«Bleiben Sie doch sitzen», sagt Charles Lewinsky zu einer Besucherin in dem schlichten Café, als er zum Interview kommt. Der Autor will keine Umstände machen. Im Gespräch redet er leise und überlegt, er nimmt sich zurück, blickt aber mit wachen Augen hinter den dezenten Brillengläsern hervor. Einen Wunsch hat der Autor, der seinen 70. Geburtstag mit einem neuen Buch feiert: Man solle nicht zu viel verraten. Also versuchen wir ein Gespräch – auch über, aber möglichst ohne das Buch.

Herr Lewinsky, glauben Sie an die Wiedergeburt?

Keine Ahnung!

Fänden Sie es schön, wenn es noch eine Runde auf dem Karussell gäbe?

Wenn man aussuchen könnte, was man dann können würde, wäre es toll. Ich würde mir einen Körper aussuchen, der zum Tanzen geeignet ist. Ich bin ein absoluter «Bewegungstubbel».

Sucht man sich das Leben aus?

Keine Ahnung! Ich hatte mal einen Freund, der mit gegen 90 angefangen hat, zu schreiben. Und er hat gesagt, weisst Du, in diesem Leben wird das nichts mehr, aber im nächsten habe ich dann schon einen Vorsprung. Das fand ich einen schönen Gedanken.

In Ihrem Buch ist Wiedergeburt wohl eher als Bild zu verstehen, als das Böse, das wiederkommt?

Ich bin gegen symbolische Leseweisen von Büchern. Ich beabsichtige keine Symbolik beim Schreiben. Ich will eine gute Geschichte erzählen.

Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

Normalerweise drehe ich Bücher über Jahre im Kopf, bevor ich zu schreiben anfange. Die Voraussetzung dieser Geschichte hatte ich aber so pfannenfertig, dass ich sie aufschreiben musste. Aber es ist wie mit dem Tausendfüssler: Wenn der anfängt zu überlegen, in welcher Reihenfolge er die Beine abstellt, fliegt er nur noch auf den Sack. Ich will nicht wissen, wo die Ideen herkommen. Solange sie kommen.

Was hat Sie an der Idee interessiert?

Was hoffentlich auch den Leser interessiert. Es ist ein ganz spannendes Gedankenexperiment.

Die Wiedergeburt?

Nein, die Frage, was wäre, wenn Wiedergeburt mit Erinnerung verbunden wäre. Was würde das mit einem machen? Ich wüsste keine Antwort. Aber ich schreibe ja kein wissenschaftliches oder philosophisches Buch, ich erzähle eine Geschichte.

Wäre es besser, wenn man die Erinnerung hätte?

Ich glaube nicht, dass man es aushalten würde. Das Leben ist schon so schwierig genug, mit einer Existenz.

Einmal im Buch heisst es, die heutige Zeit sei eine kindliche Zeit. Sehen Sie das so?

Gerade in den letzten 50 Jahren ging es ja immer aufwärts. Wir sind alle nicht mehr darauf eingerichtet, dass es auch Krisen und Schwierigkeiten gibt. Wir nehmen es als selbstverständlich hin, dass die AHV pünktlich ausgezahlt wird, dass, wenn man krank wird, ein Doktor da ist und die Krankenkasse zahlt. Das ist schon eine kindliche Haltung, weil es natürlich überhaupt nicht selbstverständlich ist und sicher auch nicht von Dauer. Es war noch nie von Dauer in der Weltgeschichte.

Sehen Sie Ansätze, das zu ändern?

Die Erkenntnis hinkt ja den Tatsachen immer hinterher. Wir versuchen im Moment noch, neue Schwierigkeiten mit alten Rezepten zu lösen. Auf Dauer wird das nicht funktionieren.

Ihr Schriftstellerkollege Lukas Bärfuss hat ja letzten Herbst gegen die Schweiz polemisiert. Sie hingegen haben gesagt, dass Sie eigentlich Vertrauen in die Schweiz haben.

Es ist die einfachste Methode für einen Intellektuellen, zu sagen, das sind alles «dummi Sieche», nur ich weiss Bescheid. Ich erlaube mir den einfachen Weg nicht. Ob man sagt, in der Schweiz ist alles schlecht, oder ob man sagt, in der Schweiz ist alles gut, man darf nur keine Fremde hineinlassen, ist im Grunde genommen das Gleiche.

Welches ist Ihr Weg?

Ich glaube nicht, dass man das in einem Satz beantworten kann. Wie heisst es im Faust? «… ist aus einem Punkte zu kurieren». Nichts ist aus einem Punkte zu kurieren! Es spielt immer ganz viel ineinander hinein. Ich sage da jeweils, meine Kristallkugel ist gerade in Reparatur.

Trotzdem, ein Ansatz?

Die Meinung, dass wir die Perfekten sind und alle anderen sich gefälligst nach uns richten müssen, werden wir nicht beibehalten können.

Wir sollten mehr auf das Gegenüber zugehen?

Ich weiss nicht einmal, ob ich das so sagen würde. Aber, realisieren, dass die Welt nicht eine Unterabteilung der Schweiz ist.

Mit der Mobilisierung gegen die Durchsetzungsinitiative kam ja etwas in Bewegung.

Ich habe Angst, dass die Leute sich jetzt zurücklehnen und denken, wir haben das erledigt. Man wird diese Energie wieder aufbringen müssen. Wenn man sich anschaut, was im Moment schon unterwegs ist: eine Initiative blöder als die andere! Schweizerrecht über Völkerrecht: Eine Initiative, die sagt, dass es nur ein Gesetz auf der Welt gibt, das gilt und das in Herrliberg gemacht wird. Eine grauenhafte Vorstellung. Jetzt schon läuft die Unterschriftensammlung für eine Abstimmung über das Burkaverbot. Noch mal so ein Aknepickel auf unserer schönen Verfassung.

Ein anderes heutiges Problem ist das Computerzeitalter. Für Leute, die Böses wollen, ein Eldorado.

Für meine Figur ist es vor allem ein Eldorado, weil sie in dem Ganzen so ungeheuer unverdächtig ist. Für jemanden mit einer verbrecherischen Ader ist das eine ideale Situation.

Gleichwohl sind die Mittel, die das Böse heute hat, im Vergleich zu früher wahnsinnig potenziert.

Ja, klar, es wird alles schneller und effizienter und dadurch natürlich gleichzeitig auch gefährlicher.

Sind wir zu sorglos?

Man kann sich hundertprozentig darauf verlassen, dass wir irgendwann einmal ein datenmässiges Tschernobyl haben werden. Heute schon ist es rein technisch möglich, die ganze Infrastruktur eines Landes mit einem Cyberangriff zu zerstören. Irgendwann passiert das. Und dann werden wir vorsichtiger. Aber bevor es nicht «tätscht», wird man weitermachen. Es ist ja immer gut gegangen.

Gibt es das überhaupt, das Böse?

Nicht im Sinn eines Teufels oder so. Aber selbstverständlich gibt es einfach wirklich böse Menschen. Ganz klar.

Woher kommt es, das Böse?

Keine Ahnung. Ich habe im Moment das Gefühl, Sie wollen von mir die Welt erklärt haben. Da bin ich überfordert.

Patricia Highsmith hat einmal gesagt, niemand denke von sich, er sei eine schlechte Person.

Klar, das gehört zum menschlichen Charakter. Nichts läuft so gut wie die pausenlose Erklärung, warum es richtig ist, was wir gemacht haben. Das ist fest verkabelt in unseren Gehirnen.

Im Buch schreiben Sie auch, die Leute glauben, was sie glauben wollen.

Niemand kann ja die Welt sehen, wie sie ist, dafür ist sie viel zu kompliziert. Wir alle machen uns Bilder. Der eine sagt, die Welt kommt in Ordnung, wenn wir allen Reichen das Geld wegnehmen. Der andere sagt, die Welt kommt erst in Ordnung, wenn wir alle vegan leben. Jeder hat eine winzige Ecke und sagt, das ist die Welt.

Das interessiert Sie: der Schein und das Sein, oder?

Was mich in all meinen Büchern immer wieder wahnsinnig fasziniert, ist der Unterschied zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir versuchen, den anderen, aber auch uns selber vorzumachen. Ich staune jeweils immer hinterher, dass ich schon wieder über dieses Rollenspiel geschrieben habe.

Warum fasziniert Sie das so?

Wahrscheinlich, weil ich noch nicht drauskomme. Es interessieren mich eigentlich immer die Sachen, die ich noch nicht verstanden habe. Nachher kann man sie abhaken. Aber ich glaube, ich werde das nie kapieren.

Es hat auch etwas Schönes, von jemandem nicht alles zu wissen.

Ja, aber man fliegt oft herein, sonst gäbe es ja keine Hochstapler. Wir leben in einer Zeit der Imageberater, die sagen, wie jemand sein muss, damit ihm die Leute glauben. Das ist eine Spezialität unserer Zeit. Sie wissen heute bei einem Politiker nicht mehr, wie er ist. Sie wissen nur, wie er sich verkauft.

Für den Menschen selber ist dieses Rollenspiel aber auch nicht leicht.

Klar. Wenn jetzt noch ein paar Journalisten kommen und von mir wollen, dass ich ihnen die Welt erkläre, dann gehe ich bald nach Hause und sage zu meiner Frau: «Du, ich habe gemeint, ich sei Schriftsteller, aber das ist nicht so, ich bin Philosoph!»

Ich will ja nicht, dass Sie mir die Welt erklären. Ich will nur, dass Sie mir sagen, wie Sie sie sehen.

Das ist einfach ein Beispiel. Wir neigen dazu, die Rolle, die man uns zuschreibt, irgendwann zu akzeptieren. Ich beobachte das bei Leuten, die sehr jung Erfolg haben. Teenie-Idole. Wenn sie alle bejubeln, glauben sie irgendwann, sie müssten wirklich etwas Göttliches haben. Dann bekommen sie das Justin-Bieber-Syndrom und bauen nur noch Mist. Sie dürfen ja. Es haben ja immer alle gesagt, sie seien so besonders.

Ihr Sohn ist jetzt sehr im Gespräch. Haben Sie ihn ermuntert, einen ähnlichen Weg wie Sie zu gehen?

Ich habe ihn hoffentlich nicht in die Richtung geschupft.

Wieso hoffentlich nicht?

Weil jeder seinen eigenen Weg finden muss. Ich glaube, dass mein Sohn Filmdrehbücher schreibt und Filme macht und meine Tochter als Historikerin auch schon ihre ersten Bücher herausgegeben hat, hat mehr damit zu tun, dass sie in einer Familie aufgewachsen sind, wo Bücher selbstverständlich sind. Ich habe meinem Sohn nicht gesagt, Du musst jetzt meine Schreibfirma übernehmen. Aber ich freue mich, dass er Erfolg hat. Und ich freue mich, dass meine Tochter Erfolg hat. Das ist schön als Vater.

Der künstlerische Weg hat Ihnen nie Sorgen gemacht?

Als Eltern können Sie eigentlich nur ein Ziel haben: Wenn ihre Kinder achtzehn sind und keines ist auf Drogen und keines hat je den Finger in der Steckdose gehabt, dann haben Sie es nicht allzu falsch gemacht.

Glauben Sie, dass Sie Ihre Kinder kennen?

Natürlich meint man, dass man sie kennt, aber sie überraschen mich trotzdem immer. Ich kapiere auch meine Frau nicht. Wir sind jetzt mehr als 50 Jahre zusammen und ich komme immer noch nicht draus. Vielleicht sind wir darum seit 50 Jahren zusammen, weil wir immer noch versuchen, herauszufinden, wie der andere ist.

Es ist eine Frage des Masses?

Wenn man zu wenig weiss, geht es auch nicht. Aber solange der Partner spannend bleibt, lebt es. Im Zug kann man manchmal Ehepaare beobachten, wo man das Gefühl hat, da laufen nur noch zwei Automaten nebeneinander.

Kann man das beeinflussen?

Nein, man kann Glück haben. Ich habe sehr jung die richtige Frau kennen gelernt. Ein reiner Glücksfall. Kein Verdienst. Einfach Schwein gehabt.

Ihren 70. Geburtstag feiern Sie nicht im privaten Kreis, sondern mit der Buchpremiere. Warum?

Ich finde das eine schöne Art, einen runden Geburtstag zu feiern. Normalerweise ist der 70. der erste Rückblicksgeburtstag. Ich will vorwärtsmachen. Etwas Neues. Das Lustige ist: Ich habe mir, Jahre bevor das Buch geschrieben war, vorgenommen, an dem Tag ein neues Buch herauszubringen.

Es ist kein sehr angenehmer Zeitgenosse, mit dem Sie jetzt feiern …

Was hätte ich machen müssen, ein herziges Buch schreiben? Etwas für die Schweizer Familie oder so? Warum?

Mögen Sie Ihre Figur?

Er ist einer der unangenehmsten «Sieche», mit denen ich je beim Schreiben zu tun hatte. Noch nicht der Unangenehmste.

Der kommt noch?

Nein, der Unangenehmste war die Hauptfigur von «Johannistag». So ein «Jämmerli». Er hat nie eingesehen, dass er Seich gemacht hat. Der ging mir so auf den Keks. Aber ich konnte ihn nicht ändern, es war sein Buch.

Im neuen Buch gibt es ja auch lustige Momente.

Es hat absurde Elemente.

Hat das nicht Spass gemacht?

Das mit dem Spassmachen führt in die Irre. Ich habe gern den Bergsteigervergleich. Auf den Berg kraxeln ist wahrscheinlich nicht wahnsinnig angenehm, aber es ist so geil, wenn man oben ankommt. Schreiben ist Arbeit. Verdammt anstrengende Arbeit. Aber es ist schön, wenn am Schluss etwas dabei herauskommt. Darum, Spass gemacht … das wäre dann so hahaha hahaha … das ist es nicht.

Was bedeutet Schreiben für Sie?

Ich wüsste nicht, was ich mit mir anstellen sollte, wenn ich nicht schreiben dürfte. Es gehört einfach zu mir.

Und literarisches Schreiben, im Gegensatz zu dem, was Sie früher gemacht haben.

Es ist natürlich viel schöner. Ich habe jahrelang meine Familie mit handwerklichen Schreibereien ernährt. Das ist o. k. Aber man schreibt doch das, was andere Leute haben wollen. Ich sitze nicht da und schreibe «Fascht e Familie» und lache dabei. Es ist ein Job. Und den macht man so gut wie möglich. Wie sich das gehört für einen anständigen Handwerker.

Feiern Sie Ihren 70. Geburtstag mit dem Buch auch, um zu sagen: Ich kann mich jetzt im Alter, wo andere pensioniert sind, wirklich nur noch dem Schreiben widmen?

Das habe ich ja schon vor etlichen Jahren angefangen, das ist nichts Neues. Aber das Schöne beim Schreiben ist, man muss nicht aufhören. Es kommt kein Chef und sagt: Da haben Sie eine goldene Uhr. Ab jetzt gehen Sie Ihre Briefmarken sortieren. Ich kann einfach weitermachen, bis es nicht mehr geht. Und dann geht es nicht mehr. Noch geht es.