Interview

«Das Kreuz ist das falsche Mittel gegen den Islam» — Felix Gmür über Politik und Klerus

«Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, das politische Geschehen zu gestalten.»: Der Bischof von Basel, Felix Gmür, im Garten seines Bischofssitzes in Solothurn.

Das Kreuz dürfe nicht zum Kampfmittel gegen den Islam werden, sagt Felix Gmür, der Bischof von Basel. «Christliche Identität zeigt man am besten, indem man als Christ lebt.» Dazu gehört für Gmür auch, jungen Asylsuchenden bei der Integration stärker zu helfen. Von Lucien Fluri (Text), Hanspeter Bärtschi (Foto)

Hier ist alles etwas grösser. Felix Gmür, Bischof von Basel, lebt und arbeitet am Bischofssitz in Solothurn in mächtigem, altehrwürdigem Gemäuer, das einst vornehme Patrizierfamilien hatten bauen lassen. Die Räume strahlen noch immer eine gewisse Distanz aus. Umso zugänglicher und unkompliziert zeigt sich der Hausherr: Gmür (51), der Chef des grössten Schweizer Bistums, kommt gut gelaunt zum Interview. «Schauen, dass möglichst viele Menschen ein würdiges Leben führen können», nennt er eine dringliche Aufgabe von Kirche – und Gesellschaft.

Bischof Felix Gmür, kann ein Christ mit gutem Gewissen SVP wählen?

Felix Gmür Weshalb diese Frage? Die Kirche macht keine Parteipolitik.

Nun, die neu gewählte Zürcher Synodalratspräsidentin zweifelte kürzlich in einem Interview, dass man als Katholik SVP wählen kann.

Aber hat sie auch gesagt, warum? Das wäre ja wichtig. So ist die Aussage einfach nur plakativ. Jeder Mensch und jeder Christ ist frei, die Partei zu wählen, die er für richtig hält. Die Kirche macht keine Vorschriften und keine Einschränkungen.

Aber wenn Sie das Wort Scheinasylant oder Sozialschmarotzer hören, zucken Sie nicht zusammen?

Es gibt Leute, in jeder Gesellschaft und in allen Staaten, die die Gesetze ausnutzen. Wie man diese betitelt, ist Sache derer, die es tun. Die Kirche würde diese Wörter nie verwenden. Aber wir schliessen die, die sie verwenden, nicht von der Kirche aus. Mit ihnen muss man ins Gespräch kommen.

Gibt es Punkte in Parteiprogrammen, die sich nicht mit Ihren christlichen Überzeugungen vereinbaren lassen?

Die Kirche hat mit vielen Parteien gemeinsame Ansichten und mit vielen Parteien divergierende Ansichten. Das ist kein Problem. Keine Partei muss alle Ansichten der Kirche teilen.

Wo würden Sie andere Schwerpunkte setzen?

Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, das politische Geschehen zu gestalten. Die Kirche redet aus einer anderen Perspektive, die nicht Tagespolitik ist. Das ist eine prophetische Aufgabe. Eine Partei muss hingegen Tagespolitik machen.

Wann mischt sich die Kirche dann in die Politik ein?

Zum Beispiel hätte die Kirche ein Problem, wenn die Eidgenossenschaft in Gebiete Waffen liefern würde, in denen Bürgerkrieg herrscht. Das Ausfuhrverbot zu lockern, fände die Kirche falsch. Dann profitiert unsere Schweizer Wirtschaft übermässig zuungunsten der mutmasslichen Opfer in den Kriegsgebieten.

Bleiben wir bei der Politik. Es gibt zahlreiche Politiker, die sich auf christlich-abendländische Werte beziehen. In Bayern verfügt der Staat gerade Kreuze für staatliche Gebäude. Wird die Kirche da nicht instrumentalisiert, gerade wenn es mehr um Abgrenzung zum Islam geht als um christliche Werte?

Die Kirche wird nicht instrumentalisiert. Aber gewisse kirchliche Symbole. Natürlich ist es gut, wenn überall Kreuze hängen. Aber wenn das Kreuz ein Kampfmittel ist, um gegen jemand anderen zu sein, mache ich ein Fragezeichen. Das Kreuz ist nicht nur das Zeichen einer christlichen Kultur. Es ist zunächst das Zeichen für Jesus Christus, der sich opfert und Opfer politischer und religiöser Herrschaftsmachenschaften wurde. Es ist dieses Kreuz, an das die Christen erinnern.

Und die Abgrenzung gegen den Islam?

Dazu ist es das falsche Mittel. Christliche Identität zeigt man am besten, indem man als Christ lebt. Es gibt ungefähr eine halbe Million Muslime, die in der Schweiz leben. Diese Menschen gehören zur Schweiz, auch wenn ihre Religion historisch nicht zur Schweiz gehört. Auch im Umgang mit diesen Menschen soll man merken, dass wir Christen sind. Merkt man dies, wenn man in die Schweiz kommt?

Sie kritisieren in Ihrem Pfingstbrief, dass zu wenig für die Integration getan wird.

Es besteht die Gefahr, dass Migranten eine eigene Randgruppe bilden. Wir möchten dies verhindern. In gewissen Ländern gibt es Ghettos, etwa gewisse Quartiere in England oder Frankreich. Das möchten wir nicht.

Sie fordern mehr Bildung.

Wir sollten den Asylbewerbern Ausbildungsmöglichkeiten geben, gerade auch den jungen, die schon 16 Jahre alt sind. Sie müssen besser lesen und schreiben lernen. Das ist gut für die Integration, für die persönliche Entwicklung und für ihre Zukunft, ob sie nun hier bleiben können oder nicht. Das ist eine konkrete Hilfe am Nächsten. Und unserer Gesellschaft tut sie auch gut, weil die Asylsuchenden nicht ausgegrenzt werden und nicht von der Fürsorge leben müssen. Das hilft allen.

Das war jetzt doch politisch.

Wir machen Vorschläge. Die Kirche sagt: Das ist ein Weg, den wir gut finden. Es geht der Kirche immer um den Menschen. Wir sollten eine Ordnung haben, in der sich jeder Mensch gut entwickeln und sein Leben entfalten kann. Was umgesetzt wird, bestimmen die Politiker, die dafür gewählt sind, und das Volk. Das bestimmen nicht wir.

Sie haben selbst eine Flüchtlingsfamilie am Bischofssitz aufgenommen. Wie war Ihre Erfahrung?

Wir konnten die öffentliche Hand, in diesem Fall die Stadt Solothurn, unterstützen, weil wir Platz haben. Die Leute haben sich sehr wohl gefühlt. Sie haben ihr Asylverfahren, gut betreut von der Stadt und Freiwilligen, durchlaufen.

Letzte Politfrage. Die Mitte, gerade die CVP, die der Kirche nahe steht, verliert. Beunruhigt Sie dies?

Als Bischof schaue ich die Politik an wie jeder Bürger. Was mich zunehmend beunruhigt, ist die gesellschaftliche Polarisierung, die sich auch im Kommunikationsstil zeigt. Ich finde die schweizerische Art, einen Konsens zu suchen, für den alle vor- und nachgeben und hinter dem alle mit einigen Abstrichen stehen können, eine gute Weise, politische Lösungen zu finden. Wenn dies nun in Pole auseinanderfällt, zweifle ich, ob etwas Besseres kommt.
Anderes Thema. Spricht die Kirche heute noch die Sprache, die die

Leute sprechen – Stichwort Mitgliederschwund?

Gibt es denn die Sprache, die die ganze Gesellschaft spricht? Ein Drittel der Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz sind Migranten. Sie haben oft eine andere Sprache, und das heisst: eine andere Kultur. Zudem hat die Kirche immer eine etwas andere Sprache gesprochen als die Gesellschaft. Die Sprache der Gesellschaft ändert sich extrem schnell. Die Gesellschaft muss wachsen, sie muss verkaufen, it has to go on. Die Kirche bleibt bei ihren Leisten. Die Kirche ist nicht besser mit ihrer Botschaft, je mehr sie sich der Gesellschaft anpasst, sondern je glaubwürdiger ihre Botschaft ankommt.

Sind Sie nicht plötzlich zu weit weg von der Gesellschaft?

Die Kirche ist nicht irgendwo. Sie lebt mit den Menschen dieser Welt – seit 2000 Jahren. Deshalb macht sie alle Entwicklungen, die die Gesellschaft durchläuft, auch mit. Es ist in Europa nicht so, dass die Kirche da ist und die Leute kommen einfach. Es gibt viele andere Sinnangebote. Die Kirche hat eines. Sie bietet dies authentisch an. Aber jeder und jede ist frei, wie sie sich damit auseinandersetzen wollen und wie sie zur Kirche gehören wollen.

Einst verband die Kirche Menschen weltweit. Heute tut dies Facebook stärker als die Kirche.

Das stimmt nicht. Facebook ist eine Plattform, ein virtueller Kanal. Die Kirche nutzt diese Plattform ebenfalls, um Menschen miteinander in Verbindung zu bringen. Die Plattform selber hat kein Thema, die Kirche hingegen schon: Wir glauben, dass unser Leben mit Gott, der diese Welt geschaffen hat, einen Sinn hat. Dass es gut sein kann, wenn wir zusammenstehen für das, was wir für richtig halten. Das heisst: Schauen, dass möglichst viele Menschen ein würdiges Leben führen können. Das beginnt mit genügend Essen, dass die Leute ein Daheim haben. Über 50 Mio. Flüchtlinge gibt es auf der Welt. Dass sie Zugang zu Ausbildung haben, dass sie Arbeit finden und eine Familie gründen können.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Kirche?

Digitalisierung und Vernetzungsmöglichkeiten sind eine grosse Chance für die Kirche. Sie erleichtern den Zugang zu kirchlichen Angeboten. Die Kirche sollte alles unterstützen, was die Lebensqualität fördert. Ob diese durch die Digitalisierung besser wird, weiss ich jedoch nicht.

Weshalb?

Ich sehe kritisch, dass es eine grosse Vermischung gibt. Was ist privat, was intim, was öffentlich? Ich sehe auch eine Gefahr der Überwachung und des Datenmissbrauchs. Oder die Fake News als Phänomen von Social Media. Sie verbreiten sich sehr schnell und nehmen den Weg eines Gerüchts. Dies führt zu einer Unsicherheit, und das ist nicht gut. Deshalb habe ich Freude an guten Zeitungen und an Medien, die weniger schnell schreiben, dafür reflektiert. Journalistinnen und Journalisten haben eine grosse Verantwortung.

Die Digitalisierung schürt Ängste um Jobs in der Schweiz.

Diese Ängste muss man wahrnehmen. Wenn mehr Arbeiten automatisiert oder in andere Länder ausgelagert werden, hat man Menschen ohne Arbeit. Die Frage ist, welche Perspektive diese Menschen haben. Kann man sie umschulen, gibt es neue Arbeitsfelder? Die Herstellung von Produkten, die wir zum Leben brauchen, wird oft ins Ausland ausgelagert. Auch Güter des täglichen Gebrauchs: Ist dies wirklich nachhaltig?

Sie fordern …

Ich fordere nicht. Man muss einfach wissen, was man macht. Zum Beispiel in der Frage, welche Firmen ins Ausland verkauft werden und bei denen wir nichts mehr zu sagen haben.

Sie wären zurückhaltender?

Ja.

Das würde bedeuten, Unternehmen sollten weniger ökonomisch handeln.

Das muss nicht weniger ökonomisch sein. Aber weniger kurzfristig. Wir brauchen in der Schweiz langfristig eine Durchmischung verschiedener Arten von Unternehmen und damit unterschiedlichen Berufen und Menschen. Aus der Ökologie wissen wir, dass Monokulturen keine guten Überlebenschancen haben.

Für Aufsehen sorgte in den letzten Tagen der 104-jährige australische Forscher David Goodall, der zum Sterben in die Schweiz kam.

Das eine ist der Mensch. Ich kenne ihn nicht und kann nicht über ihn urteilen. Das Zweite ist die Vermarktung der Selbsttötung, die ich zynisch finde. Einer kommt in die Schweiz, um sich selbst umzubringen, und das wird als Freiheitsrecht vermarktet. Dass man aus der Selbsttötung ein Geschäftsmodell macht, finde ich skandalös.

Der Mann hatte einfach genug vom Leben. Er konnte nicht mehr zur Arbeit, musste zu Hause bleiben.

Muss man in diesem Alter noch produktiv sein? Es gibt über 100'000 Arbeitslose in der Schweiz. Ist deren Leben wertlos? Es gibt Menschen, die eine Behinderung haben, die nicht arbeiten können. Arbeit ist etwas Gutes, aber nicht das Einzige. Man ist nicht nur ein wertvolles Lebewesen, wenn man im Produktionsprozess ist, vor allem wenn man ein gewisses Alter hat und ein Leben lang gearbeitet hat. Es darf nicht dazu kommen, dass wir als Arbeitslose oder Pensionierte auf gesellschaftlichen Druck hin meinen, keine Existenzberechtigung mehr zu haben und uns eine Selbsttötung überlegen zu müssen.

Nun wird Pfingsten gefeiert. Was bedeutet das Fest für Sie?

Pfingsten heisst, dass die Leute nicht alleine sind, die Gott suchen und nach den Vorgaben Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gottvertrauen leben möchten. Sie werden begleitet und unterstützt von einem Supporter, dem Heiligen Geist. Das Schöne ist: Dieser Geist weht, wann er will und wo er will. Manchmal heftig, manchmal spürt man ihn vielleicht weniger. Aber er ist da. Das ist eine Hoffnungsbotschaft. Das feiern wir an diesem Sonntag.

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