Polemik auslöste: Wie kann es sein, dass sich ein Verband, der fast 7500 Biobetriebe vertritt, gegen eine Initiative stellt, die Probleme wie Trinkwasserverschmutzung und Überdüngung anpacken will?

Präsident Brändli versuchte, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er habe viel Verständnis für Bio-Kunden, welche die Initiative unterstützten.

«Die Anliegen, welche die Initiative aufnimmt, sind absolut berechtigt. Aber die Lösung ist die falsche.»

Die Initiative verlangt, dass nur noch Landwirte Direktzahlungen erhalten, die ohne Pestizide produzieren und nur so viele Tiere halten, wie mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden können.

Preiszerfall befürchtet

Urs Brändli, Präsident Bio Suisse.

Urs Brändli, Präsident Bio Suisse.

Bio Suisse

Die Initiative, so warnte Brändli, würde auch die Existenz mancher Biobetriebe gefährden. Erstens, weil viele Grünlandbetriebe auf Bio umstellen würden, was zu tieferen Preisen für Bio-Milch und -Fleisch führen könnte. Zweitens, weil gewisse Bio-Betriebe die Futter-Bestimmung nicht einhalten könnten.

Zudem sei es falsch, nur die Landwirtschaft ins Visier zu nehmen, kritisierte der Bio-Suisse-Präsident. Die Anti-Pestizid-Initiative, die ebenfalls am 13. Juni zur Abstimmung kommt, sei der bessere Weg, da sie auch den Import berücksichtige – und die Biobetriebe nicht vor existenzielle Probleme stelle.

Zur Pestizid-Initiative hatten die Delegierten im November Ja gesagt. Damals äusserten sie sich auch zur Trinkwasserinitiative – und lehnten die vom Vorstand vorgeschlagene Nein-Parole ab. Doch weil es Verwirrung um das Abstimmungsprozedere gab, wurde die Parolenfassung neu angesetzt. Am Mittwoch nun stimmten die Delegierten mit 73 zu 20 Stimmen für die Nein-Parole.

Unverständnis bei den Initianten

Bei Initiantin Franziska Herren ist die Enttäuschung darüber gross. Sie sei schon lange eine überzeugte Bio-Konsumentin, sagt sie, habe die Bio-Bauern immer als Pioniere wahrgenommen.

«Aber nun sehe ich: Es geht Bio Suisse nur ums Geld und ums Marktmonopol.»

Für die Befürchtung, dass die Preise für Bio-Milch und -Fleisch wegen des erhöhten Angebots sinken würden, hat sie wenig Verständnis: «Es kann doch kein Gegenargument sein, dass es zu viel Bio gäbe.» Herren betont, die Initiative sei von Anfang an von Biobauern unterstützt worden.

Franziska Herren hat kein Verständnis für die Nein-Parole von Bio Suisse.

Franziska Herren hat kein Verständnis für die Nein-Parole von Bio Suisse.

Christian Jaeggi

Im Abstimmungskampf sind die Biobauern gefragt. Beide Seiten werben mit ihnen – sie gelten als sympathische, glaubwürdige Absender. Entsprechend gross ist die Freude über die Nein-Parole von Bio Suisse bei den Gegnern der Initiative. Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband spricht von einem «sehr erfreulichen Entscheid». Dieser zeige, dass die Initiative «auch für die Bioproduktion hochproblematisch ist und der Umweltnutzen infrage gestellt ist». Der Bauernverband werde die Biobauern deshalb aber nicht stärker in den Fokus der Kampagne rücken.

«Wir werden vorgeschoben»

Werden die Biobauern nun zerrieben zwischen den Fronten, Bio Suisse instrumentalisiert? Einige befürchten dies. Martin Ott, Demeter-Bauer und Präsident des Stiftungsrats des Forschungsinstituts für biologischen Landbau, hatte an der Delegiertenversammlung im November noch für die Ja-Parole plädiert. Gestern setzte er sich vergeblich für Stimmfreigabe ein – wegen der verhärteten Fronten und um der Gefahr einer Instrumentalisierung zu entgehen. «Seit November haben sich die Meinungen verfestigt», sagt er. Der Abstimmungskampf sei hart. Die Strategie der Gegner sei aufgegangen:

«Statt über die Probleme beim Trinkwasser wird über die Parole von Bio Suisse gesprochen.»

Ott trat diese Woche in der SRF-Sendung «Club» auf – zusammen mit drei weiteren Biobauern im Pro- und Kontra-Lager. Dass die Biobauern so in den Fokus gerückt werden, stört ihn. «Wir werden vorgeschoben», sagt er. «Dabei betrifft die Initiative insbesondere Futtermittelimporteure und Pestizidproduzenten – sie sind der grosse Elefant im Raum.»

Bio Suisse dürfte sich im Abstimmungskampf zurückhalten – auch, weil sich die Verantwortlichen bewusst sind, wie heikel das Terrain ist. Es sei noch nichts entschieden, sagte Brändli zwar, um gleich anzufügen: Die Parolenfassung habe nun schon viel Aufmerksamkeit erregt.