Coronavirus
Die Mutation ist schuld am zweiten Schweizer Lockdown

Die Angst vor der mutierten Virus-Variante aus Grossbritannien, die über Europa zieht, beeinflusst die Massnahmen des Bundesrates.

Bruno Knellwolf
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An der ETH in Lausanne haben gestern Studentinnen und Studenten noch eine Prüfung geschrieben.

An der ETH in Lausanne haben gestern Studentinnen und Studenten noch eine Prüfung geschrieben.

Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat 3001 Neuinfektionen und 58 laborbestätigte Todesfälle gemeldet. Da der Mittwoch jeweils der Tag mit den höchsten Fallzahlen ist, tönt das im ersten Moment gut. Trotzdem hat der Bundesrat gleichzeitig härtere Massnahmen beschlossen. Der Grund dafür ist das in Grossbritannien mutierte Virus der Variante B.1.1.7, das seit mehreren Wochen über die britische Insel zieht.

Nach den Aussagen von Bundesrat Alain Berset ist das mutierte Coronavirus 50 bis 70 Prozent ansteckender als die herkömmliche Variante. Das bestätigt Professor Richard Neher, der im Biozentrum der Universität Basel Viren analysiert. «Die Variante B.1.1.7 scheint sich nun auch in Irland und Dänemark auszubreiten und die Hinweise auf eine schnellere Übertragung verdichten sich», sagt der Virenforscher.

Befürchtung einer Explosion der mutierten Variante

In der Schweiz verdoppelt sich die Zahl der mit dieser Variante infizierten Menschen zurzeit jede Woche. Betroffen sind zwar noch nicht viele Personen, trotzdem befürchtet der Bundesrat wegen der bestätigten höheren Ansteckungsgefahr eine allfällige Explosion dieser Virus-Variante, was mit höheren Fallzahlen auch wieder zu mehr Spitaleinweisungen und Todesfällen führen könnte.

Das mutierte Virus scheint auf Europatournee zu sein. Der Wintersportort Kitzbühel meldete am Mittwoch, dass sich mindestens 17 Menschen an der Mutation des Coronavirus angesteckt haben. Entdeckt wurde die Mutation in einer Wohnüberbauung, in der 38 Skilehrer aus Grossbritannien einquartiert sind, die einen Fortbildungskurs in Kitzbühel absolvieren.

Kein Wunder fragen sich in Österreich nun viele, warum ausgerechnet Skilehrer aus England einreisen durften. Das gleichzeitig in Österreich über Schulschliessungen nachgedacht wird, spottet die Oppositionspartei Neos über die Prioritätensetzung der Regierung: «Ausbildung: Skilehrer aus dem UK ja, Schülerinnen und Schüler aus Österreich nein», twittert Neos, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt.

Wengen als kleiner Mutanten-Hotspot

Auch in der Schweiz ist mit Wengen ein Skiort zu einem kleinen Mutanten-Hotspot geworden, weshalb das Lauberhornrennen vom kommenden Wochenende abgesagt werden mussten. Auch in Wengen ist der Ursprung der Ansteckung ein einzelner britischer Gast, der in einem Hotel als Superspreader 27 andere Gäste und Hotel-Mitarbeiter angesteckt hat. Inzwischen sind in Wengen 70 Infizierte gemeldet worden.

Dabei war das Coronavirus lange Zeit sehr stabil geblieben, wie Richard Neher in den letzten Monaten immer wieder bestätigt hat. Wissen muss man, dass ein Virus immer ein wenig mutiert. «In den ersten Monaten der Pandemie hat sich in den Virus-Genomen im Durchschnitt etwa alle zwei Wochen eine neue Mutation angesammelt», erklärt Neher.

Bei der neuen Variante beobachten die Basler Forscher jetzt rund zehn Mutationen mehr, als man erwarten würde. «Viele dieser Mutationen sind in prominenten Positionen im Spike-Protein des Coronavirus zu sehen», sagt Neher, was bedeutet, dass sich diese Variante wohl deshalb besser verbreitet. «Nun scheinen diese Varianten sich aber mit der normalen Rate von zwei Mutationen pro Monat weiterzuentwickeln», sagt Neher, also wieder so wie zuvor.

Generell heisst es oft, dass ein Virus je ansteckender, desto weniger gefährlich sei. Das Virus Ebola ist zum Beispiel sehr schnell tödlich, aber sehr wenig ansteckend. Doch daraus zu schliessen, das mutierte Coronavirus sei weniger gefährlich als die alte Variante, wäre falsch.

«Es gibt keinen generellen Zusammenhang zwischen Übertragbarkeit und Gefährlichkeit»,

sagt der Basler Virenforscher. Eine Studie aus Grossbritannien zeigt zumindest, dass schwere Erkrankungen nicht häufiger auftreten. In der allerdings noch nicht bestätigten Studie mussten von den infizierten Personen weniger ins Spital eingeliefert werden als in der Vergleichsgruppe mit dem normalen Coronavirus. Auch bei der Sterblichkeit wurde bis heute kein Unterschied festgestellt.

Corona-Impfstoffe wirken auch gegen mutierte Viren

Eine gute Botschaft hat Neher, was die Wirksamkeit der neu entwickelten Impfstoffe betrifft. Es gebe Daten, die darauf hinweisen, dass die Corona-Impfstoffe nach wie vor funktionierten, sagt Neher. Doch bis genug Menschen geimpft sind und somit auch immun gegen das mutierte Coronavirus, dauert es noch Wochen und Monate.

Deshalb sagt der Basler Epidemiologe Marcel Tanner von der Covid-19-Taskforce, die Verdoppelungszeit des mutierten Virus innert einer Woche mache es nötig, jetzt die Massnahmen zu verschärfen. Dabei gehe es nur darum, die Mobilität und die Kontaktmöglichkeiten der Menschen zu reduzieren. Dass man auf Schulschliessungen verzichtet, hält er so wie die Infektiologen des Ostschweizer Kinderspitals für richtig.

«Es geht nicht nur um reine Infektionskontrolle, sondern auch um eine Güterabwägung», sagt Tanner. Eine Beiz könne man schliessen, weil man die Möglichkeit habe, den finanziellen Schaden zu kompensieren. Einen Schaden bei der Ausbildung der Kinder, könne man nicht ausgleichen, der habe nachhaltige gesellschaftliche Konsequenzen. Zudem habe die Zürcher Studie «Ciao» gezeigt, dass es kaum Ausbrüche in Schulen gegeben hat. Bei Schulen gelte: «Last close, first open», sagt Marcel Tanner.