Welten prallen aufeinander. Hier Europa, das mit Gesetzen und Paragrafen, Polizisten und Spürhunden versucht, sein demokratisch legitimiertes Asylrecht durchzusetzen. Da verzweifelte Männer, zu allem bereit, um ein besseres Leben zu finden.

Hier die Schweiz, die seit 20 Jahren ihre Mauern erhöht, um möglichst wenig Flüchtlinge aufnehmen zu müssen, da Frauen und Kinder, die in schäbigen Booten das Mittelmeer überqueren in der Hoffnung, in Europa glücklich zu werden.

Hier rechte Zyniker, die den Afrikanern die alleinige Schuld an der Misere zuweisen. Da linke Träumer, die uns ernsthaft glauben machen wollen, eine Welt ohne Grenzen sei per se eine bessere.

Selten haben Scheinheiligkeit und Ratlosigkeit die Debatte so geprägt wie in diesen Tagen. Scheinheilig, weil zu viele Politiker sich jetzt als Lebensretter inszenieren. Dabei sterben im Mittelmeer seit 20 Jahren Flüchtlinge. Täglich. Mal mehr, mal weniger. Das Gewässer ist schon lange ein Massengrab. Die Wenigsten hat es interessiert. Nur Gadhafi verschaffte Europa zuweilen etwas Linderung - weil er die Flüchtlinge an der Flucht hinderte. Jetzt ist der Despot weg. Und niemand sichert für uns die nordafrikanischen Küsten.

Scheinheilig auch, weil die europäische Asylpolitik unter dem Codewort Dublin noch nie funktioniert hat. Wie unmenschlich die Zustände in Lampedusa oder etwa an der griechisch-türkischen Grenze sind, wissen wir spätestens seit Kaspar Surbers Buch «An Europas Grenze». Es war uns egal. Hauptsache, die Asylbewerber standen nicht in Chiasso Schlange oder lungerten in Bremgartens Badi herum.

Dass das Mittelmeer auch unsere Aussengrenze ist, verdrängten wir. Dass die klammen Südeuropäer von den wohlhabenden Nordeuropäern seit Jahren im Stich gelassen werden: Nicht unser Problem. Immerhin zeichnet sich jetzt eine Diskussion über einen Verteilschlüssel ab.

Der Gipfel der Scheinheiligkeit ist erreicht, wenn Politiker Botschaftsasyl verlangen, wo man doch dieses gerade abgeschafft hat. Gewiss, gescheiter werden darf man immer: Aber die Toten im Mittelmeer gab es doch im Frühling schon.

Alle wissen: Solange der Unterschied zwischen Arm und Reich derart frappant ist, wird es immer Flüchtlinge geben. Migration findet statt, auch wenn es der SVP nicht passt. Abhilfe schaffen könnte vielleicht die Öffnung der Agrarmärkte. Oder die Abschaffung der Subventionen für unsere Nahrungsmittelindustrie. Die Kleinbauern und Unternehmer Afrikas kommen sonst gar nie auf die Beine.

Aber sind wir dazu bereit? Linderung dürfte die konsequente Förderung des Fair-Trade-Handels bringen. Oder gezielte, direkt vor Ort überwachte Entwicklungshilfe. Gleichzeitig aber liefert die Schweiz Waffen. Hat der Ständerat nicht eben beschlossen, die Exporthürden zu senken? Waffen für Warlords? Hauptsache Arbeitsplätze.

Sind wir bereit, den Flüchtlingsbegriff zu überdenken? Fast jeder Afrikaner flieht aus wirtschaftlicher Not - und hat damit per Definition kein Recht auf Asyl.

«So kann es nicht weitergehen», schrieb gestern das deutsche Magazin «Der Spiegel». Das ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner eines ganzen Kontinents.