Risiko-Staat

Corona-Test anstatt Quarantäne für alle: Der serbische Botschafter schlägt dem Bundesrat eine Alternative vor

Goran Bradic ist serbischer Botschafter in Bern.

Goran Bradic ist serbischer Botschafter in Bern.

Serbien figuriert auf der Liste der 29 Länder, aus denen Rückkehrer zehn Tage in Quarantäne müssen. Der serbischer Botschafter in Bern, Goran Bradic, vermutet dennoch: «Zweifellos werden in den nächsten Wochen sehr viele Menschen aus der Schweiz nach Serbien reisen.»

Zu zehnt feierte eine Gruppe junger Männer aus dem Kanton Graubünden Party in Belgrad. Sechs davon kehrten mit dem Coronavirus zurück. In den vergangenen Tagen stellte der Bund fest, dass viele Neuansteckungen von Serbien-Rückkehrern stammen. Dass die Regierung gemäss Medienberichten möglicherweise Coronazahlen schönt, beschädigt das Image Serbiens zusätzlich.

Die steigende Zahl der Neuinfektionen besorgen den Rest der Welt. Was Bundesrat Alain Berset am Mittwoch bereits durchblicken liess, hat sich jetzt bestätigt: Serbien figuriert mit 28 weiteren Ländern, darunter Kosovo, Schweden, Russland und die USA, auf einer Liste mit Risikoländern. Das bedeutet: Wer aus einem dieser Länder in die Schweiz einreist, begibt sich erst einmal während zehn Tagen in Quarantäne.

In der Schweiz leben rund 150'000 Menschen mit serbischen Wurzeln. Ausgerechnet zum Start der Sommerferien hat das Coronavirus den unbeschwerten Besuch der Heimat vermasselt. «Einige werden jetzt vielleicht verzichten», sagt Goran Bradic, serbischer Botschafter in Bern. «Zweifellos werden aber in den nächsten Wochen sehr viele Menschen aus der Schweiz nach Serbien reisen.» Für sie werde die Quarantänepflicht schwierig. Entweder müssten sie die Ferien um zehn Tage kürzen oder zusätzlich unbezahlten Urlaub nehmen.

Bradic schlägt deshalb dem Bund eine andere Lösung vor. Rückreisende sollen in Serbien oder in der Schweiz einen Covid-Test machen und bei negativem Ergebnis von der Quarantäne befreit werden.

Auf Besuch der Mutter verzichtet

Fest steht: Die Einstufung Serbiens zum Risikoland beschäftigt die Diaspora. Sasa Rasic zum Beispiel, ehemaliger Mitarbeiter unserer Zeitung, verzichtet wegen der epidemiologischen Lage darauf, seine Mutter in Serbien zu besuchen. Auch Einladungen für Hochzeiten hat er abgesagt.

Boban Petkovic aus Nebikon im Kanton Luzern hatte Ferien in der westserbischen Stadt Zlatibor gebucht, sein Sohn wollte in einem Fussballcamp kicken. Wegen des Virus hat der Verleger und Redaktor der Zeitschrift «Swiss Serbi» diese Pläne begraben. Stattdessen verhandelt er jetzt mit dem Hotel über eine allfällige Rückerstattung der Kosten.

«Ich kenne viele Serben in der Schweiz, die dieses Jahr nicht in ihre Heimat reisen», sagt Petkovic. Wenn man zehn Tage seiner Ferien für die Quarantäne nach der Rückkehr opfern müsse, lohne sich das nicht.

Petkovic hat Verständnis, dass der Bundesrat im Kampf gegen die Pandemie Massnahmen ergreift. Er fände es aber besser, wenn auch Rückkehrer aus Serbien nur in Quarantäne geschickt würden, wenn sie Symptome aufweisen. Viele Serben würden sensibel auf die aktuelle Coronadiskussion für ihr Land reagieren, sagt er. Das hat mit der Vergangenheit zu tun, als die serbische Diaspora unter Negativschlagzeilen litt, zum Beispiel wegen den sogenannten Balkanrasern.

Petkovic hofft, dass sie nicht schon wieder zu Sündenböcken abgestempelt werden. Die Bündner Kantonsärztin Marina Jamnicki etwa vermied derartige Schuldzuweisungen im Zusammenhang mit dem kontaminösen Trip der jungen Bündner nach Belgrad: «Der Grund für die Ansteckungen ist das Party-Leben an sich», sagte sie.

Rund 200'000 Kosovaren leben in der Schweiz. Auch ihre Heimat ist auf der Liste der Risikoländer gelandet. Valentina Smajli aus Luzern ist Seconda und gut vernetzt in der kosovarischen Diaspora in der Schweiz. Die Pandemie könne ein Grund sein, auf Ferien in der Heimat zu verzichten, sagt sie.

Sie beobachtet auch, dass viele das Auto anstelle des Flugzeugs benutzen. Eine Ansteckungsgefahr bleibe. «Ich appelliere an das Pflichtgefühl und die Selbstverantwortung der Mitmenschen.»

Angst vor Kündigung

Blerim Shabani ist Chefredaktor von albinfo.ch. Das Internetportal informiert die Diaspora auf Albanisch, Deutsch und Französisch. Das Entsetzen über die Tatsache, dass Kosovo jetzt als Risikogebiet gilt, sei gross. «Bis zu diesem Entscheid haben sich die Leute Hoffnungen gemacht, dass es irgendwie wie üblich mit den Ferien in der Heimat klappen würde», sagt Shabani.

Er geht davon aus, dass viele darauf verzichten werden, weil es sich nicht schlicht und einfach nicht lohne. Manche befürchten auch, die Quarantäne könnte ihnen Probleme mit dem Arbeitgeber bescheren, im schlimmsten Fall sogar eine Kündigung. 

Autor

Kari Kälin

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