Corona-Politik
Das Ende der Zertifikatspflicht kommt in Raten

Das Corona-Zertifikat ist umstritten. Doch schon jetzt ist klar: Für Grossanlässe dürfte die Zertifikatspflicht noch länger gelten. Darauf weisen Aussagen von Bundesrat Alain Berset hin.

Nina Fargahi
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Gesundheitsminister Berset möchte den Impfpass für Grossveranstaltungen eine Weile beibehalten.

Gesundheitsminister Berset möchte den Impfpass für Grossveranstaltungen eine Weile beibehalten.

chm

Wann ist die Pandemie vorbei? Das fragen sich viele. Geht es nach Lukas Engelberger, dem Präsidenten der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz, wird das ab nächsten Frühling der Fall sein. Und auch Gesundheitsminister Berset sagte in einem Interview mit dieser Zeitung, dass «in absehbarer Zeit im nächsten Jahr» kein Zertifikat mehr nötig sei. Der Bundesrat prüft die Aufhebung der erweiterten Zertifikatspflicht für Restaurants oder Fitnesscenter bereits Mitte November. Doch bei den Grossanlässen, so Berset, dürfte der Impfpass noch länger nötig bleiben.

Zertifikatspflicht ist kein Jojo-Spiel

Eine Umfrage bei verschiedenen Parlamentsmitgliedern zeigt, dass eine verlängerte Zertifikatspflicht bei Grossveranstaltungen auf Zustimmung stösst. So sagt zum Beispiel FDP-Nationalrat Philippe Nantermod: «Für uns macht es Sinn, die Zertifikatspflicht für Grossanlässe für eine längere Zeit beizubehalten.» Man wisse schliesslich, dass in der Vergangenheit viele Ansteckungen während grösseren Veranstaltungen passiert seien.

«Zudem ist es für ungeimpfte Personen nicht schwierig, sich für die Olma oder für ein grosses Konzert testen zu lassen.» Eine Zertifikatspflicht gebe zudem den Organisatoren etwas mehr Planungssicherheit: «Solche Anlässe auf die Beine zu stellen ist ja schon kompliziert genug.» Ausserdem wisse man nicht, wie sich die Pandemie entwickle und ob dereinst eine neue Variante auf den Plan trete. «Deshalb ist es sinnvoll, die Zertifikatspflicht bei Grossanlässen beizubehalten, statt sie aufzuheben und wieder einzuführen – die Zertifikatspflicht ist kein Jojo-Spiel.»

Auch Nationalrätin Franziska Roth (SP/SO) findet die Zertifikatspflicht bei Grossanlässen verhältnismässig, denn sie seien schliesslich nichts Alltägliches. «Wir wissen, dass bei grossen Menschenansammlungen das Virus einfacher übertragen werden kann. Das sollten wir im Auge behalten.»

«Bundesrat überholt seine eigenen Aussagen»

Allerdings übt sie harte Kritik an der erweiterten Zertifikatspflicht, die seit 13. September gilt:

«Diese Corona-Politik ist toxisch und wenig evidenzbasiert; ich erlebe die Folgen, weil ich viel mit Menschen mit Beeinträchtigungen oder mit psychischen Krankheiten arbeite, die in ihrem Alltag krass ausgeschlossen werden, weil sie sich die Tests nicht leisten können.»

«Wir haben es im Parlament verpasst, rote Linien zu diskutieren.» Sie befürworte das Gesetz, es sei richtig, ein EU-kompatibles Instrument zu haben, auch für Reisen ins Ausland. «Aber wir müssen darüber sprechen, wen wir aus der Gesellschaft mit dieser Politik ausschliessen.» Sie fragt: «Welcher Weg ist gerecht?» Die 3G-Regel sei ein möglicher Weg. Den Genesenen komme man jetzt entgegen, die Impfung sei ebenfalls kostenfrei, also sollten die Tests auch gratis sein. «Die Dänen sehen Gratistests neben dem Impfen als Superwaffe.»

Roth erwarte vom Bundesrat eine evidenzbasierte Politik:

«Das Schlimmste ist, wenn der Bundesrat seine eigenen Aussagen immer wieder überholt.»

Und weiter führt sie aus: «Wir müssen Parameter setzen und diese auch aushalten, wenn wir aus der Pandemie herausfinden wollen, ohne ganze Bevölkerungsgruppen abzuhängen.»

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