Öffentlicher Verkehr
Chaotischer Billett-Dschungel: Wenn die Tariffalle zuschnappt

Der öV ist unübersichtlich, die Bedienung der Automaten kompliziert. Regelmässig tappen Bahnkunden in Mobilitätsfallen. Kein Wunder, denn in der Schweiz gelten 20 unterschiedliche Tarifsysteme.

Sibylle Zambon
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Viele Tarifsysteme, komplizierte Billettautomaten: Der öffentliche Verkehr soll einfacher werden.

Viele Tarifsysteme, komplizierte Billettautomaten: Der öffentliche Verkehr soll einfacher werden.

Keystone

Der Abend ist schon fortgeschritten, als Denis* und Timo* beschliessen, eine Home-Party in Diessenhofen zu besuchen. Am Automaten des Hauptbahnhofs Winterthur kauft jeder sein Billett. Die Nacht wollen sie in Diessenhofen im Kanton Thurgau verbringen und erst am nächsten Morgen nach Winterthur zurückkehren.

Es lohnt sich, so denken sie, eine Tageskarte zu lösen. Weit gefehlt: Am Sonntagmorgen geraten die zwei in eine Kontrolle. Als sie ihre Tickets zücken, kommt das böse Erwachen. Die Tageskarte, welche sie vor zwölf Stunden lösten, ist ungültig; die Busse, die sie kassieren: 100 Franken pro Nase. Im Thurbo gelte die Tageskarte pro Kalendertag, so die Erklärung der Kontrolleurin, und nicht wie im Zürcher Verkehrsverbund pro 24 Stunden.

Tatsächlich, wer beim Lösen des Billetts am Automaten das Kleingedruckte bzw. zwischen den Zeilen liest, findet den Vermerk: gültig bis dato nächster Morgen um fünf Uhr. Die zwei Jugendlichen hätten also vor fünf Uhr morgens zurückreisen müssen, um keine Busse zu riskieren. Dann aber hätten sie noch ein Ticket für den Nachtzuschlag gebraucht. Denn zwischen 22 und 5 Uhr können höhere Tarife gelten. Diese und andere Fallen schnappen zu, wenn sich der Bahnkunde nicht auskennt. Und das kann leicht geschehen. Denn schweizweit gelten 20 unterschiedliche Tarifsysteme, allein im Kanton Solothurn sind es fünf. Kein Wunder, bietet man hier und in andern Schweizer Städten unterdessen Kurse für Senioren an, in welchen man den Umgang mit Billett-Automaten lernt.

Überforderte Kunden

Dass Kunden überfordert sind, bestätigt Hans Höhener. Er ist Ombudsmann des Verbandes öffentlicher Verkehr (VöV). «Beschwerden betreffen hauptsächlich die komplizierten Automaten und das unübersichtliche Tarifsystem», so Höhener. Regelmässig bringt er Kundenprobleme an Treffen mit Verantwortlichen zur Sprache. Damit sich nachhaltig etwas ändert, müssten sich die 20 Verbünde mit den SBB als grösstem Player auf ein System einigen, meint er. Einer raschen Lösung stehen aber die Kosten und der Schweizer Föderalismus der historisch gewachsenen Systeme im Weg. Oder auch einfach die Tatsache, dass die Verantwortlichen selber ein GA besitzen und die Probleme gar nicht kennten, meint Höhener.

Der öV muss einfacher werden. Das fordern auch Politiker. Der Solothurner Nationalrat Stefan Müller-Altermatt gelangte mit diesem Anliegen schon vor über einem Jahr an den Bundesrat. «Der Kauf eines Billetts wird für den Kunden mitunter zum Spiessrutenlauf», begründete er. Der Kunde werde gleich doppelt geprellt: Er müsse sich im Dickicht der Tarifsysteme zurechtfinden und finanziere ein ineffizientes System. Abhilfe wollen die SBB nun mit einer kostenlosen Telefon-Hotline schaffen. Seit Anfang Dezember können Bahnkunden über die Nummer 0800 11 44 77 Hilfe anfordern, wenn sie beim Ticketlösen Probleme haben. 60 Mitarbeitende stehen dafür rund um die Uhr zur Verfügung. Ausserdem sollen nächstes Jahr rund 1000 Ticketautomaten durch modernere ersetzt werden.

Die Zukunft soll es richten

Vertröstet werden Kunden allzu oft mit der Zukunft. «Eine Reise, ein Ticket», heisst die Strategie des VöV. Doch wie sieht es damit aus? Auf Mitte Jahr wollen die SBB den SwissPass einführen. Eine Chipkarte, die vorerst für General- und Halbtaxabos eingesetzt wird. In einem zweiten Schritt könnte der SwissPass mit Abonnementen anderer Verbünde oder Skiabos aufgeladen werden. Das allein führt allerdings noch zu keiner Vereinheitlichung des herrschenden Durcheinanders im Tarifsystem. Eine grundlegende Lösung des Problems liege in weiterer Zukunft, weiss Reto Schärli, Mediensprecher der SBB. Sie heisst E-Ticketing mit Monatsrechnung und würde das Billett überflüssig machen. Mit einer Chipkarte könnten die Reisenden im öffentlichen Verkehr automatisch ein- und auschecken und würden am Ende des Monats eine Rechnung für die zurückgelegten Strecken erhalten. Dieses System wurde in Holland teilweise eingeführt. Doch noch winken Experten ab. Laut Angaben von Reto Schärli ist etwa die Frage, wo die Chip-Lesegeräte installiert würden, noch nicht geklärt.

Vorerst muss sich der Kunde wohl oder übel noch im Dschungel der Tarifsysteme durchschlagen und allenfalls eine Busse in Kauf nehmen. So wie Timo und Denis. Denn die Kontrolleurin ist nicht kulant. Das Argument, dass die Tageskarte gleich viel kostet wie zwei Einzeltickets, lässt sie nicht gelten. Denis bezahlt seine Busse sofort. Timo gibt sich nicht geschlagen. Er reklamiert bei der Thurbo. Seine Busse wird schliesslich auf 40 Franken reduziert.

*Namen geändert

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